Es ging um den "Kick": 14 Monate Haft nach Armbrust-Attacken auf Tiere

Für 14 Monate muss ein 31-jähriger Jenaer ins Gefängnis, der über mehrere Jahre mit einer Armbrust vor allem auf Weidetiere in der Umgebung von Jena geschossen hat.

14 Monate Haft ohne Bewährung erhielt der Tierquäler aus Jena, der in 19 Fällen mit der Armbrust auf Pferde, Rinder und einen Hund geschossen hatte. Foto: Lutz Prager

14 Monate Haft ohne Bewährung erhielt der Tierquäler aus Jena, der in 19 Fällen mit der Armbrust auf Pferde, Rinder und einen Hund geschossen hatte. Foto: Lutz Prager

Foto: zgt

Jena. Dabei kamen ein Pferd bei Großbockedra, ein Schottisches Hochlandrind bei Nennsdorf und der Labrador seiner Nachbarin in Jena ums Leben. Insgesamt 18 Pferde und Rinder beschoss der seit 2007 in einem Rothensteiner Schützenverein organisierte Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes mit Armbrustbolzen und verletzte die Tiere dabei schwer.

Angeklagter gesteht alle Taten ein

Gefasst und regungslos nahm der dunkelhaarige Christian J. gestern Mittag das von Richter Frank Hovemann im Saal 3 des Amtsgerichtes Jena gesprochene Urteil entgegen. Viel zu verhandeln gab es bei dem von zahlreichen Tierhaltern und Journalisten im Zuschauerraum verfolgten Prozess nicht. Über eine Erklärung seines Anwalts Cord-Hendrik Schröder räumte der Angeklagte sämtliche Punkte der Anklageschrift von Staatsanwalt Thomas Müller-Gründel ein. Zudem deckte sich das Geständnis mit den Ergebnissen der akribischen Ermittlungsarbeit der Soko "Weide" der Jenaer Polizei. Eine weitere Beweisaufnahme erübrigte sich.

Als besonders schweres Delikt, das am Ende auch das Strafmaß entscheidend beeinflussen sollte, wertete das Gericht die Tötung eines Labrador im April 2013, wenige Tage vor seiner Verhaftung durch die Polizei. Das Tier der Nachbarin war auf das Grundstück der Eltern von Christian J. im Jenaer Südviertel gelaufen und dem Schützen, der mit seiner Frau in einer Einliegerwohnung lebt, durch die geöffnete Haustür gefolgt. Offenbar angelockt von Christian J. Der holte im Obergeschoss seine Armbrust und schoss auf das Tier, das er im Schulterbereich traf. Da der Hund aber noch nicht tot war, erschlug er ihn mit einer Machete, packte ihn in einen Müllsack und entsorgte das Tier in einer Ruine auf dem Jenaer Forst. Drei Wochen später fanden dort zwei Hobbyfotografen den Kadaver.

Der Hass auf Tiere war es aber offenbar nicht, die den Besitzer von vier Kanarienvögeln zu den Taten trieb. Seine nächtlichen Jagden, manchmal im Abstand von mehreren Monaten, waren nach der Erklärung seines Anwalts eher ein Kick, um sein bislang eher enttäuschendes Leben zu bewältigen, sich ein fragwürdiges Selbstwertgefühl zu verschaffen. "Die Möglichkeit, erwischt zu werden, löste bei ihm einen Adrenalinschub aus", sagte Anwalt Schröder im Namen seines Mandanten. Was zunächst mit Ballerspielen am Computer begann und sich mit dem Schießen auf Scheiben im Schützenverein fortsetzte, mündete schließlich in der mehr oder minder planlosen Jagd auf Weidetiere. Die Polizei stellte bei einer Hausdurchsuchung im Mai 2013 eine Armbrust, zwei Luftgewehre rund 32 000 Schuss Luftgewehrmunition sowie 170 Armbrustbolzen sicher. Die Soko "Weide" war dem Täter durch intensive Recherchen nach Waffen und Munition bei Internethändlern auf die Spur gekommen.

