Rätsel um NSU-Mordwaffe: Fragen und Antworten zu „Ceska“

Jena/München  Fragen und Antworten zur „Ceska“

Die NSU-Waffe, eine „Ceska“-Pistole. Der Angeklagte Ralf Wohlleben aus Jena bestreitet seit kurzem, den Kauf der Pistole für Mundlos und Böhnhardt in Auftrag gegeben und finanziert zu haben. Foto: Franziska Kraufmann

Die NSU-Waffe, eine „Ceska“-Pistole. Der Angeklagte Ralf Wohlleben aus Jena bestreitet seit kurzem, den Kauf der Pistole für Mundlos und Böhnhardt in Auftrag gegeben und finanziert zu haben. Foto: Franziska Kraufmann

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Nach mehr als drei Jahren Dauer geht es im Münchner NSU-Prozess plötzlich wieder um die Mordwaffe. Die Bundesanwaltschaft sieht in der „Ceska“-Pistole des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ auch ein bewusst gesetztes Symbol der Terroristen. Neun türkisch- und griechischstämmige Geschäftsleute sollen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die aus Jena stammten, mit dieser Pistole erschossen haben. Die Vorgänge um diese Waffe galten im Münchner NSU-Prozess eigentlich als geklärt – und doch ist sie im Gericht seit Wochen wieder das dominierende Thema. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Warum geht es erneut um die „Ceska“?

Weil einer der Angeklagten, der Jenaer Ralf Wohlleben, erst seit kurzem bestreitet, den Kauf der Pistole für Mundlos und Böhnhardt in Auftrag gegeben und finanziert zu haben. Jahrelang hatte er jede Aussage abgelehnt, auch zu der Waffe. Im Dezember sagte er dann doch aus und bestreitet seitdem den Vorwurf. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm dagegen nicht nur vor, die „Ceska“ besorgt zu haben, sondern auch, dass er wusste, wofür sie gedacht war – auch, weil sie mit Schalldämpfer geliefert wurde. Darum ist Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

Wie kamen die Ermittler auf Wohlleben?

Durch das Geständnis von Carsten S., einem weiteren Angeklagten. Wohlleben habe ihn beauftragt, die Waffe zu kaufen und ihm auch das Geld dafür gegeben, behauptet S.

Wohlleben: Brandt war als Agent immer flüssig

Woher wissen die Ermittler, dass es wirklich die „Ceska“ war, die Wohlleben und S. besorgt haben sollen?

Aus der Beschreibung, die S. lieferte – Farbe, Größe, Gewicht, Schalldämpfer. Das habe für die Bestimmung genügt. Dass bei den Morden eine „Ceska“ verwendet wurde, hatten die Waffenexperten des BKA schon vor dem Auffliegen des NSU-Trios festgestellt. Gefunden wurde die Pistole in den ausgebrannten Trümmern der Fluchtwohnung in Zwickau. Bei Beschusstests stellte sich heraus, dass es tatsächlich die Mordwaffe war.

Wohlleben verdächtigt andere Drahtzieher. Hinter dem Waffenkauf könne Geheimdienst-V-Mann und Neonazi-Anführer Tino Brandt, der ebenfalls aus Thüringen stammt, stecken. Was ist da dran?

Wohlleben sagt, er habe nie Geld übrig gehabt und den Kauf der Waffe darum nicht finanzieren können. Brandt dagegen sei dank seines Agentenlohnes immer flüssig gewesen und habe Carsten S. gut gekannt. Daraufhin lud das Gericht Tino Brand erneut als Zeugen. Der sagte, möglicherweise habe er Carsten S. tatsächlich mal Geld „für seine Jugendgruppe“ gegeben. Allerdings bleibt S. bei seiner Aussage, er habe das Geld von Wohlleben bekommen.

Wohlleben bringt außerdem die Drogen- und Rotlichtbande zweier Zwillingsbrüder in Jena ins Spiel. Plausibel?

Durchaus. Ursprünglich stammt die Pistole aus der Schweiz. Bis sie bei Carsten S. in Jena landete, ging sie durch viele Hände. Die Zwischenhändler in der Schweiz und in Deutschland glaubt die Bundesanwaltschaft allesamt zu kennen. Es sind durchweg Männer, die entweder zur Neonazi-Szene gehörten oder zu der kriminellen Bande von Zwillingen in Jena – oder beides. Wohlleben könnte dennoch der Auftraggeber von Carsten S. gewesen sein. Verstörend ist zudem, dass die Zwillinge V-Leute des Thüringer Landeskriminalamtes gewesen sein sollen. Demnach hätte nicht nur der Verfassungsschutz Spitzel in der Führungsebene der Szene gehabt, sondern auch die Polizei.

Carsten S. will Telefonat mitgehört haben

Wussten Wohlleben und Carsten S., dass mit der „Ceska“ Morde verübt werden sollten?

Das bestreiten beide. Carsten S. wurde gefragt, was er sich dabei dachte, konspirativ eine Pistole mit Schalldämpfer nebst 50 Schuss Munition zu zwei abgetauchten Neonazis zu bringen. Er behauptet, er habe nichts Schlimmes vermutet, auch, weil Mundlos, Böhnhardt und deren Freundin Beate Zschäpe ja nur wegen „Propagandadelikten“ gesucht würden.

Wurde die „Ceska“ für weitere Taten verwendet als die bekannten neun Morde?

Carsten S. sagt, er sei dabeigewesen, als Wohlleben einmal mit Mundlos oder Böhnhardt telefonierte. Hinterher habe er gesagt, „die Idioten“ hätten jemanden „angeschossen“. S. sei schockiert gewesen und habe gehofft, dass das nicht mit dieser Waffe geschehen sei. Der Anruf könnte vor dem ersten Mord des NSU im September 2000 in Nürnberg geführt worden sein. Was dahinter steckt, ist bis heute unklar.

Was hat die aus Jena stammende Beate Zschäpe damit zu tun?

Die Bundesanwaltschaft hält sie für ein Mitglied des NSU, also einer „terroristischen Vereinigung“ im Sinne des Gesetzes. Darum ist sie wegen Mittäterschaft an den Morden angeklagt, auch wenn sie nicht selber geschossen haben soll. Zschäpe bestreitet eine NSU-Mitgliedschaft.

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