Die traurige Geschichte der Dolores F. – Darum wurde die bundesweit bekannte Zechprellerin freigesprochen

Sömmerda  Deutschlands wohl bekannteste Zechprellerin ist eine psychisch kranke Frau – das Amtsgericht Sömmerda spricht sie deshalb vom Betrugsvorwurf frei.

Die Angeklagte betritt in Begleitung der Polizei das Amtsgericht in Sömmerda. Links steht ihre Verteidigerin.

Die Angeklagte betritt in Begleitung der Polizei das Amtsgericht in Sömmerda. Links steht ihre Verteidigerin.

Foto: Fabian Klaus

Dolores F. kennt die ganze Republik. Und die ganze Republik kennt sie. Die Frau aus Sömmerda hat als Zechprellerin zweifelhafte Bekanntheit erlangt – allerdings muss man das nach der Verhandlung am Amtsgericht in Sömmerda am Freitag wohl einschränken. Das fordert Richterin Sabine Müller nach der tagfüllenden Hauptverhandlung. „Sie ist keine Zechprellerin. Sie ist eine kranke Frau.“ Gerade hat sie Dolores F. (52) freigesprochen. Vorwurf: 36-facher Zechbetrug. Es ist Nachmittag geworden im Saal 1.

Sechs Stunden vorher steht noch nicht fest, ob überhaupt verhandelt wird. Die Angeklagte erscheint nicht, obwohl das Gericht sie bereits im November 2018 geladen hat. Auch Rechtsanwältin Susann Wipper wirkt ratlos. Sie weiß augenscheinlich nicht, wo ihre Mandantin sich befindet. Konsequenz: Die polizeiliche Vorführung wird angeordnet. Die dauert nicht lange. 30 Minuten später taucht die Angeklagte in Begleitung von zwei Polizeibeamten auf, die sie in der Stadt aufgegabelt haben. Einer trägt ihre Einkaufstüten. Ihre Verteidigerin empfängt sie am Eingang. Kameras der wartenden Journalisten klicken.

Dolores F. tritt so auf, wie sie von den zahlreichen Wirten, bei denen sie speiste, ohne zu bezahlen, beschrieben wird. Eine füllige Frau mit einem altbackenen Kleid. Winterstiefel und Lederjacke. Eine Gehhilfe erleichtert ihr das Treppensteigen.

Obwohl sie etwas einfältig daher kommt, bringt sie ein gewisses Selbstbewusstsein mit. Im Saal angekommen, entschuldigt sie sich bei der Richterin für‘s Fernbleiben. Aber das sei nicht anders möglich gewesen. Mehr sagt sie nicht, wirkt immer wieder abwesend, als die Erfurter Staatsanwältin Schmitz-Kern die Anklagen verliest. Die haben sich summiert. Aber es werden nur die Fälle bis März 2017 behandelt. Danach – zuletzt in der vergangenen Woche in Erfurt – ist noch einiges aufgelaufen.

Richterin: Das muss die Gesellschaft ertragen

Dolores F. reist seit Jahren durch Deutschland. Immer wieder ist sie dabei mit der Bahn, aber ohne gültiges Ticket unterwegs. Dass sie auf diesen Touren in verschiedenen Restaurants speist, ohne zu bezahlen, legt ihr Bundeszentralregisterauszug nahe, in dem sich zahlreiche Eintragungen von eingestellten Verfahren wegen Betruges finden – immer mit der Begründung, dass sie schuldunfähig sei. Die Orte der zuständigen Staatsanwaltschaften gleichen sich auffällig mit Orten, an denen sie in der Zeit wegen Schwarzfahrerei erwischt worden ist.

In Sömmerda wird die Frage der Schuldfähigkeit elementar. Eine Stunde Anklageschrift bringt das Gericht bei der Antwortfindung nicht weiter. Auch, weil F. schweigt. Im Gerichtssaal rumort es auffällig, als die vielen Fälle und die Höhe der Rechnungen verlesen werden. Vornehmlich Erfurt steuert Dolores F. bei ihren Touren an, weil sie in ihrer Heimatstadt bekannt zu sein scheint. Viele Wirte haben ihr Hausverbot erteilt. Das berichten Zuhörer in den kurzen Prozesspausen, die schon länger wissen, was der Frau, die morgen ihren Geburtstag feiert, vorgeworfen wird. Weiß sie eigentlich, was sie da tut?

