Hohenwarte: Die Zeit der fernen Bootsanleger

Linkenmühle/Saalthal-Alter  Der Hohenwarte-Stausee ist fast voll. Viele Stege sind abgetrieben, Anlege-Flöße und Bojen wurden etliche Meter vom Ufer weggetrieben. Einige Treppen zu den Anlegestellen sind überflutet.

Nur noch rund 1,70 Meter fehlte gestern zwischen dem Wasserspiegel und den Wehrklappen der Hohenwarte-Staumauer. Laut Talsperrenbetreiber Vattenfall ist ein weiteres Ansteigen des Pegels erst einmal nicht zu erwarten.

Nur noch rund 1,70 Meter fehlte gestern zwischen dem Wasserspiegel und den Wehrklappen der Hohenwarte-Staumauer. Laut Talsperrenbetreiber Vattenfall ist ein weiteres Ansteigen des Pegels erst einmal nicht zu erwarten.

Foto: Jens Voigt

Als sich Hendrik Weitzdörfer und Lutz Przyklenk am Dienstagmittag mit dem angehängten Boot ihrem Steg an der Linkenmühle nähern, empfängt die beiden Polizeihauptmeister eine gelinde Überraschung: Zwischen Steilufer und Steg klafft eine Lücke von gut eineinhalb Metern. „Wie befürchtet“, knurrt Weitzdörfer und steigt, nachdem das Polizeiboot via alte Straße zu Wasser gelassen ist, erneut in die Wathose. Bis zur Hüfte im Wasser stehend, zieht er den Steg gen Ufer, während Kollege Przyklenk mit sachtem Antippen des 150-PS-Motors per Boot Schubhilfe leistet.

Wie der Wasserschutzpolizei geht es derzeit vielen Bungalow- und Bootsbesitzern am Hohenwarte-Stausee. Der in den letzten Tagen und Wochen relativ rasch gestiegene Wasserpegel hat Stege, Anlege-Flöße und Bojen teils etliche Meter vom Ufer entfernt zurückgelassen, andererseits Treppen zu den Anlegestellen überflutet. Wirklich Schaden genommen hat aber offenbar keine der Vertäuanlagen, wie Polizei, Campingplatz-Betreiber und Talsperrenbetreiber Vattenfall übereinstimmend berichten. Es habe wohl wegen des Sturms an den Vortagen ein paar Stege abgetrieben, die aber inzwischen längst wieder eingefangen und befestigt seien. „Das ist nun mal so an der Talsperre: Im Herbst geht das Wasser runter, im Frühjahr wieder rauf“, sagt Dörte Fröhlich, die mit ihrem Mann Jan den Campingplatz an der Linkenmühle führt. Wer hier einen Anleger habe, müsse die wechselnden Pegel einkalkulieren und immer mal vor Ort sein, um den schwimmenden Steg nachzuführen. Mancherorts zu hörende Vorwürfe, man sei von Vattenfall nicht vor dem steigenden Wasserspiegel gewarnt worden, kann Fröhlich nicht nachvollziehen. Auf der Website von Vattenfall seien die Werte ebenso aktuell verfügbar wie die aktuellen Pegelstände der Saale samt zu- oder abnehmender Tendenz, die online über die Thüringer Hochwassernachrichtenzentrale abgerufen werden können. Wer am Wasser lebe, müsse sich halt kümmern, findet Fröhlich.

„Schön voll“, so beobachten Rüdiger Teubner und seine Bungalow-Nachbarn in der Alterbucht derzeit den Stausee. In der Bucht mit dem relativ flachen Ufer hat sich das im Februar begonnene Wieder-Anstauen besonders bemerkbar gemacht. „In den letzten zwei Wochen musste ich den Steg jeden Tag so etwa zwei Meter gen Ufer ziehen“, erzählt Teubner, „wer ein paar Tage aussetzt, kriegt halt Probleme.“ Nach dem extrem tiefen Ablassen im Herbst und angesichts der wenigen Schneefälle im Winter habe er nicht erwartet, dass sich die Talsperre so schnell wieder fast gänzlich füllen könnte: „Die Bäche hier aus dem Wald hatten nur eine Woche Wasser geführt.“ Zu verdanken sei der gestiegene Pegel wohl vor allem der Schneeschmelze auf den fränkischen Höhen. Die drei Camper jedenfalls würden sich wünschen, die Talsperre bliebe so gut gefüllt: Dann bliebe ihr Weg vom Bungalow zum Baden schön kurz – und ohne das lästige Tasten über die Steine im Wasser.

Vorbereitung auf Saison der Fahrgastschifffahrt

Kurze Wege beschert der hohe Wasserstand auch Peter Gerwinat und seinen Mitarbeitern, die in diesen Tage die letzten Handgriffe erledigen, bevor die Saison der Fahrgastschifffahrt wieder beginnt. Ob Putzmittel, Sitzbänke oder Farbeimer – jeder Meter weniger Trage-Strecke macht schon einen Unterschied. „Naja, es ist schon viel Arbeit, die Stege ständig nachzuführen und immer wieder zu befestigen“, räumt Gerwinat ein, „aber wir sind es gewohnt.“ Und andererseits verkürzt der hohe Pegel auch andere Aufgaben – das Einlassen der „Saaletal“ zum Beispiel, die jetzt noch am Ende der Slipanlage in der Alterbucht auf dem Trockenen ruht. Etwa 1,30 Meter fehlen nach Gerwinats Beobachtung noch, bis der Wasserspiegel die Wehrklappen in der Sperrmauer erreicht, die beim Hochwasser 2013 erstmals seit Jahrzehnten geöffnet worden waren – ein Spektakel nicht nur wegen der Graskarpfen, die damals zu Hunderten mit zu Tale stürzten.

Das sich nach Einschätzung von Thomas Schubert, Sprecher der Vattenfall-Wasserkraftsparte, zumindest in den nächsten Tagen nicht wiederholen wird. Gestern Vormittag lag der Pegel an der Sperrmauer zwar noch bei 303,27 Meter über Normalnull und damit lediglich 1,73 Meter unter Vollstau. Schon bis zum Nachmittag war er aber bereits um zehn Zentimeter gefallen. Auch die Werte auf der Website der Hochwassernachrichtenzentrale zeigten gestern deutlich auf Entspannung: Zwar lagen alle Pegelstationen der oberen Saale noch im Hochwasser-Meldebereich, jedoch außer Kaulsdorf alle mit rapide sinkenden Werten. In Blankenstein, am Eingang zur Saalekaskade, war der Durchfluss von knapp 70 Kubikmetern je Sekunde, die noch am Sonntag verzeichnet wurden, gestern auf etwa 30 Kubikmeter pro Sekunde gefallen, während am Pegel Kaulsdorf fast 31 m3/s durchrauschten – mithin beginnt sich der Wasserstand in der Hohenwarte-Talsperre wieder auf Normalwert einzupendeln.

Sollte es allerdings demnächst stark regnen oder im Fichtelgebirge schneien, könnte sich das erneut ändern. Denn weil die Reparaturarbeiten an einem Einlaufschütz der Bleiloch-Sperrmauer noch voraussichtlich einen Monat fortdauern, steht die größte Talsperre Deutschlands quasi auf Durchlauf und der Hohenwarte-Stausee müsste die anschwellenden Wasser ganz allein aufnehmen. Besitzer von Anlegern sind also gut beraten, diese nicht gleich wieder abzusenken – Bootssaison ist sowieso noch keine.