Mutmaßlicher Mafia-Clan wollte Hotel im Eichsfeld kaufen

Eichsfeld.  Die Umtriebe zweier armenischer Familien halten das Eichsfeld in Atem. In Heiligenstadt scheiterten sie mit Kaufabsichten.

An einer Tankstelle wurden im Februar Personen erst kontrolliert und dann festgenommen, nachdem eine vermeintliche Zwangsverheiratung stattgefunden haben soll.

An einer Tankstelle wurden im Februar Personen erst kontrolliert und dann festgenommen, nachdem eine vermeintliche Zwangsverheiratung stattgefunden haben soll.

Foto: Foto: Eckhard Jüngel

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Der Streit verfeindeter Familien lässt den Landkreis Eichsfeld in Nordthüringen nicht los. Mindestens zwei größere Polizeieinsätze hat es 2019 gegeben, die auf eine seit mehr als einem Jahrzehnt andauernde Fehde zurückgehen.

Das zumindest steht aus Sicht der Polizei zweifelsfrei fest, wenn über die Schlägerei vor einem Worbiser Supermarkt gesprochen wird. Die hatte deshalb landesweit für Aufsehen gesorgt, weil sich im Internet rasend schnell die wildesten Gerüchte verbreiteten – u. a. war davon die Rede, dass Männer mit einer Machete aufeinander losgegangen sein sollen. Das hat sich, heißt es aus Polizeikreisen, aber nicht bestätigt.

Zwischenzeitlich hat die Mühlhäuser Staatsanwaltschaft die Verfahren vorliegen. Sowohl gegen jene Männer, die sich prügelten, als auch gegen einige Beteiligte, die später im Internet offensiv „Fake-News“ verbreitet haben, wird ermittelt. Mehr als 20 Verfahren sollen im Zuge der Auseinandersetzung und ihrer Folgen eingeleitet worden sein, erfuhr diese Zeitung.

Polizei: „Staat kann sich das nicht gefallen lassen“

Wie das mit den beiden armenischen Familien zusammenhängt, die seit Jahren in Leinefelde-Worbis miteinander verfeindet sind? Die Polizei hat zwischenzeitlich rekonstruiert, dass sich der Nachwuchs der Familien offenbar zufällig in dem Markt und davor begegnet sein muss – und „man ließ die Muskeln“ spielen, sagt ein Ermittler im Gespräch mit dieser Zeitung.

Was hinter den Auseinandersetzungen der Autohändler steckt, hat die Polizei offiziell bisher über all die Jahre offiziell nicht herausgefunden – und gibt sich auch auf Nachfrage zugeknöpft. „Der Staat kann sich das nicht gefallen lassen“, sagt Kripo-Chef Detlef Grabs dann aber doch in Bezug auf die zahlreichen Fehden. Details, wie der Staat – also die Polizei – dagegen vorgeht, lässt er im Unklaren.

Sitzen die Drahtzieher in Frankreich?

Indizien dafür, dass das Bewusstsein für die teilweise blutigen Aufeinandertreffen der beiden Familien mittlerweile auch in höheren Polizeistrukturen vorhanden ist, gibt es zuhauf. Beispielsweise dies: Im Thüringer Landeskriminalamt (LKA) wird standardmäßig die Lage der „Organisierten Kriminalität“ (OK) im Freistaat analysiert. Erstmals haben in diesem Jahr Ermittler der Nordhäuser Kripo an einem solchen Treffen teilgenommen. Bisher galt das, was im Eichsfeld stattfand, nicht als „OK“.

So wird es auch nach wie vor nicht eingestuft – aber beobachtet. Dafür spricht auch, dass es in einem MDR-Bericht jüngst hieß, dass sogar das Bundeskriminalamt seinen Blick auf die Region gerichtet haben soll. Die Geschäfte von dort strahlen vor allem nach Niedersachsen und Hessen aus.

Erst vor wenigen Wochen wurde nach Informationen dieser Zeitung ein Mitglied eines der beiden Eichsfelder Clans mit einem bekannten Armenier aus Hessen im Auto angetroffen – bei einer routinemäßigen Verkehrskontrolle. Rückzugsraum für die Eichsfelder Familien, heißt es aus Polizeikreisen, seien eher Niedersachsen und Hessen. Belegte Kontakte zu den Armeniern der Erfurter Clans – die sind u.a. für die Schießerei 2014 im Norden der Landeshauptstadt verantwortlich – gibt es nicht.

Dafür hat ein MDR-Bericht jetzt eine Verbindung zu einem seit Jahren andauernden Gerichtsverfahren vor dem Mühlhäuser Landgericht aufgezeigt. Beim sogenannten Wodka-Prozess geht es um Millionen Euro hinterzogener Branntweinsteuer. „Die Firma hatte unter anderem ihren Sitz genau an der Adresse, unter der eines der Autohäuser der Armenier firmiert“, heißt es in dem Beitrag.

Der Drahtzieher dieser mutmaßlichen Steuerhinterziehung gehört offenbar einem der Clans im Eichsfeld an – und ist, so hat es die Mühlhäuser Staatsanwaltschaft dem MDR bestätigt, bereits 2005 nach einer Schießerei in Worbis verurteilt worden.

