40 Jahre nach Diebstahl auf Schloss Friedenstein: Bilder tauchen wieder auf

Gotha/Berlin.  1979 werden fünf bedeutende Gemälde aus dem Schloss Friedenstein in Gotha gestohlen. Rund vier Jahrzehnte lang fehlt von ihnen jede Spur. Jetzt sollen sie wieder da sein.

Schloss Friedenstein.

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Foto: Claudia Klinger

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Es ist damals eine regenreiche Nacht, jene vom 13. auf den 14. Dezember 1979 in Gotha. Vermutlich sind es zwei Täter, die offenbar mithilfe von Steigeisen an der Dachrinne des Westflügels in die zweite Etage von Schloss Friedenstein gelangen und dort ein ungesichertes Fenster einschlagen. Ein Feuchtigkeitsmelder registriert den plötzlichen Temperaturabfall, so dass der Tatzeitpunkt auf etwa 2.30 Uhr nachts festgesetzt werden kann. Zwar gibt es im Museum eine Alarmanlage, allerdings funktionierte sie damals noch nicht. Fünf hochkarätige Gemälde werden entwendet, von denen bis vor Kurzem jede Spur fehlt.

In der Eile hinterlassen die Täter zwei der selbst gebauten Steigeisen, allerdings kann man die verwendeten Materialien weder in der DDR, noch im Wirtschaftsbereich des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) verorten.

Über die Täter wurde seither immer wieder wild spekuliert: Von Dieben aus dem damaligen Westen geht immer mal wieder die Rede oder auch von einem Auftragsklau im Namen der Firma „Kommerzielle Koordinierung“. Die sogenannte Koko war von der DDR eigens zur Beschaffung von Devisen gegründet worden – und der Verkauf von musealen Kunstwerken gehörte zu ihren Aufgaben. Doch für eine Tatbeteiligung fanden sich auch nach der Wende keine Hinweise.

Der Diebstahl ist seit dem Jahr 2009 verjährt

Seit gestern ist bekannt: Die Bilder sind wieder aufgetaucht, die Polizei in Berlin ermittelt und hat etliche Objekte durchsucht. Bei den Verdächtigen handelt es sich nach Polizeiangaben um zwei deutsche Männer im Alter von 46 und 54 Jahren. Gegen sie werde wegen des Verdachts der Erpressung und der Kunsthehlerei ermittelt. Es soll sich dabei um den Einlieferer der Bilder in Berlin, ein Arzt aus Ostfriesland, und einen Anwalt aus Süddeutschland handeln, der mit der Stiftung Kontakt aufgenommen hatte. Zuständig ist das Dezernat 44 des Landeskriminalamtes (LKA). Dort gibt es ein eigenes Kommissariat für Kunstdelikte. Nach Angaben der Polizei hatte sich die Stiftung vor einiger Zeit mit Hinweisen zu dem Fall gemeldet. Daraufhin seien die Ermittlungen eingeleitet worden.„Seit 40 Jahren liegt diese Tat wie ein ungeklärtes Trauma über der Stadt. Die Hoffnung, die wertvollen Gemälde eines Tages wieder zu bekommen, hatten viele Menschen schon aufgegeben“, teilte Oberbürgermeister Kreuch, damals 13 Jahre alt, mit. Die Aufklärung des Kunstdiebstahls von Gotha sei ein Lebenstraum für ihn. Er wolle die laufenden Gespräche fortsetzen.

Die Verjährungsfrist für die Tat ist bereits im Dezember 2009 abgelaufen. Sollte es sich bei den Bildern tatsächlich um das Diebesgut handeln, ist eine juristische Auseinandersetzung nicht auszuschließen. Die Stiftung gab an, dass sich ihre Rechtspositionen „fundamental“ von der der Verhandlungspartner unterscheiden. Die Stiftung vertritt den Standpunkt, durch den Diebstahl nie ihr Eigentum verloren zu haben, und sagt, dass die Bilder – sollten es die Originale sein – durch die Übergabe nun im Besitz der rechtmäßigen Eigentümerin sind.

Der damalige Wert betrug fünf Millionen DDR-Mark

Die Ernst von Siemens-Kunststiftung und die Stiftung Schloss Friedenstein sind nach eigenen Angaben aber weiterhin an einer gütlichen Lösung des Falles interessiert: Eine Erbengemeinschaft verlangt offenbar gut fünf Millionen Euro. Einspringen könnte die Siemens-Stiftung – aber auch sie sieht nur zehn bis 15 Prozent des Marktwertes als übliche Ablöse an.

Auch wenn der Ausgang der Kunstdiebstahl-Geschichte noch offenbleibt, freut man sich in Gotha über die Nachricht, die am Freitagnachmittag mitten in die Übergabe von Neuerwerbungen für die Kunstsammlungen Schloss Friedenstein platzte. „Eigentlich könnte man jetzt in die Höhe hüpfen“, so Klaus Kleinsteuber, erster Vorsitzender des Freundeskreises Kunstsammlungen Schloss Friedenstein Gotha. Er habe nie damit gerechnet, dass sie nach 40 Jahren wieder zum Vorschein kommen. Schon vor Wochen hatten Freundeskreis und Stiftung den Kunstdiebstahl als Thema des Schlossgesprächs am kommenden Donnerstag, 12. Dezember, gewählt. In Erinnerung an den größten Bilderdiebstahl der DDR. Nach den umfangreichen Verlusten in den Wirren nach Kriegsende 1945 hatte die Gothaer Kunstsammlung damit einen neuen schweren Schlag zu verkraften. Am Donnerstag wollten der Freundeskreis und Stiftung mit einer kleinen Sonderpräsentation die Tat erneut ins Gedächtnis rufen und dadurch vielleicht neue Erkenntnisse gewinnen.

Reaktionen auf das Auftauchen des Bilder

Vor zwei Tagen habe er erste Informationen erhalten, dass die Gemälde wieder aufgetaucht seien, sagt der in Sachen Kultur engagierte Gothaer Landtagsabgeordnete Matthias Hey (SPD). „Ich bin immer noch vorsichtig. Aber es wäre eine Sensation.“ Vollkommen auf dem falschen Fuß erwischt die Nachricht Malte Krückels, Staatssekretär für Medien und Bevollmächtigter des Freistaats Thüringen beim Bund. Er habe bis jetzt von der Wiederentdeckung nichts gewusst, sagte er.

Zurückhaltend, aber mit einem Lächeln reagiert Marco Karthe, Sprecher der Stiftung Schloss Friedenstein, auf die Nachfrage unserer Zeitung. Er verweist auf die kurz zuvor von der Stiftung verbreitete Pressemitteilung und wollte mehr noch nicht sagen. Auch nicht über einen möglichen Platz, den sie im Schloss Friedenstein wieder bekommen sollen. Das sei Sache des Kurators Timo Trümper. Nur so viel: „An prominenter Stelle“.Trümpers Reaktion auf den überraschenden Gemäldefund: „Ich freue mich. Die Freude wäre sehr groß. Noch schöner ist es, wenn sie gut erhalten sind.“

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