Operation Aderlass: Bereits Zimmer für Tour de France 2019 reserviert

München.  Das mutmaßliche Dopingnetzwerk um den Erfurter Arzt Mark S. soll auch für dieses Jahr Blutdoping geplant haben. Mittlerweile gibt es Ermittlungen gegen 50 Personen.

Oberstaatsanwalt Kai Gräber stellte in München weitere Details zu den Ermittlungen der Operation Aderlass vor.   

Oberstaatsanwalt Kai Gräber stellte in München weitere Details zu den Ermittlungen der Operation Aderlass vor.   

Foto: Kai Mudra

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Das mutmaßliche Netzwerk um den Erfurter Sportarzt Mark S. soll auch für 2019 mögliches Blutdoping geplant haben. Davon zeigt sich am Freitag der Münchner Oberstaatsanwalt Kai Gräber überzeugt. Nach Angaben des Leiters der Ermittlungen sollen beispielsweise für die Tour de France 2019 bereits Zimmer gebucht gewesen sein.

Das Programm sollte offenbar weiterlaufen, trotz des Blutdopinggeständnisses des österreichischen Skilangläufers Johannes Dürr im Januar dieses Jahres in einem ARD-Beitrag. Die Reportage nennt zwar den Name des Erfurter Arztes nicht, aber eine erste Befragung des Skisportlers kurz nach dem Fernsehbeitrag auch durch die bayerischen Ermittler lenkt den Verdacht schnell auf Mark S.

In einer konzertierten Aktion deutscher und österreichischer Ermittler werden bei Razzien am 27. Februar in Erfurt und im österreichischen Seefeld, am Rande der nordischen Ski-WM, zahlreiche Beweismittel gesichert und drei Verdächtige verhaftet. In Österreich greifen die Ermittler zu, als einer der WM-Sportler aus Österreich gerade eine illegale Blutfusion erhält. In Erfurt nehmen bayerische Zollfahnder den Hauptverdächtigen, Mark S., fest.

Mark S. nennt Namen von gedopten Sportlern

Kai Gräber zeigt sich bis heute überrascht, dass dieser auch nach dem Fernsehbeitrag seine als illegal geltenden Aktivitäten nicht eingestellt habe. Nur deshalb seien die Fahnder beim Belauschen von Telefonen dem Netzwerk auf die Spur gekommen, wussten was geplant war und wo sie vor allem in Erfurt durchsuchen mussten, um erfolgreich zu sein. Unter anderem fielen den Ermittlern Beutel mit Blutproben in die Hände, die offensichtlich für das Doping verwendet werden sollten.

Der Hauptverdächtige habe nach seiner Festnahme laut Staatsanwaltschaft Anfangs Aussagen gemacht. So soll er die Namen der Sportler preisgegeben haben, die mit den Kürzeln auf den sichergestellten Blutbeutel getarnt worden waren. Ab Mai soll der Sportmediziner dann aber keine weiteren Aussagen getätigt haben. Das sei sein gutes Recht, betont Kai Gräber.

"Operation Aderlass" - Oberstaatsanwalt Kai Gräber erläutert die Anklagepunkte
"Operation Aderlass" - Oberstaatsanwalt Kai Gräber erläutert die Anklagepunkte

Doch die deutschen Ermittler konnten in Zusammenarbeit vor allem mit den österreichischen Behörden die sichergestellten Beweismittel auswerten und bieten in ihrer in der Vorwoche beim Landgericht München II vorgelegten Anklage unter anderem 30 Zeugen für ihre Vorwürfe gegen den Arzt und vier seiner mutmaßlichen Gehilfen auf. Darunter sollen sich zahlreiche betroffene Sportlerinnen und Sportler befinden. Die Anklage sollen zudem Gutachten stützten.

Ermittlungen gegen 50 Personen

Insgesamt richten sich die Ermittlungen zur „Operation Aderlass“ gegen 50 Personen, Sportler, Ärzte, Betreuer sowie Helfer. 23 Sportler aus acht Europäischen Ländern sind verdächtig, illegal Blutdoping mit Hilfe des beschuldigten Arztes und seiner Gehilfen betrieben zu haben. Vier von ihnen kommen aus Deutschland, acht aus Österreich, die übrigen sollen laut Staatsanwaltschaft aus Italien, Slowenien, Estland, Kroatien, Kasachstan und der Schweiz stammen.

Kai Gräber weist darauf hin, dass die bekannt gewordenen deutschen Sportler strafrechtlich nicht belangt werden konnten, da sie ein mögliches Blutdoping vor dem 18. Dezember 2015 betrieben haben sollen, also bevor dieses in Deutschland durch ein Antidopinggesetz unter Strafe gestellt wurde. Der Oberstaatsanwalt spricht sich erneut für einen Kronzeugenregelung für Sportler aus, die Dopingaktivitäten offenlegen. Der Verlauf des Verfahrens zeige, wie wichtig das sei.

Dopingumsatz in Höhe von mindestens 250.000 Euro

Nach seinen Angaben hat die Staatsanwaltschaft im Rahmen ihrer Ermittlungen Vermögenswerte in Höhe von 170.000 Euro sichergestellt. Er spricht von „dinglichem Arrest“. Für eine Saison sollen demnach Sportler bis zu 30.000 Euro gezahlt haben, in den vergangenen Jahren zwischen 5000 Euro und 15.000 Euro. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Dopingumsatz in Höhe von mindestens 250.000 Euro aus. Ob sich auch die Thüringer Steuerbehörden für den Fall interessieren, blieb am Freitag offen.

Über den Fortgang des Verfahrens muss nach dem Einreichen der Anklage das Landgericht München II entscheiden. Die Angeklagten haben das Recht, sich zu äußern. Sollte das Gericht entscheiden, das Verfahren zu eröffnen, könnte es im Frühsommer zum Prozess kommen. Zwei der fünf Angeklagten sitzen seit den Razzien im Frühjahr in Untersuchungshaft. Diese wurde erst am 6. Dezember um weitere drei Monate verlängert.

Zur Höhe möglicher Strafen wollte sich die Staatsanwaltschaft in München vor Prozessbeginn nicht detailliert äußern. Für den Hauptverdächtigen werde aber bei einer Verurteilung eine mehrjährige Freiheitsstrafe erwartet, sagte Behördensprecherin, Oberstaatsanwältin Anne Leiding, am Freitag in München.

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