Wildwest am Hohenwartestausee

Wilhelmsdorf/Paska/Gössitz  Am Thüringer Meer sprießen Bootstege wie Pilze aus dem Boden

An der Portenschmiede gehören Boote zum gewohnten Anblick. Doch jedes braucht einen Liegeplatz, möglichst da, wo es Badende nicht stört.

An der Portenschmiede gehören Boote zum gewohnten Anblick. Doch jedes braucht einen Liegeplatz, möglichst da, wo es Badende nicht stört.

Foto: Peter Michaelis

„Ich komme mir vor wie im Wilden Westen“, sagt die Wilhelmsdorfer Bürgermeisterin Anke Czieslik und bezieht sich auf eine „ungehemmt“ wachsende Anzahl von einzelnen und zum Teil privat errichteten Bojen und Bootstegen an der langen Bucht an der Portenschmiede.

Das sei allerdings kein Einzelfall, die benachbarten Gemeinden beklagen dies auch, wie ­Susanne Woock, Bauamts­mitarbeiterin der Verwaltungsgemeinschaft Ranis-Ziegenrück, anmerkt. Touristen würden sich beschweren, dass sie vermehrt über die Seile, die die Boote halten, steigen müssten, die kreuz und quer über den Ufer­bereichen liegen würden. Die Strände seien voll und es werde immer mehr. Es hagele Beschwerden. „Gäste fragen uns, wo man denn noch gefahrlos zum Baden an die Saale ­herankommt“, so Woock.

Der Wilhelmsdorfer Gemeinderat hatte neulich über die Errichtung eines etwa 20 Quadratmeter großen Bootstegs zu befinden, der laut Baurecht von der Gemeinde genehmigt werden müsse. „Das lehnte der Rat nach langer Diskussion ab, mit vier Ja- und zwei Nein-Stimmen“, so Bürgermeisterin Anke Czieslik.

In der Beschlussvorlage ist folgende Begründung zu lesen: „Die Häufung zahlreicher einzelner, privat errichteter Bootsanlegestellen führt in Bereichen des Hohenwartestausees bereits zu einer Verunstaltung des Landschaftsbildes.“ Der reizvolle Anblick der Landschaft sei aber ein wichtiges Kapital der Region und dürfe nicht gemindert werden. Von Seiten des Gemeinderats empfehle man, einheitliche Steganlagen für eine Vielzahl von Booten zu errichten und individuelle Stege zu beseitigen.

Thomas Schubert, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit beim Energiekonzern Vattenfall, sieht das Problem nicht, obgleich er einräumt, dass es zum Teil auch illegale Anlegestellen und Bojen gebe. Er vermutet, dass die Seile und Anleger nun auffälliger seien, weil „derzeit wenig Wasser in der Saale ist“. Vattenfall gehört ein Großteil des Stausees und dessen Ufer­bereiche, einige Grundstücke sind verpachtet oder verkauft, und deshalb könne man nicht überall gleichzeitig sein, so Schubert.

VG-Bauamtsmitarbeiterin ­Susanne Woock, die Paska, Gössitz und Wilhelmsdorf betreut, beobachtete in den vergangenen Monaten vermehrt Anfragen von Bootssteg-Interessenten. „Lehnt eine Gemeinde dies ab, folgt der nächste Antrag in einer anderen.“

Man wundere sich über die größere Menge Anfragen an genehmigungspflichtigen Anlagen, andererseits über die vielen kleinen, die plötzlich auftauchen und keiner Zustimmung bedürfen. „Wir sind erst in den vergangnen Wochen bei unseren Recherchen auf diesen Wildwuchs gestoßen, der einfach so an uns vorbei geht“, sagt die Bauamtsmitarbeiterin.

Seit die Limitierung der „Verbrennungsordnung“ am Stausee aufgehoben worden sei, könne nun jeder kommen und sein motorisiertes Gefährt auf die Saale setzen. Und der Trend gehe dahin, dass die Boote immer größer werden. „Wir können durch den Wegfall der Limitierung die Menge an Booten nicht mehr bremsen. Es wird ein langer ­Prozess werden, um eine bessere Regelung gegen den Wildwuchs zu finden“, sagt Woock. Die VG strebe in jedem Fall den sanften Tourismus an.

„Es ist ein zweischneidiges Schwert: Zum einen wollen wir den Tourismus entwickeln und zum anderen brauchen wir Regeln, damit nicht ständig neue Anträge in den jeweiligen Gemeinden gestellt werden“, sagt die Bürgermeisterin von Wilhelmsdorf.

Zudem sei auch unklar, ob Vattenfall zugestimmt hat im konkreten Bau­antragsfall aus der jüngsten Gemeinderats­sitzung, dazu ­habe man jedenfalls keinerlei Unterlagen gehabt. Anke Czieslik stellt klar: „Wenn ein Bootssteg gebaut wird, bringt uns das keinerlei Vorteile, im Gegenteil. Die Zufahrtswege werden stärker beansprucht. Das ver­ursacht zusätzlich Kosten im Gemeindehaushalt.“

Anke Czieslik und Susanne Woock regen ein gemeinschaftliches Konzept der Stausee-Anrainer an. So sollten sich Vattenfall, die Kommunale Arbeits­gemeinschaft Thüringer Meer und das Landratsamt des Saale-Orla-Kreises an einen Tisch setzen und überlegen, ob nicht mehrere kleinere „Hafen­anlagen“ sinnvoller seien als die „Wildwest-Bootstege“.

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