Wie viele Skilifte braucht das Thüringer Land?

Steinach  Klirrender Frost ist super. Findet jedenfalls Axel Müller. Der Boden muss durchfrieren. Mehrere Tage, vielleicht Wochen. Erst dann können die Schneekanonen zum Einsatz kommen. „Einige Minusgrade und absolute Windstille – das wäre perfekt für uns“, sagt er.

So schön kann der Winter sein: Bei strahlendem Sonnenschein nutzen Hunderte Ski- und Snowboardfahrer das Wochenende für einen Ausflug in die Skiarena Silbersattel in Steinach im Landkreis Sonneberg. Die Liftbetreiber in Thüringen hoffen, dass sie der Schnee in diesem Jahr nicht im Stich lässt. Foto: Alexander Volkmann

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Klirrender Frost ist super. Findet jedenfalls Axel Müller. Der Boden muss durchfrieren. Mehrere Tage, vielleicht Wochen. Erst dann können die Schneekanonen zum Einsatz kommen. „Einige Minusgrade und absolute Windstille – das wäre perfekt für uns“, sagt er.

Der erste Schnee im Thüringer Wald ist ein Anfang. Bei Oberhof sind schon einige Loipen gespurt. Und auch die Skiarena am Silbersattel rüstet sich. Noch aber warten die Lifte auf ihren ersten Einsatz.

Müller, 44 Jahre alt, ist Hotelier mit Leib und Seele. Und seit Kurzem auch der Betreiber der Skiarena im Landkreis Sonneberg. Die Stadt Steinach hatte bereits seit Längerem beschlossen, sich von dem Zuschussgeschäft trennen zu wollen. Immer wieder hatte es hitzige Diskussionen zur Zukunft der Anlagen gegeben. Unversöhnlich stritten Skifans und Gegner gegen einander an. Oft wurden persönliche Befindlichkeiten über das Allgemeinwohl gestellt.

Erst nach jahrelangem Hickhack erhielt Axel Müller den Zuschlag für den Silbersattel. Drei Mitarbeiter seiner neu gegründete Thüringer Alpin GmbH sind seitdem mit den nötigen Wartungsarbeiten beschäftigt. Die schweren Pistenraupen werden auf Vordermann gebracht und die Stahlseile der Liftanlage neu gespleißt. Bremsen und Antriebe müssen extremen Bedingungen standhalten, bei Eis und Kälte.

Unsicheres Geschäft

Doch das ist nur der erste Schritt. Die 1999 entstandene Skiarena – das nach eigenen Angaben größte alpine Skigebiet in Thüringen – soll für rund zehn Millionen Euro ausgebaut werden. Das Land will 90 Prozent der Kosten übernehmen. „Der Bebauungsplan steht, wir rüsten bei der Beschneiung auf und es wird zukünftig einen zweiten Einstieg in das Skigebiet geben“, verrät Müller. Die Gäste, Einheimische und Touristen, sollen mit einem Lift direkt aus dem Stadtzentrum an die Piste gelangen, auf dem Höhenzug ist ein Teich geplant, der die zusätzlichen Schneekanonen speist.

Thüringen wäre so gerne ein alpines Winterparadies. Derzeit gibt es insgesamt 25 Liftanlagen, einige werden privat betrieben, andere sind in der Hand der Gemeinde. Ein großes Problem aber haben alle: Schnee. Bleibt er aus, bleiben auch die Touristen aus. Und die Kosten laufen aus dem Ruder.

Wie unsicher das Geschäft ist, zeigte beispielsweise der Winter in der vergangenen Saison: gerade einmal 45 Schneetage wurden gezählt. Den gesamten Dezember über herrschte Flockenflaute. Und Experten zufolge werden die Durchschnittstemperaturen in den nächsten vier Jahrzehnten im Freistaat weiter steigen – um die zwei Grad.

Im Wirtschaftsministerium kann und will man sich ein Thüringen ohne alpine Zentren jedoch nicht vorstellen: „Der Skisport hat auch in Zukunft für unseren Tourismus eine enorme Bedeutung – trotz sinkender Schneesicherheit“, gibt sich Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) zuversichtlich.

Seit dem Jahr 1990 flossen circa 19 Millionen Euro an Landesmitteln in den Bau und Erhalt der Anlagen. „Und wir werden im Rahmen unseres Masterplanes Thüringer Wald mit allen Akteuren weiter intensiv daran arbeiten, die Angebote unter schwierigeren Bedingungen wirtschaftlich zu gestalten“, verspricht der Minister weiter.

Der Grat zwischen sinnvoller und sinnloser Investition aber ist ein schmaler. Und ruft regelmäßig Kritiker auf den Plan.

