„Das große Videotheken-Sterben geht weiter“

Apolda  Um die Zukunft der Branche macht sich der Filmverleiher Michael Punke aus Apolda große Sorgen. Auch das „Streaming“ macht er dafür verantwortlich.

Noch in den Neunzigern gehörte der Besuch an mindestens einem Abend in der Woche zum Ritual vieler Pärchen und Familien. Foto: Uwe Zucchi

Noch in den Neunzigern gehörte der Besuch an mindestens einem Abend in der Woche zum Ritual vieler Pärchen und Familien. Foto: Uwe Zucchi

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Im TLZ-Interview spricht Michael Punke, Inhaber der Mediathek „Videostar“ in Apolda, über die Anfänge der Videotheken nach der Wende und deren Niedergang heute.

Wie lange gibt es Ihre Videothek bereits?

Mein Geschäft existiert im Januar seit 25 Jahren.

Wie waren die Anfänge? Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Videothek zu betreiben?

Bis zur Wende konnte man keine Videofilme gucken. Ein Videorekorder hatte zu DDR-Zeiten 10 000 Ost-Mark gekostet. Wer konnte sich das leisten? Nach der Wende war alles neu, und die Videotheken sind wie Pilze aus dem Boden gesprossen. In Apolda gab es kurz nach der Wende 13 Videotheken, und ich habe die 14. eröffnet. Jetzt gibt es nur noch mich mit zwei Angestellten. Die Filiale in Weimar musste ich vergangenes Jahr schließen. Die Großstädte halten noch ein bisschen länger durch.

Kommen wegen Video-Streaming-Anbietern wie Amazon Prime oder Netflix weniger Kunden in Ihr Geschäft?

Auf jeden Fall. Aber auch wegen der Raubkopien. Das hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Es ist eben einfach bequemer, zu Hause einen Film herunterzuladen, bevor ich in die Videothek gehe – und den Film muss ich ja dann auch noch wieder zurückbringen. Aber: Die Videotheken sind mit Abstand immer noch am billigsten, was Neuheiten angeht. Und eine Beratung findet im Internet ja auch nicht statt.

Warum sollte man unbedingt in eine Videothek? Was ist so besonders daran?

Oftmals wissen die Leute nicht, was sie überhaupt schauen wollen. Videothek-Mitarbeiter können helfen, denn die Industrie bewirbt auch Filme, bei denen es sich nicht lohnt, diese überhaupt zu kennen.

Welche Kundschaft begrüßen Sie in Ihrem Geschäft? Sind das eher Nostalgiker?

Es gibt viele Kunden, die wollen nur die Neuheiten sehen – die es allerdings nicht mehr in der Stückzahl wie früher gibt. Ich kann mich erinnern, dass wir den Film „Independence Day“ 300 Mal vorrätig hatten. Seit Jahren ist das aber rückläufig. Jetzt haben wir einen Film nur noch zwei- oder dreimal da, so dass die Kunden länger warten müssen. Und das macht unzufrieden. Denn: Warum soll ich in eine Videothek fahren, wenn es den Film, den ich will, nicht gibt?

Früher sind die Menschen in eine Videothek gegangen und haben zehn Filme fürs Wochenende mitgenommen, weil sie gar keinen kannten. Heute kommen sie in die Videothek, wollen einen Film – und wenn es den nicht gibt, dann gehen sie wieder. Wenn ich das zweimal gemacht habe, schaue ich mich nach Alternativen um. Da kostet der Film zwar zwischen vier bis acht Euro – bei uns 1,50 Euro – , aber die Leute sind bereit, das zu zahlen.

Machen sich auch junge Menschen auf den Weg in Ihre Videothek?

Ja, viele junge Kunden – gerade, weil das Ausleihen in Online-Videotheken auch sehr teuer ist. Und es kommt ja auch immer darauf an, welchen Aufwand ich habe. Wenn ich in der Stadt wohne, ist das Ausleihen kein Problem. Wohne ich aber 15 Kilometer entfernt, ist das eine andere Sache.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Videothek?

Ich sehe in Apolda gar keine Zukunft. Der Dezember beispielsweise war im vergangenen Jahr mit Abstand der schlechteste Monat. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten.

Es gab einmal 8000 Videotheken in Deutschland. In diesem Jahr wird es noch mal ein großes Videotheken-Sterben geben. Das steht fest. Man kann sich sträuben, wie mal will; aber die Industrie spielt ja auch gegen uns. Früher waren wir die Ersten, die die Filme erhielten. ­Heute stellen die Gesellschaften die Filme im Internet zur ­Verfügung, dann kann man sie kaufen, dann gelangen sie ins ­Fernsehen. Wir sind die letzten ­Abnehmer. Warum soll ich mir einen Film aus der Video­­thek holen, wenn ich ihn schon 14 Tage vorher kaufen konnte?

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.