Wir sind Heimat: Roland Wehrmann aus Remptendorf erzählt aus seinem bewegten Leben

Remptendorf  OTZ-Serie „Wir sind Heimat“: Ob als Bürgermeister, LPG-Vorsitzender oder akribischer Chronist – Roland Wehrmann hat sich sein Leben lang für seine Heimat Remptendorf engagiert.

Roland Wehrmann mit Familie und amerikanischem Freund auf einem Foto in Wild West-Aufmachung.

Roland Wehrmann mit Familie und amerikanischem Freund auf einem Foto in Wild West-Aufmachung.

Foto: C. Alt

Es gibt Menschen, die leisten in einem Leben mehr als andere in zehn Leben schaffen könnten. Nicht etwa, um sich besonders hervor zu tun, oder um Ansehen zu erringen. Nein, darüber sind solche außergewöhnlichen Menschen erhaben. Was sie antreibt, das ist einerseits das innere Wissen um die Notwendigkeit ihres Tuns. Andererseits werden ihnen auch von ihrem Umfeld immer wieder besonders verantwortungsvolle Aufgaben angetragen.

Roland Wehrmann, Jahrgang 1922, sitzt am Schreibtisch seines hellen Pflegeheim-Zimmers und erzählt aus seinem bewegten Leben. Zunächst aber zeigt er voller Stolz auf die Fotografien an der Wand. Da ist seine verstorbene Frau Erna, die er schmerzlich vermisst. Da sind aber vor allem auch die vier Urenkel Lilly (16), Hannah (10), Frida (7) und Anton (2). Sechs Enkel hat der 95-Jährige und drei Kinder. Geliebt und geachtet wird der charmante alte Mann von seiner Familie und von seinen Mitmenschen. 2015 wurde er zum Ehrenbürger von Remptendorf ernannt.

13-seitiger Bericht an die SED-Kreisleitung

„Für Roland und seine Freunde“ ist mit Großbuchstaben in eine Holzbank graviert, die ihm seine Kinder zum 90. Geburtstag geschenkt hatten. Sie steht am Eingang zu dem Hof der Familie Wehrmann in Remptendorf im Saale-Orla-Kreis. In dem 1784 erbauten Hof in der Bahnhofstraße hatte Roland Wehrmann bis 2016 gelebt. Nun sind sein Sohn Reimund und dessen Frau dort allein. Der Hof wurde aufwendig und mit viel Herzblut saniert, wie viele der sehr gepflegten Anwesen in dem einladenden Ort im Thüringer Schiefergebirge.

Das landschaftlich schöne Remptendorf verfügt über eine gute Infrastruktur mit Agrar e. G., mehreren Geschäften, Gaststätten und Handwerksbetrieben. Es gibt zudem eine Arztpraxis, Physiotherapie, einen Friseur, ein Kosmetikstudio, eine Sparkassen- und eine Raiffeisenbank-Filiale, ein Kräuterstübchen, ein Nähstübchen und sogar einen Kostümverleih.

Aus dem benachbarten Friesau war Roland Wehrmann als junger Mann zu seiner Frau auf jenen Remptendorfer Hof gezogen, auf dem ihre Familie schon seit Generationen Landwirtschaft betrieben hatte. Damals hatte Roland Wehrmann schon einiges hinter sich gehabt. Im Zweiten Weltkrieg auf Kreta stationiert, wurde er im Kampf schwer am Ellbogen verwundet. Er kam in ein Lazarett, wo ihm der Arm amputiert werden sollte. Der Chefarzt aber setzte alle Hebel in Bewegung, dass er seinen Arm behalten konnte. Roland Wehrmann hatte Glück.

1949 wurde Wehrmann Bürgermeister von Remptendorf

Kurz vor Kriegsende kehrte er in die Heimat zurück. 1947 heiratete er. 1949 wurde Wehrmann mit gerade mal 27 Jahren Bürgermeister von Remptendorf. Unter sehr schwierigen Bedingungen. Es galt etwa, Vertriebene aus Schlesien im Dorf unterzubringen.

Der überzeugte Sozialdemokrat Wehrmann sah die Vereinigung der Ost-SPD mit der KPD zur SED mit Unbehagen. Ein SED-Mitglied hatte er eigentlich nicht sein wollen. Als bei einer Wahl dann auch noch ein Funktionär vom Rat des Kreises aufgetaucht war, um den Wahlhergang zu manipulieren, reichte es dem Bürgermeister: „Ich sagte: Du bist ganz ruhig. Du hast hier gar nichts zu sagen – und hab ihn rausgeschmissen“, erinnerte er sich. Es folgte ein 13-seitiger Bericht an die SED-Kreisleitung. „Er wurde nachts, 23 Uhr, ins Gemeindehaus bestellt und aus der Partei ausgeschlossen“, erklärt sein Sohn Reimund. Seine Mutter sei damals vor Sorge fast umgekommen.

