Imkerei in Saalfeld: Nichts drin mit Winterschlaf

Saalfeld  Weil Bienen heizen, müssen auch Saalfelder Imker Süßes liefern – und ziehen nebenbei ihre Jahresbilanz für 2018.

Ralf Kunz, 1. Vorsitzender des Imkervereins Saalfeld 1903, kontrolliert seine Bienenstöcke am Steiger. Trotz frostiger Lufttemperaturen kann man am Brummen aus dem Inneren hören, dass die Tiere durchaus aktiv sind – sie erzeugen per Muskelkontraktion soviel Wärme, dass im Kern des Volks mit der Königin beständig etwa 25 Plusgrade herrschen.

Ralf Kunz, 1. Vorsitzender des Imkervereins Saalfeld 1903, kontrolliert seine Bienenstöcke am Steiger. Trotz frostiger Lufttemperaturen kann man am Brummen aus dem Inneren hören, dass die Tiere durchaus aktiv sind – sie erzeugen per Muskelkontraktion soviel Wärme, dass im Kern des Volks mit der Königin beständig etwa 25 Plusgrade herrschen.

Foto: Jens Voigt

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Ein kalter Morgen am Saalfelder Steiger, doch ohne Laut ist die Stille nicht. Ralf Kunz stemmt eine Bohle von den in Reihe stehenden Bienenkästen, „Waschbärenschutz“, wie er lakonisch anmerkt. Sodann der Blick unter Metalldeckel samt Polystyrol-Isolation hinein ins Bienen-Gehäuse, an der Oberfläche krabbelt eine Ellipse aus etwa 200 Tieren. Das Volk bildet bei Kälte eine Kugel um seine Königin, erklärt Kunz, im Inneren sind es um die 25 Grad, an der Außenseite immerhin noch zehn bis zwölf. „Bienen halten keinen Winterschlaf, sie heizen“, betont der Vorsitzende des Imkervereins Saalfeld 1903. Weshalb auch der Imker im Winter nicht gänzlich ruhen darf: Er muss zusehen, dass seine Völker stets genug Zuckerlösung im Haus haben – als Brennstoff, um mit ihren Muskelkontraktionen Wärme zu erzeugen.

Gleichwohl bleibt in diesen kühlen Tagen mehr Zeit als sonst, Rückschau auf das Bienenjahr 2018 zu halten. Das ein außerordentliches war, wie Kunz urteilt: „Über einhundert Sonnentage seit März und der außerordentlich warme Frühling haben zu einem Blütenansatz wie lange nicht geführt und trotz der geringen Niederschläge auch eine gute Honigernte ermöglicht“, sagt der Saalfelder Chef-Imker. Mit 37,5 Kilogramm je Volk im Thüringer Landesdurchschnitt sei ein Ertrag „am oberen Rand des langjährigen Durchschnitts“ erzielt worden; in seinem Bienenhaus am Steiger schafften zwei Völker sogar jeweils über 40 Kilogramm, andere hingegen blieben unter 30 Kilo.

Masse aber steht für die hiesigen Hobby-Imker ohnehin nicht im Vordergrund. Denn zum einen fehlt es (noch) an einer beständigen Selbstvermarktungs-Struktur über den Grünen Markt hinaus. Zum Anderen wäre das Anliefern zu Handelsketten wenig lohnend: Bei Preisen von teils deutlich unter vier Euro selbst für ein Glas Fairtrade-Honig frage er sich, „wo eigentlich die Fairness bezahlt wird“, kommentiert Kunz: „Das sind doch Schleuderpreise.“ Kein Vergleich zu DDR-Zeiten, als die Imker ihren Honig per Milchkanne an den staatlichen Großhandel lieferten, zu 14 DDR-Mark je Kilo. „Damals hatte man mit 40, 50 Völkern in zwei Jahren das Geld für „nen Wartburg beisammen“, erinnert sich Kunz.

