NSU-Prozess: Der Ankläger auf der Zeugenbank

München. Am Dienstag wurde Jochen Weingarten als Zeuge über eine Vernehmung aus dem Sommer 2012 gehört. Damals hatte er zusammen mit zwei BKA-Beamten Enrico T. vernommen, der bei dem Transport der mutmaßlichen NSU-Mordwaffe von der Schweiz nach Thüringen eine entscheidende Rolle gespielt haben soll.

Der Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten betritt am Dienstag in München den Sicherheitsbereich vor dem großen Verhandlungsraum. Vor dem Oberlandesgericht wurde der Prozess um die Morde und Terroranschläge des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) fortgesetzt. Im Verlauf des Prozesstages hatte Weingarten als Zeuge ausgesagt. Foto: Tobias Hase/dpa

Der Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten betritt am Dienstag in München den Sicherheitsbereich vor dem großen Verhandlungsraum. Vor dem Oberlandesgericht wurde der Prozess um die Morde und Terroranschläge des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) fortgesetzt. Im Verlauf des Prozesstages hatte Weingarten als Zeuge ausgesagt. Foto: Tobias Hase/dpa

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Normalerweise sitzt Jochen Weingarten rechts von den Richtern, in weinroter Robe, als einer der Anklagevertreter der Bundesanwaltschaft. Immer, wenn das Netzwerk des NSU oder der Weg der mutmaßlichen Mordwaffe thematisiert wird, ergreift er das Wort. Das ist sein Spezialgebiet.

Auch sonst ist die laute, sonore Stimme Weingartens des Öfteren im Münchner Schwurgerichtssaal zu hören, etwa wenn es darum geht, Anträge der Verteidigung zurückzuweisen. Der 45-jährige Oberstaatsanwalt ist die Offensivkraft der Anklage.

An diesem Dienstag allerdings sitzt Weingarten direkt vor den Richtern, hinter der Zeugenbank und im Anzug. Seine Stimme klingt ungewohnt gedämpft, als er über eine Vernehmung aus dem Sommer 2012 berichtet. Damals hatte er zusammen mit zwei BKA-Beamten Enrico T. vernommen, der bei dem Transport der mutmaßlichen NSU-Mordwaffe von der Schweiz nach Thüringen eine entscheidende Rolle gespielt haben soll.

Enrico T. war ein Jugendfreund von Uwe Böhnhardt und ist eng mit dem Schweizer Hans-Ulrich M. befreundet, der die Ceska-Pistole angeblich besorgte. Doch T. hat die Vorwürfe stets bestritten. Als Zeuge vor dem Oberlandesgericht verweigerte er teilweise die Aussage.

Dennoch deuten manche Aussagen von T., die er bei der Vernehmung durch Weingarten in Karlsruhe machte, darauf hin, dass die These der Bundesanwaltschaft stimmt. Zumindest lassen sich einige Sätze so interpretieren, dass er mehr weiß, als er zugeben will.

Dies alles ist nicht unwichtig, immerhin wird mit Ralf Wohlleben und Carsten S. gleich zwei Angeklagten Beihilfe zu neunfachen Mord vorgeworfen. Sie sollen am Ende der Lieferkette der Ceska-Pistole stehen. Fällt ein Glied dieser Kette aus, wackelt die gesamte Anklage.

An diesem Dienstag versucht deshalb die Verteidigung Wohllebens, Zweifel an den Verhörmethoden des Oberstaatsanwalts zu nähren. Zuvor hatte ein BKA-Beamter, der bei der Vernehmung dabei war, vor Gericht ausgesagt, dass Weingarten "wortstark" auf T. eingeredet habe. Ob er geschrien oder gebrüllt habe, fragte Wohlleben-Verteidiger Olaf Klemke damals prompt nach. "Das kann man schon so sagen", lautete die Antwort.

Der Oberstaatsanwalt versucht, dies nun am Dienstagnachmittag in seiner Zeugenaussage zu relativieren. T. habe sich bei der Vernehmung "abweisend", "sperrig" und "läppisch" verhalten und immer wieder Ausflüchte gesucht. Daraufhin habe er, Weingarten, einmal mit der Hand den Tisch gehauen, sei aufgestanden und habe "auch im Ton" klargemacht, dass es so nicht gehe mehr aber auch nicht.

Die Verteidiger von Wohlleben und Beate Zschäpe stellen nur wenige Nachfragen. Sie haben ihren Punkt gemacht, indem sie Weingarten in den Zeugenstand holten. Es ging wohl einfach darum, sich gegenseitig die Instrumente zu zeigen. Und so ist auch der Nachmittag des 163. Verhandlungstages Prozessgeschichte.

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