Für die Klärung dieser Frage bestellt das Gericht einen renommierten Gutachter, der eine Stunde vorträgt, wie er Dolores F. einschätzt. Davon bekommt die Öffentlichkeit nichts mit – da ein Ausschluss erfolgreich beantragt wird. Die Begutachtung aber bestimmt das staatsanwaltschaftliche Plädoyer. Sie habe eine krankhafte seelische Störung, erinnert die Vertreterin der Anklagebehörde an das, was wenige Minuten zuvor vom Gutachter ausgeführt wird. Dolores F. hört interessiert zu, sitzt zu dem Zeitpunkt schon vier Stunden im Gerichtssaal. Sie hält tapfer durch ... Offenbar versteht sie doch, was hier über sie ausgesagt wird. Ihre Verteidigerin schließt sich dem Plädoyer an und fordert ebenfalls einen Freispruch. In ihrem letzten Wort sagt Dolores F.: „Ich bin überrascht, dass so großmütig geurteilt wird.“

Ein Urteil ist da längst nicht gefallen. Aber Richterin Müller folgt den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung – spricht F. frei: „Die Angeklagte ist eine kranke Frau. Dass das so ist, müssen wir als Zivilgesellschaft hinnehmen und auch ertragen.“ Ihr Appell an die Gastwirte ist eindrücklich. Die mögen sich an die ausgesprochenen Hausverbote halten. Denn Dolores F. fehle es an der Fähigkeit, ihr Unrecht einzusehen.

Schwarzfahrerei wird nicht geahndet

Ganz so klar, wie die Richterin das am Schluss bekundet, ist es in der Verhandlung nicht zu vernehmen. Mehrere Einsatzprotokolle, die vollständig verlesen werden, dokumentieren, dass F. zumindest in dem Moment, als sie von der Polizei befragt wird, aussagt, es sei ein Unrecht und sie wisse das. Sehr oft begründet sie ihr Vorgehen ausweislich der Protokolle damit, dass sie Hunger und Durst, aber kein Geld mehr habe. F. lebt von einer kleinen EU-Rente. Schulden bei der Wohnungswirtschaft drücken sie noch dazu. In ihrem letzten Wort erweckt sie zumindest den Eindruck, dass sie weiß, dass sie tatsächlich Unrecht getan hat: „Ich kann nichts anderes sagen, als das ich falsch gehandelt habe und das ehrlich bereue.“

Ob sie das abstellen kann und wird? Fraglich. Staatsanwältin Schmitz-Kern gibt im Gespräch mit dieser Zeitung unumwunden zu: „Ich bin sehr kritisch in den Prozess gegangen.“ Der Gutachter aber habe sie restlos davon überzeugt, dass Dolores F. krank sei. Deshalb beantragt sie Freispruch. Zuvor stimmt sie noch der Einstellung der Verfahren wegen Schwarzfahren – also Erschleichen von Beförderungsleistungen – zu. Der Schaden geht in die Tausende. Auch der Schaden der nicht bezahlten Rechnungen ist nicht unerheblich – für die 36 Fälle, die in Sömmerda verhandelt werden. Es gibt viele mehr. Im holländischen Geldern ist sie beispielsweise vor drei Jahren zweimal rechtskräftig verurteilt worden.

Dolores F. äußert sich nicht mehr, geht als freie Frau aus dem Gericht. An der Hand baumeln die Einkaufstüten. Das wohl nur vorläufige Ende einer traurigen Geschichte.

Ente, Nachtisch und Rotwein in Erfurt – weitere Schlemmertouren durch Weimar, Gotha und Eisenach

Die nachfolgend aufgelisteten Taten stellen lediglich einen kleinen Auszug aus der Akte von Dolores F. dar. Vor dem Jahr 2016 war sie vor allem in Sömmerda und Umgebung aktiv, wo sie die Wirte allerdings schnell durchschauten und ihr vielerorts Hausverbot erteilten. Danach verlagerte sie ihre Touren nach Erfurt, Weimar und Umgebung, wo sie anonymer auftreten konnte und immer noch oft mit ihrer Masche durchkommt.

