Der Grabstein mit Internet-Signatur ist auch in Jena bald keine Utopie mehr

Die digitale Welt macht auch vor dem Friedhofstor nicht Halt. Neuester Schrei: der in den Grabstein gemeiselte QR-Code. Besitzer von internetfähigen Smartphones fotografieren den grafischen Schlüssel einfach ab und werden automatisch auf eine Gedenkseite des Verstorbenen im Internet geführt.

Eckart Bock aus Jena, Ehren-Landesinnungsobermeister des Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerks, wünscht sich mehr Erinnerungskultur.
Foto: Lutz Prager

Eckart Bock aus Jena, Ehren-Landesinnungsobermeister des Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerks, wünscht sich mehr Erinnerungskultur. Foto: Lutz Prager

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Jena. "In Jena gibt es noch keinen solchen Grabstein, aber das ist nur eine Frage der Zeit", sagt Friedhofschef Bertram Flössner. Bestattungskultur sei inzwischen genauso individuell und vielseitig wie das Leben. Eine Trauerfeier mit vielen Luftballons gab es auf dem Jenaer Nordfriedhof ebenso, wie junge Leute, die sich mit einem Kasten Bier am Grab ihres verstorbenen Freundes versammelten. "So lange sie andere Besucher nicht stören, tolerieren wir auch so etwas", sagt der Abteilungsleiter des Jenaer Kommunalservice.

Auf den 22 kommunalen Friedhöfen der Stadt Jena wurden 2011 knapp 900 Menschen beigesetzt. Die meisten Toten werden eingeäschert. Erdbestattung ist die Ausnahme. Lediglich 40 Mal glitt in diesem Jahr ein Sarg hinab in das ausgehobene Grab. "Vor allem Russlanddeutsche bestatten ihre Toten so. Das entspricht ihrer Kultur und ihrem Glauben", sagt Flössner.

Die gefühlte Zunahme der anonymen Bestattung "auf der grünen Wiese", gebe es in Jena dagegen nicht. "1987, also noch zu DDR-Zeiten, war der Anteil mit 47 Prozent am höchsten. Seitdem sinkt er auf inzwischen 40 Prozent", so Flössner. Auf dem Nordfriedhof gibt es eine Anlage ganz ohne Namensnennung und eine Anlage, auf der Name, Geburts- und Sterbedatum vermerkt sind. "Die Mehrzahl bevorzugt die Namensnennung auf der Bronzetafel."

Der Standard bleibt aber das klassische Urnengrab mit einem Quadratmeter Fläche. Für 15 Jahre kostet so ein Grab 630 Euro. Eine Nische bedient das seit dem vergangenen Jahr auf dem Nordfriedhof angebotene Columbarium. Dort stehen die Urnen in einer Wand. Acht Mal wählten Hinterbliebene bisher diese Art der letzten Ruhe.

Deutlich häufiger nachgefragt ist das "Rundum-sorglos-Paket" der Friedhofsverwaltung. Der Name "Lindenbrunnenplätze" bezeichnet auf dem Nordfriedhof ein Grabfeld für 700 Urnen. "Wir kümmern uns für einen Pauschalpreis um die Grabplatte, die Bepflanzung und die Pflege für 15 Jahre", sagt Flössner. Das Angebot ist bei Ehepaaren gefragt, die auch nach dem Tod des zweiten Partners, dessen Urne dann in dem Grab mitbestattet wird, die Pflege der Grabstelle sicherstellen wollen. Auch für Familien, deren Kinder in andere Bundesländer abgewandert sind, ist das eine Option.

"Das Konzept kommt so gut an, dass wir es auf Wunsch der Ortsteilbürgermeister auch auf die meisten anderen Friedhöfe übertragen haben", so Flössner.

Einer der gern auf Friedhöfen spazieren geht, ist Eckart Bock. "Die alten Inschriften erzählen ganze Lebensgeschichten. Da erfährt man zum Beispiel noch, was einer zu Lebzeiten für einen Beruf hatte, mit wem er verwandt war", sagt der Ehren-Landesinnungsobermeister des Thüringer Steinmetzhandwerks. Die heutige Bestattungskultur sei wie zu allen Zeiten ein Spiegel der Gesellschaft: alles muss schnell gehen, es soll pflegeleicht sein, der Preis muss stimmen. "Entsprechend austauschbar sind die Urnengrabfelder und die Grabsteine", sagt Bock, "Mehr, als dass hier Anna Schulze ruht, die dann und dann geboren, dann und dann gestorben ist, erfährt man nicht mehr", bedauert Bock. So ein Stein auf dem Friedhof sei doch in erster Linie ein Gedenkstein an einen Menschen, sein Leben und Wirken.

Vielleicht sind ja die Grabsteine mit dem digitalen QR-Code eine Lösung, künftig mehr über die Toten zu erfahren.

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