Doch auf Roland Wehrmann wartete bereits eine neue Aufgabe. Galt es Ende der fünfziger Jahre doch, eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) in Remptendorf zu etablieren. Von allen Seiten hieß es damals: „Roland, das kannst nur du...“ Und sie sollten Recht behalten. Ihm gelang es mit viel Geschick für die Landwirtschaft und einem guten Gespür für den Umgang mit Menschen, in Remptendorf eine sehr gut gehende LPG aufzubauen.

Als fülle ihn sein Berufs- und Familienleben nicht aus, begann Roland Wehrmann „nebenbei“ damit, die wichtigsten Bereiche seiner Lebenswelt akribisch in Chroniken festzuschreiben. „Ich muss das aufschreiben. Das weiß doch sonst keiner mehr, wenn du nicht mehr bist“, hatte er zum Großvater seiner Frau gesagt. Auf diese Weise entstanden drei Bände Familienchronik. Seine eigenen Memoiren hat er in dem Band „Mein Leben“ zusammengefasst.

Doch damit nicht genug. Sohn Reimund bewahrt im Kaminzimmer des Hauses all die Wissensschätze auf, die sein Vater zusammengetragen hat: die Ortschronik Remptendorf – Band 1 und 2, sowie Chroniken zu Gaststätten und Verkehrswesen; Industrie und Handel; Schule und Postwesen; Feuerwehr und Gesundheitswesen; Vereinen; Landwirtschaft; Saale/ Wald und zur Kirche.

Nach dem Mauerfall machte sich der 95-Jährige daran, die Nachkommen von ausgewanderten Remptendorfern in den USA aufzutun und mit ihnen die Vergangenheit aufzuarbeiten. Besonders regen Kontakt hielt er mit einem Pfarrer, der regelmäßig nach Remptendorf kam, um nach seinen Ahnen zu forschen. 1993 und 2003 war Roland Wehrmann mit Sohn und Enkeltochter in die USA gereist. Den Yellow Stone Park hat er gesehen. Am Missisippi ist er gewesen. „Das hat mich sehr berührt“, sagt er. Dennoch: Er selbst hat nie daran gedacht, aus dem idyllischen Remptendorf wegzugehen. „Wir haben in einem schönen Haus gelebt; es ging uns gut“, betont er.

Ob es etwas gäbe, das er, auf sein langes Leben rückblickend, anders gemacht hätte? „Nein, ich habe immer gedacht, das ist alles richtig, was ich gemacht habe“, sagt er, völlig in sich ruhend. Der glücklichste Moment seines Lebens, das sei indes die Hochzeit mit seiner Erna gewesen.

Remptendorf zwischen Tradition und Moderne

  • Remptendorf ist eine zum Saale-Orla-Kreis gehörende Gemeinde im Ostthüringer Schiefergebirge. Etwa 3500 Einwohner leben gegenwärtig in der aus 14 Ortsteilen bestehenden Gemeinde.
  • Remptendorf selbst wurde zum ersten Mal im Jahre 1325 urkundlich erwähnt als „Reinbotindorf“.
  • Auf 1325 datiert auch die Ersterwähnung der Kapelle der sehenswerten Remptendorfer Kirche St. Simon und Juda. 1474 wurde der Schnitzaltar geweiht. Er wird Hans Gottwald, einem Schüler des bedeutenden Bildhauers und Bildschnitzers Tilman Riemenschneider, zugeschrieben. 2014/ 15 wurde das Dach der Kirche neu gedeckt. 2017 wurde der Turm saniert. An jeder seiner Seiten befindet sich eine mechanische Uhr.
  • Im 15. Jahrhundert waren zwei Rittergüter im Kirchenregister gelistet, Reste davon sind heute noch vorhanden.
  • 1894 wurde die Zuglinie Triptis-Marxgrün in Betrieb genommen. Der Bahnhof in Remptendorf wird seit 1989 nicht mehr von Zügen angefahren. Allerdings fährt auf Initiative des Oberlandbahn e.V. zu bestimmten Terminen eine Draisine.
  • Ab 1922 gehörte Remptendorf zum Kreis Schleiz, von 1952 bis 1994 dann zum Kreis Lobenstein. Bis 1998 war Remptendorf Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft Saale-Sormitz-Höhen, Sitz Remptendorf.
  • Seit 1999 gehören neben Remptendorf selbst auch Altengesees, Burglemnitz, Eliasbrunn, Gahma, Liebengrün, Rauschengesees, Ruppersdorf, Thierbach, Thimmendorf und Weisbach zur Einheitsgemeinde Remptendorf. Im Jahr 2000 wurde die Gemeinde Liebschütz angegliedert.
  • In Remptendorf gibt es eine Kindertagesstätte; zwei weitere Kitas gibt es in Ruppersdorf und Lückenmühle. Eine Grundschule befindet sich in Ruppersdorf, eine Regelschule in Remptendorf.
  • In Remptendorf gibt es zahlreiche Vereine, darunter der Brieftaubenzuchtverein „Schleizer Renner“, der Feuerwehrverein Remptendorf, der Förderverein Staatliche Regelschule Remptendorf, der Freizeit-Sport-Verein 1999 Remptendorf, der Kultur- und Traditionsverein und weitere.

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