  • 15. Februar 2019: Dolores F. speist in Erfurt zunächst für mehr als 20 Euro zum Frühstück. Wenige Stunden später lässt sie sich eine halbe Ente und einen Nachtisch mit einer Flasche Rotwein schmecken. Kosten 70 Euro. Die Gastwirte bleiben auf den Rechnungen sitzen. Die Polizei nimmt die 52-jährige Frau fest, als sie ein drittes Lokal am Nachmittag betreten will. Sie wird in ein Krankenhaus eingeliefert
  • 4. Februar 2019: Die Zechprellerin wird abends in einer Smoothie-Bar in der Erfurter Innenstadt eingeschlossen, macht durch lautes Klopfen und Rufe auf sich aufmerksam. Dabei demoliert sie auch noch die Einrichtung. Verspeist habe sie diesmal aber nichts, heißt es von der Polizei.
  • 13. November 2018: Die Zechprellerin wird in Weimar auffällig. Am Nachmittag soll sie auf dem Goetheplatz für jedermann sichtbar sexuelle Handlungen an sich selbst vorgenommen haben. Am frühen Abend lässt sie es sich in einer Gaststätte in der Geleitstraße schmecken. Rechnung: 60 Euro. Bezahlen kann sie nicht. Genauso wenig eine Stunde später in der Scherfgasse. Dort schlemmt und trinkt sie für 40 Euro ohne zu bezahlen.
  • 15. Februar 2018: In vier Lokalen in der Erfurter Innenstadt läuft eine Rechnung von insgesamt 70 Euro auf. Dolores F. hat es sich zwischen 10 Uhr und 18 Uhr, so rekonstruiert es die Polizei, ordentlich schmecken lassen und ihr Anzeigenkonto bei der Polizei weiter gefüllt.
  • 22. September 2017: Getrunken und nicht bezahlt hat sie an diesem Tag in der Erfurter Innenstadt. Insgesamt hat sie allein in Erfurt schon mehr als 50 Betrugsanzeigen gesammelt.
  • 30. März 2017: Ein Burger, Nachos und vier Bier – die Zechprellerin kann die 30 Euro für das Menü, das sie sich um kurz nach Mitternacht schmecken lässt in Erfurt nicht bezahlen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Frau in Stadt und Land längst bekannt und nach Polizeiangaben seit eineinhalb Jahren in Erfurt, Weimar und Umgebung die Zeche prellend unterwegs.
  • 18. Februar 2017: Der Platzverweis aus der Weimarer Innenstadt, den sie einen Tag zuvor erhalten hat, kümmert Dolores F. nicht. Sie speist in mehreren Lokalen. Gesamtbilanz des Wochenendes: 110 Euro Rechnung. Vier Tatorte.
  • 17. Februar 2017: Dolores F. beginnt ihre Genuss-Tour in einer Bäckerei in der Schillerstraße in Weimar und lässt es sich schmecken, ohne zu bezahlen. Die Polizei verweist sie aus der Innenstadt.
  • 25. November 2016: In Großrudestedt diniert sie mittags. Die Rechnung lehnt sie dankend ab. Die Verfahrensweise ist aber bei den Sömmerdaer Gastronomen bereits bekannt und sie versagen ihr zunehmend die Bewirtung.

Dolores F. trieb ihr Unwesen zu diesem Zeitpunkt auch schon in Nachbarbundesländern und in der Schweiz, teilt die Polizei mit. Sie kommt im Jahr 2016 auf insgesamt mehr als 40 Anzeigen.

  • 20. November 2016: Am Erfurter Anger prellt sie erneut die Zeche. Eine Polizeisprecherin zu dem Umstand, dass man der Frau nicht Herr wird: „Uns sind die Hände gebunden.“ Die Frau stehe unter Betreuung, lasse aber nicht von der Zechprellerei.
  • 19. November 2016: Dolores F. speist für mehr als 100 Euro in Erfurt und zahlt nicht.
  • 1.August 2016: Die schöne Wartburgstadt Eisenach ist diesmal ihr Ziel. Viel Wein und ein leckeres Menü, Gesamtwert 60 Euro, kann sie nicht bezahlen, als sie in Eisenach unterwegs ist. Dorthin war sie mit dem Zug als Schwarzfahrerin gelangt, erhielt ein Strafticket der Bahn.
  • 27. März 2016: In Gotha stehen drei Hauptgerichte, eine Vorspeise und Getränke auf der Rechnung, die Dolores F. nicht zahlen kann. Bei einem Italiener isst sie dann am Abend noch für 72 Euro.
  • 25. März 2016: In Arnstadt soll sie an diesem Karfreitag für 110 Euro gespeist haben, ohne zu bezahlen.
  • 24. März 2016: In einer Gaststätte Neudietendorf weigert sie sich, die Rechnung für ein Abendessen zu bezahlen.
  • 22. März 2016: In Weimar langt die Frau wieder zu. Fünf Hauptgerichte für 60,20 Euro lässt sie sich in einem mexikanischen Restaurant schmecken.
  • 17. März 2016: Am Theaterplatz in Weimar speist Dolores F. für 70 Euro. Die Polizei nimmt die Anzeige auf. Danach kehrt sie in einem Restaurant am Markt ein. Rechnung diesmal: 38 Euro. Bezahlen kann sie nicht.

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