Christian J. fiel es im voll besetzten Gerichtssaal hörbar schwer, sich verbal auszudrücken, weswegen Rechtsanwalt Schröder immer wieder das Wort ergreifen musste. Dabei stammt der heute 31-jährige Christian J. aus einem sozial gut situierten Elternhaus: Der Vater ist Ingenieur, die Mutter war Bankangestellte. J. ist in München geboren und in Baden-Württemberg aufgewachsen. Er und seine Schwester wurden als Kinder adoptiert. Christian J. schaffte nur die Hauptschule und konnte die Erwartungen seines Vaters, der als Produktmanager bei Carl Zeiss arbeitete und dadurch mit der Familie von Oberkochen nach Jena umzog, nicht erfüllen. So sieht es jedenfalls der Sohn, der sich seinerseits von den Eltern, mit denen er nach wie vor in einem Haus lebt, unverstanden und überfordert fühlt. Auch in Jena klappte es trotz dreier Anläufe nicht mit einem Regelschulabschluss. Christian J. blieb ohne Ausbildung und ohne Arbeit, vier Jahre lang, bis 2005. Über die Agentur für Arbeit wurde er schließlich in Gera zum Sozialbetreuer, verbunden mit einem Regelschulabschluss, ausgebildet. Dennoch gab es keine Job-Angebote für ihn, so dass er sich mit Gelegenheitsarbeit, etwa Essen ausfahren für das DRK, über Wasser hielt. Wie Christian J. gestern angab, ist er inzwischen seit zwei Monaten bei einem Sicherheitsdienst angestellt.

Keine verminderte Schuldfähigkeit

Dass Christian J. für seine Taten voll verantwortlich ist und jederzeit in der Lage war, sie zu steuern, auch als er nachts mit der Armbrust schoss, das attestiert ein Gutachten der Asklepios Fachklinik in Stadtroda. Drei Monate, von Mitte Juni bis Mitte August, war der Tierquäler dort zunächst auf Gerichtsbeschluss und später freiwillig in der geschlossenen Abteilung untergebracht. Die Psychologen diagnostizierten eine Persönlichkeitsstörung und raten zu einer Familientherapie, um Frust abzubauen.

Staatsanwalt Thomas Müller-Gründel forderte in seinem Plädoyer eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Der Angeklagte habe mit den Schüssen auf die Tiere seine Gewaltfantasien ausgelebt und insbesondere bei der Tötung des Labradors erhebliche kriminelle Energie frei gesetzt. Es gehe hier nicht nur um eine Sachbeschädigung. Daher komme trotz voll umfänglichen Geständnis bei dem nicht vorbestraften Angeklagten eine Geldstrafe nicht in Betracht.

Dem schloss sich Verteidiger Cord-Hendrik Schröder an. In diesem Fall müsse ein Zeichen gesetzt werden, dass niemand das Recht hat, seinen Frust an Tieren auszulassen. Allerdings plädierte Schröder für eine Strafe unter zwei Jahren, ausgesetzt zur Bewährung.

Richter Frank Hovemann verkündete schließlich eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten, wobei für ihn die vorsätzliche Art und Weise wie Christian J. den Hund tötete am schwersten wog. Eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung schloss er aber aus, da das psychiatrische Gutachten dem Angeklagten wohl eine gute Sozialprognose, aber eine schlechte Kriminalprognose attestiert. Mit seinen Taten habe Christian J. überdies erheblich die Rechtsordnung beeinträchtigt, da viele Tierhalter über Wochen und Monate in Angst und Schrecken um ihre Tiere lebten.

Von den anwesenden Geschädigten wurde das noch nicht rechtskräftige Urteil mit Befriedigung aufgenommen. "Ich glaube aber nicht, dass er diesen Prozess wirklich ernst genommen hat", sagte Andrea Kolchmeier aus Nennsdorf, auf deren Weide ein Hochlandrind qualvoll verendete. Was ihr und anderen fehlt: Außer einer lapidaren Entschuldigung im Gerichtssaal habe der Schütze keinerlei Kontakt mit den Tierhaltern aufgenommen, um sein Bedauern auszudrücken.

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