Prof. Dr. Gisela Völksch hat wahrlich ein Gespür für Schnee. Die Meteorologin mit Spezialgebiet angewandte Klimatologie hat seit Jahren die Situation in unserem Mittelgebirge untersucht. Das Fazit ihrer Studien: Ausbau der schneesicheren Gebiete – und Mut zum Rückbau der unrentablen Skilifte. „Nicht nur die Höhe ist entscheidend, sondern die Landschaftsform und die Lage“, erklärt die 78-Jährige. Auch wenn es sicher mal schlechte Jahre geben wird – „die Winter werden in den nächsten 30 bis 50 Jahren nicht ausbleiben“, ist sie überzeugt. Und: Künstliche Beschneiung könne heutzutage einiges abpuffern.

Auch Gisela Völksch kann sich Thüringen nicht ohne Abfahrer vorstellen: „Skianfänger, Familien mit Kindern, finden in unserem Mittelgebirge perfekte Hänge zum Üben“, erklärt sie. Und die ökonomische Seite dürfe man auch nie vergessen: „Mit Langlauf wird deutlich weniger Geld eingenommen.“

Die besten Hänge gibt es am Schneekopf

Am Silbersattel bejubelt man in diesen Tagen jede Flocke. Die Saison lässt sich bislang ganz gut an. Das Areal am Fuße des Fellbergs erstreckt sich über rund 60 000 Quadratmeter. Drei Lifte warten auf die Winterfans, allein die Familienabfahrt schlängelt sich zwei Kilometer ins Tal. An der Mittelstation warten ein Skiverleih und eine Baude mit Heißem und Hochprozentigem. Apres Ski und Hütten-Schunkel-Hits gehören eben mit dazu.

Insgesamt 300 000 Euro pro Jahr kostet es, die Skiarena Silbersattel zu betreiben, inklusive aller Saisonkräfte. „Für uns zählt jeder Minute, in denen die Lifte laufen“, erzählt Müller. Mit 90 Skitagen hat er pro Saison kalkuliert – „wenn wir in dieser Zeit 20 000 Besucher hätten, würde sich die Arena rechnen.“ Auch für die Stadt Steinach, die das Vorhaben weiterhin mit 90 000 Euro bezuschusst.

Und wenn der Schnee zukünftig immer weniger wird? „In unseren Ausbauplänen haben wir das berücksichtigt, wir wollen die Arena ganzjährig nutzen“, so Müller. Heißt konkret: Im Sommer verwandelt sich der Silbersattel in eine Downhillstrecke. Für Wanderer und Klettersportler ist Steinach schon länger ein Geheimtipp.

Auch andere Gemeinden lassen sich von den Prognosen nicht schrecken, rüsten weiter auf. Rund vier Millionen Euro werden beispielsweise in die neue „Winterwelt Schmiedefeld“ investiert. Ein neuer Schlepplift, Beschneiungsanlagen und Flutlicht mit LED-Technik sollen am Eisenberg entstehen. Geplant ist außerdem, ein 10 000 Kubikmeter fassendes Speicherbecken für die Beschneiungstechnik zu schaffen.

Oberhof will da nicht zurückstecken. Der dortige Fallbachhang bekommt ebenfalls einen neuen Lift. Gesamtkosten: bis zu sechs Millionen Euro. Die Anlage soll im Winter 2017/18 erstmals in Betrieb sein. Vorausgesetzt, das Winterwetter spielt auch mit.

Und das wieder ist das Problem im Thüringer Vorzeigewinterstädtchen. „Der Hang in Oberhof liegt alles andere als optimal“, erklärt Gisela Völksch.

Die Expertin hat für ihr Gutachten alle Regionen des Landes bereist: „Die besten Hänge gibt es am Schneekopf, dort müsste es ein Skigebiet geben“, erklärt sie. Von einem solchen Zentrum am Traditionsort würden auch die umliegenden Gemeinden entlang des Rennsteigs profitieren.

Investitionen hin, Touristenattraktion her – wohl nicht jedes Skigebiet in Thüringen wird die kommenden Jahre überleben. Der Silbersattel am 842 Meter hohen Hausberg gilt aufgrund seiner geografischen Lage als relativ schneesicher. „Wir liegen in einem Talkessel, da hält sich die Kälte“, erklärt Müller. Wenn es trotzdem nicht reicht, sorgen vier Schneekanonen für Wintersportbedingungen. „Der Einsatz will aber immer gut überlegt sein – denn die einmalige Beschneiung des Geländes kostet uns rund 25 000 Euro.“ Gäste, so einer seiner Leitsätze, bekommt man aber nicht geschenkt.

Müller, der außer seinen beiden Hotels noch einen Hochseilgarten betreibt, ist nicht nur Geschäftsmann, sondern vor allen Dingen Optimist. „Ich gehe davon aus, dass wir am 10. Dezember Eröffnung am Silbersattel feiern.“ Ski heil.

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