Wickersdorf: Wenn die Schule das Dorf prägt

An keiner anderen Stelle im Landkreis ist die Entwicklung des Ortes so eng mit der Bildungseinrichtung verbunden wie in Wickersdorf. Von der Freien Schulgemeinde zur Lebensgemeinschaft.

Eine Gruppe Wickersdorfer Schüler um das Jahr 1920 beim Aufbruch zu einer Wanderung. Foto: Archiv Heimatverein Wickersdorf

Eine Gruppe Wickersdorfer Schüler um das Jahr 1920 beim Aufbruch zu einer Wanderung. Foto: Archiv Heimatverein Wickersdorf

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Wickersdorf. Es ist nicht so, dass Wickersdorf außer der Lebensgemeinschaft nichts zu bieten hätte. Es gibt zwei Gasthöfe mit Pensionen, ein Dorfgemeinschaftshaus, einen Heimatverein, Bolzplatz und rund 150 Einwohner, die nicht zur Lebensgemeinschaft gehören. Dennoch ist kein Ort im Landkreis so eng mit der Geschichte seiner Schule verknüpft wie Wickersdorf auf der Saalfelder Höhe.

Es war im Sommer 1906, als sich eine Gruppe von Reformpädagogen um Gustav Wyneken und Paul Geheeb mit etwa 20 Schülern auf die Suche nach einer neuen Heimstatt machte. Weg aus Haubinda bei Hildburghausen, wo man sich vom Gründer des Landeserziehungsheimes getrennt hatte, auf nach Wickersdorf, wo die herzogliche Forstdomäne seit einigen Jahren leer stand. Schon am 1. September 1906 begann unter dem Namen "Freie Schulgemeinde Wickersdorf" der Schulbetrieb in den Gebäuden des ehemaligen Gutshofes. Es gilt als die Geburtsstunde der Reformpädagogik.

In den 100 Jahren danach wurde Wickersdorf zum Spiegelbild der gesellschaftlichen Veränderungen. Erziehung als Formung des Menschen war die Kernidee des Atheisten Wyneken, der Sexualerziehung, Schülermitbestimmung und musische Bildung einführte. Drei Jahre lang, von 1910 bis 1912, gewannen Wickersdorfer Schüler die Deutschen Meisterschaften im Bobsport. Die Schule galt als Auflehnung gegen den unterwürfigen Geist der wilhelminischen Zeit.

In der Weimarer Republik lernten in Wickersdorf spätere Künstler, Wissenschaftler, Politiker von Rang. Der Verlagsgründer Peter Suhrkamp war als Lehrer in Wickersdorf tätig, ebenso Otto Peltzer, Weltrekordler im Mittelstreckenlauf.

Die Nazi-Zeit beendete das Schulprojekt. Mädchen und jüdische Schüler mussten Wickersdorf verlassen, die Schule wurde unter dem Hakenkreuz verstaatlicht. Die Schülerzahl wuchs in den Kriegsjahren von 150 auf 250 an.

Nach Kriegsende führte man den Zusatz "Freie" Schulgemeinde für die Internatsschule wieder ein. Zu den Alt-Schülern aus gut situierten, bürgerlichen Kreisen kamen nun Arbeiter- und Bauernkinder. Bereits in den 50er Jahren wurde damit begonnen, den Russischunterricht zu erweitern. 1964 entschied das DDR-Ministerium für Volksbildung: Wickersdorf wird eine Spezialschule, die junge Menschen auf ein späteres Studium und den Beruf als Russischlehrer vorbereiten sollte. Das Land brauchte Russischlehrer, aus dem "Versuchsacker für eine neue Jugend" (Peter Dudek) wurde eine Kaderschmiede für Pauker, an der sich auch andere staatliche Organisationen gern bedienten.

Die Wahrnehmung der 650 ehemaligen Schüler, die sich hier vor acht Jahren zum 100-jährigen Jubiläum der freien Schulgemeinde trafen, sind extrem unterschiedlich. Während die einen auf der Saalfelder Höhe die glücklichsten Jahre ihrer Jugend verlebten, berichteten andere von Drangsalierungen und traumatischen Erfahrungen.

Nach einem kurzen Wiederbelebungsversuch nach der Wende kam 1991 das endgültige Aus für die Internatsschule Wickersdorf. Zwei Jahre später zog die anthroposophische Lebensgemeinschaft ein, die zu einer Heimat für rund 160 Menschen mit und ohne körperliche, seelische und geistige Beeinträchtigung wurde. "Die Menschen, die ihr Lebensweg hier zusammenführt, verstehen sich als Entwicklungs- und Schicksalsgemeinschaft. Wir gestalten gemeinsam ein Leben in Würde, ermöglichen Teilhabe, Selbstbestimmung und Individualität", heißt es auf der Internetseite der Lebensgemeinschaft.

Gewachsen ist über die Jahre der Gebäudebestand. Es gibt heute neben dem eigentlichen, im 18. Jahrhundert erbauten Schulhaus eine Turnhalle, ein Herrenhaus, das Gartenhaus, Teehäuschen, Halmhaus, Speisesaal mit Anbauten sowie mehrere Wohnhäuser, zum Teil sogar im eigentlichen Dorf. Auch deren Namen spiegeln den Zeitgeist wider. So wurde der Marstall im Dritten Reich zum "Pimpfenhaus", hieß ab 1952 "Junger Partisan" und nunmehr Echohaus.

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