Schießerei als Streitauslöser

Diese Schießerei gilt gemeinhin als Ausgangspunkt der Auseinandersetzung der beiden Familien, die vorher „gemeinsame Sache“ gemacht haben sollen, wie es einer der Ermittler beschreibt. Was war der Auslöser? Gerieten Geschäftsbereiche in Gefahr? Ging es um Drogengeschäfte oder Geldwäsche? Offiziell streiten die beiden Familien um eine Werkhalle im Worbiser Industriegebiet. Die war offenbar dem einen versprochen worden und der andere bekam sie. Dass das der tatsächliche Auslöser der blutigen Auseinandersetzungen ist, wird in Polizeikreisen stark bezweifelt. Ein Indiz dafür, dass es um mehr geht, liefert ein MDR-Bericht, der sich auf mehrere Zehntausend Seiten interner Ermittlungsunterlagen stützt. Darin heißt es, dass aus dem Eichsfeld eine Spur „zu mutmaßlichen armenischen Mafia-Paten in Frankreich“ führe.

Seit anderthalb Jahrzehnten versuchen die Polizeibeamten in der Region Licht in das Dunkel der zahlreichen Auseinandersetzungen der beiden Autohändler in Nordthüringen zu bringen. Um die war es viele Jahre ruhig geworden nach der Schießerei. „Was sie nicht brauchen, ist öffentliche Aufmerksamkeit“, sagt ein Polizeibeamter aus der Region dieser Zeitung. Die hat dennoch in den vergangenen Jahren wieder zugenommen. Auch deshalb, weil sich die Auseinandersetzungen häufen.

Dass Niedersachsen Rückzugsraum für die Eichsfelder Clans ist, zeigt ein blutiger Streit aus dem Mai 2018. Mitglieder einer der beiden Familien lagen mit Mitgliedern einer Duisburger Struktur im Clinch. Acht Personen waren nahe eines Friseursalons in der Innenstadt aneinander geraten – Messer, Schlagstock, Pfefferspray und eine Gaspistole sollen zum Einsatz gekommen sein. Seinerzeit teilte die Polizei mit, dass das Motiv für die Tat im privaten Bereich zu suchen sei.

Im Fokus von Vernehmungen in Göttingen von mehreren Personen waren nach Informationen dieser Zeitung auch Mitglieder eines der Eichsfeld-Clans – und: Tags darauf wurden Geschäftsräume in Leinefelde-Worbis durchsucht und überwacht, die ebenfalls der armenischen Struktur im Eichsfeld zuzurechnen sind.

Stadt Heiligenstadt schaltet sich in Kaufabsicht für Hotel ein

In dem Verfahren ermittelt nach wie vor die Göttinger Staatsanwaltschaft und hat die Ermittlungen auch 18 Monate nach der Fehde nicht abgeschlossen. Anklage werde in diesem Jahr nicht mehr erhoben, sagt ein Sprecher der Anklagebehörde auf Nachfrage dieser Zeitung.

Auseinandersetzungen mit Familien aus anderen Bundesländern gab es bis dato ebenfalls nicht nur einmal. So kam es im Februar 2019 zu einem Großeinsatz der Polizei nach einer vermeintlichen Entführung einer jungen Frau, die sich bei einem der Eichsfelder Familienmitglieder aufhielt. Dabei griff die Polizei ein, weil Armenier aus Schleswig-Holstein nach Leinefelde-Worbis gekommen waren.

Bei der vermeintlichen Entführung handelte es sich wohl um die Flucht der Frau vor einer Zwangsverheiratung. 30 Autos mit angeblich etwa 100 Beteiligten der Familie der Frau standen an jenem Februar-Tag vor dem Elternhaus des angeblichen Entführers und wollten offenbar den Clan im Eichsfeld angreifen. Beide Familien sollen ebenfalls entfernt verwandt sein. Die Polizei schritt ein. Beamte des SEK und ein Hubschrauber waren im Einsatz. An einer Tankstelle kam es zu Festnahmen. Bei der Durchsuchung mehrerer Fahrzeuge wurden ein Säbel und ein Totschläger gefunden.Kampf gegen armenische Mafia in Thüringen: Mutmaßliche Drogendealer werden angeklagt58.000 Seiten: Akten geben Einblick in Mafia-Strukturen in Thüringen

Mafia-Umtriebe in Thüringen erneut in der Debatte

Nach Informationen dieser Zeitung klärten die Familien den Zwist später untereinander, was bisher nicht bekannt war. Es soll zu einem sogenannten Schlichtungstreffen – in den Kreisen ist das nicht unüblich -- in einer Gaststätte in Leinefelde gekommen sein. „In diesen Kreisen gibt es ein eigenes Rechtsverständnis, eigene Regeln und die greifen zu ganz anderen Sanktionierungen“, sagt ein hoher Polizeibeamter, der mit den Ermittlungen vertraut ist.

Im benachbarten Heiligenstadt gibt es unterdessen immer wieder zaghafte Versuche der Armenier, ihre Geschäftsstrukturen im Landkreis zu festigen. Demnach soll aus einer der beiden Familien heraus Kontakt aufgenommen worden sein, um ein zum Verkauf stehendes Hotel zu erwerben. Das wird dieser Zeitung sowohl aus Polizei- als auch aus Kreisen der Stadtverwaltung bestätigt. Mittlerweile plant aber wohl die Kommunale Wohnungsgesellschaft (KoWo) selbst den Ankauf des Objektes.

Auch auf eine Fläche in einem neuen Gewerbegebiet in der Kreisstadt, unmittelbar an der A 38, soll eine der beiden Familien spekuliert haben – den Kaufwunsch eines Mittelsmannes hat die Stadt nach Informationen dieser Zeitung aber abschlägig behandelt. Er wolle mit einem Geschäftspartner – dabei soll im Gespräch der Name einer der Leinefelde-Worbiser Clan-Bosse gefallen sein – einen Autoaufbereitungsservice aufbauen, wurde der Stadtverwaltung als Geschäftsplan vorgestellt.

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