Thüringer Forscher: Moderner Mensch hat sich sehr schnell ausgebreitet

Jena  Wann und in wie vielen Wanderungswellen der moderne Mensch von Afrika aus die restliche Welt besiedelte, noch nicht ganz klar. Eine internationalen Forschergruppe unter Beteiligung des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte berichtet jetzt in der US-Fachzeitschrift „Current Biology“ von überraschenden Einblicken in die frühe Bevölkerungsentwicklung Europas.

30 000 Jahre alter Schädel aus Dolní Vestonice in Tschechien. Foto: dpa

30 000 Jahre alter Schädel aus Dolní Vestonice in Tschechien. Foto: dpa

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Wann und in wie vielen Wanderungswellen der moderne Mensch von Afrika aus die restliche Welt besiedelte, noch nicht ganz klar. Eine internationalen Forschergruppe unter Beteiligung des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte berichtet jetzt in der US-Fachzeitschrift „Current Biology“ von überraschenden Einblicken in die frühe Bevölkerungsentwicklung Europas. Ihr war es gelungen, die DNA von frühen Europäern zu rekonstruieren. Die Ergebnisse legen nahe, dass es „eine einzige, umfassende und schnelle Ausbreitungswelle des modernen Menschen außerhalb Afrikas“ gab, gleichzeitig über Asien und Europa. Und die Wissenschaftler fanden Hinweise dafür, dass am Ende der letzten Eiszeit ein tiefgreifender genetischer Wandel der europäischen Bevölkerung stattgefunden haben muss.

Die Entwicklung der Jäger und Sammler vor 35 000 bis 40 000 Jahren in Europa ist bisher kaum erforscht. Wissenschaftlern des Jenaer Instituts und der Uni Tübingen, wo der aus dem Eichsfeld stammende MPI-Direktor Professor Johannes Krause Honorarprofessor ist, gelang mit molekularen und bioinformatischen Techniken die mütterlicherseits vererbte mitochondriale DNA (mtDNA) von 35 frühen Jägern und Sammlern zu rekonstruieren. Die Funde aus Italien, Deutschland, Belgien, Frankreich, Tschechien und Rumänien sind 35 000 bis 7000 Jahre alt.

Überraschend ist, dass drei Individuen aus Belgien und Frankreich aus der Zeit vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit einem mtDNA-Typ angehören, der als Haplogruppe M bezeichnet wird. „Das erste Mal als ich zu diesem Ergebnis gelangte, war ich überzeugt, dass ein Fehler vorliegen muss, denn in heutigen Europäern ist diese Haplogruppe nicht zu finden. Dagegen ist sie in Asien und in den ursprünglichen australischen und amerikanischen Bevölkerungsgruppen weit verbreitet“, berichtet Cosimo Posth von der Universität Tübingen, Hauptautor der Studie. Es werde vermutet, dass zu Beginn des letzten Eiszeitmaximums die Bevölkerungszahl Europas beträchtlich schrumpfte und die Menschen sich an Zufluchtsorte in Südeuropa zurückzogen, von denen aus sie sich mit der Erwärmung des Klimas wieder über Europa ausbreiteten. Während dieses Rückzugs ging die Haplogruppe M in Europa verloren.

Die mtDNA aller heutigen Nicht-Afrikaner ist den Haplogruppen N oder M zuzurech-nen, doch der Zeitpunkt der Ausbreitung dieser Typen wurde sehr unterschiedlich datiert. Die neue Studie datiert die letzten gemeinsamen Vorfahren aller Nicht-Afrikaner, die beide Mitochondrien-Linie trugen, auf die Zeit vor rund 50 000 Jahren. „Diese Datierung stützt die Vermutung einer späten und schnellen Ausbreitung aller nicht-afrikanischen Bevölkerungsgruppen nicht nur nach Asien, sondern auch nach Europa“, sagt Johannes Krause. Die Daten sprechen auch für einen bisher unbekannten tiefgreifenden Wandel der europäischen Bevölkerung vor rund 14 500 Jahren am Ende der Eiszeit. Vermutlich wurden in der Erwärmungsphase die Jäger und Sammler durch eine Bevölkerungsgruppe aus einer anderen mütterlichen Abstammung ersetzt, wie Adam Powell berichtet, ein weiterer Hauptautor der Studie und Forschungsgruppenleiter am Institut in Jena. Noch sei dazu vieles zu klären.

Das Jenaer Institut wird bisher vom Archäogenetiker Johannes Krause und dem neuseeländischen Sprach- und Kulturforscher Russell Gray gleitet. Im Juli kommt als dritte Direktorin Nicole Boivin aus Oxford hinzu

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