Ein gutes Honigjahr sollte sowieso nicht dazu führen, die Zucht zu vernachlässigen, findet der Vereinschef. Trotz inzwischen fast flächendeckender Behandlung mit Medikamenten seien im letzten Winter bundesweit rund 170.000 Bienenvölker gestorben, rund ein Fünftel aller hiesigen Honigbienen. Kunz wie auch andere Vereinsmitglieder meidet den Einsatz der Tierarzneien und hält die beständige Zucht für die bessere Variante, um die Leistungsfähigkeit der Völker zu erhalten. Von der Belegstelle in Oberhof bezieht der Verein Bienenmaden, die aus Völkern stammen, die sich besonders resistent gegenüber der gefährlichen Varoa-Milbe gezeigt haben bzw. die besonders eifrig die Milben aus ihren Waben herausputzen. Diese Super-Maden als „Zuchtstoff“ geben die Saalfelder Bienenfreunde auch an andere Imker ab. Umschlagplatz dafür ist das Große Bienenhaus im Gißratal, das im letzten Jahr mit dem Ausbau des Lehrbienenstandes zur Bienen- und Umweltstation erweitert wurde und wo nun auch die Leistungsprüfung des Thüringer Landesverbandes sowie die Schulung der Prüfer stattfinden.

Das Insektensterben geht ungebremst weiter

Auf eine Würdigung von 2018 sind die Saalfelder Imker besonders stolz: Gemeinsam mit der Marco-Polo-Grundschule und der Stadt Saalfeld erhielten sie von Thüringens Landwirtschaftsministerin Birgit Keller (Linke) die Plakette „Bienenfreunde gesucht“. Die enge Kooperation, die sich in Exkursionen und Projekten von Schülern wie etwa Bienenweide-Pflege an Streuobstwiesen niederschlägt, ist nach Kunz‘ Kenntnis einzigartig in Thüringen. Und hat mit dem Bienenaktionstag im Juli an und mit den Feengrotten noch eine weitere Steigerung erfahren. Den wird es, mit allen Marco-Polo-Schülern, auch in diesem Jahr wieder geben, versichert der Vereinschef. Dabei werde nicht nur die Honigbiene im Fokus stehen, sondern der „Mikrokosmos der Kleinlebewesen“ im Ganzen. Denn leider, so Kunz, würde weltweit dank so großer Honigerzeuger wie China oder den USA die Zahl der Honigbienen zwar wachsen, jedoch nur dank der intensiven Massenzucht. „Ansonsten aber geht das Insektensterben ungebremst weiter“, betont der Vereinschef. Mit möglicherweise langfristig derben Folgen: „Die Bestäubungsleistung in der Natur und der Landwirtschaft trägt ja nicht die Honigbiene allein.“

Die Biene genieße viel Sympathie, aber kaum jemand kenne auch die Verwandten. „Und was ist mit Insekten, wie Spinnen, Asseln, Wespen, die es deutlich schwerer haben, anerkannt und wertgeschätzt zu werden?“, fügt Kunz hinzu. Auch ihre positive Wahrnehmung will der Verein in seinen Bildungs-Blick nehmen.

Neben den monatlichen Versammlungen mit Fachvorträgen wirkt der Verein merklich in die Öffentlichkeit hinein, will mit seinen Aktivitäten nachhaltig die Gartenbau-Streuobstwiesen, Blühstreifen und die Stadt- und Landkreisentwicklung mitgestalten. So will man im neuen Jahr gemeinsam mit regionalen Partnern und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald in Saalfeld voraussichtlich drei Flatterulmen als Baum das Jahres 2019 pflanzen und auch für Streuobstwiesen mit Altholzbestand weitere Paten finden. Bienenweiden sollen in der bewährten Kooperation mit Landwirtschaftsbetrieben der Saalfelder Höhe und Kamsdorf weiter gepflegt und ausgebaut werden.

Viele Vorhaben, die sich nicht zuletzt für den Verein selbst auszahlen. Denn damit punktet man nicht nur beim alljährlichen Wettbewerb um den ansehnlich dotierten „Bestäuberpreis“, sondern gewinnt auch das, woran es vielen Vereinen gebricht: Interesse bei jungen Leuten. Sieben neue Imker hat der Verein zuletzt aufgenommen, darunter drei Rudolstädter Gymnasiasten, die sich in ihrer Projektarbeit mit der Imkerei befasst hatten. Damit hat sich die Mitgliederzahl des im März 1903 gegründeten Vereins in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt: Aktuell gehen hier 68 Imker und 23 Imkerinnen ihrem Hobby nach.

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