Wo Fröbel in Jena Wirtshaus-Schulden hatte

Den "Roten Hirsch", die "Rose" und den "Schwarzen Bären" kennt in Jena jeder. Es sind alte Gasthäuser, die ihre Bezeichnung erhielten, als es in Jena nur wenige Straßennamen gab und schon gar keine Hausnummern.

Jena. Der gut betuchte mittelalterliche Stadtbürger, meist auch Kneipenbesitzer, gab seinem Anwesen über Phantasienamen als Hauszeichen kund, eine feine Adresse zu sein.

1966 in "Passage" umbenannt

Der "Halbe Mond" bzw. das Hauszeichen "Zum Halben Mond" ist in Jena außer Gedächtnis geraten, denn die Kneipe wurde 1966 kurzerhand umgetauft, in Konsum-Gaststätte "Passage". Die Gründe, den Traditionsnamen aufzugeben und durch den einfallslosen Namen "Passage" zu ersetzen, liegen im Dunkel und sind höchstens über den Elan von SED-Funktionären erklärbar, die Relikte der Vergangenheit getilgt sehen wollten. Bedauerlicherweise wurde dies ja viel zu oft Realität.

Als 1965/67 am Holzmarkt größere Bautätigkeit einsetzte und das alte "Deutsche Haus" zum Interhotel umfunktioniert wurde, entstand auch die so genannte Passage, der Durchgang zwischen Holzmarkt und Grietgasse mit dem Eingang zum Kino "Palast-Theater" und einigen Geschäften. Die Gaststätte mit dem neuen Namen profitierte insofern, als ihr hierdurch eine gewisse Laufkundschaft beschert wurde. Die höchste Preisstufe III entsprach aber keineswegs der Realität, so dass die "Passage" bereits in den 1970er-Jahren in die II zurückgestuft wurde und bis zu ihrem Ende 1990 keinen sonderlich guten gastronomischen Ruf genoss. In dem zur Grietgasse gehörenden Gebäude befindet sich heute die Gaststätte "Schnitzelparadies".

Das Bauaktenarchiv gibt leider nicht allzuviel her, was die Grundstückseigentümer nach 1945 angeht. Erst im Jahre1965 wird der neue Besitzer genannt, der VEB Gebäudewirtschaft, mit der Tatsache, dass der "Halbe Mond" mit 60 000 Mark verschuldet sei, resultierend aus Hypotheken und drei Aufbaugrundschulden (ohne Angaben von Jahr oder Anlass) und die Konsum-Genossenschaft als nunmehriger Verwalter auftrete. Dies ist, so die Aktenlage, kaum durchschaubar. Normalerweise wurden die in den Städten enteigneten privaten Gaststätten ab 1950 der HO übertragen, auf dem Land übernahm in aller Regel der Konsum die neue Rolle des Volkseigentümers.

Das Haus selbst wurde im Jahre 1902 durch den Architekten Franz Meyer errichtet, und zwar im Zusammenhang mit der Erweiterung des "Deutschen Hauses". Was hierbei beseitigt wurde, zum Beispiel die sicherlich vorhandenen weiträumigen Keller, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Im dreigeschossigen Neubau, einem Stilmix aus Neoklassizismus und Neorenaissance, blieb keine einzige historische Spur.

Der "Halbe Mond" taucht in den Jenaer Urkunden als Kneipe bereits im 17. Jahrhundert auf, aber mehrheitlich nur unter Namensnennung und nicht verbunden mit bedeutenden Persönlichkeiten oder Ereignissen. Wir wissen lediglich, dass das gesamte Anwesen im Januar 1804 zum Verkauf stand, so eine Notiz im wöchentlich erscheinenden Allgemeinen Jenaischen Anzeiger. Allerdings ist der Verkäufer des Halben Mondes, der Gastwirt Sorge, im Zusammenhang mit dem Studenten Friedrich Wilhelm August Fröbel überliefert, der 1799 nach Jena kam und unter anderem Philosophie studierte.

Uni-Karzer für nicht bezahlte Rechnung

Er war nachweislich Stammgast im Halben Mond und ließ, wie seinerzeit üblich, beim Wirt anschreiben. Letztlich betrug die Schuld etwa 30 Taler, die Fröbel nur deshalb nicht begleichen konnte, weil er seinem Bruder Geld geliehen hatte, das dieser wiederum nicht zurückzahlte. Im Jahre 1801 sprach Sorge beim Universitätsgericht vor, das Fröbel sofort zu Karzerarrest verdonnerte. Es war eine neunwöchige harte Zeit für Fröbel, bis sich schließlich sein überaus geiziger Vater erbarmte und die 30 Taler zahlte. Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) verließ daraufhin Jena, wurde erfolgreicher Pädagoge und ging in die Geschichte ein als Begründer des Kindergartens. Andere Jenaer Gastwirte, auch das ist überliefert, waren weniger kleinlich als der Halbmond-Wirt Sorge und warteten mitunter Monate, bis der jeweilige Gast wieder zahlungsfähig war.

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