Almauftrieb vor den Toren von Weimar

Michael Baar
| Lesedauer: 3 Minuten
Milchkuh Lilly aus Mönchenholzhausen war das Einstellungspräsent des Landgutes für Dagmar Wünsche in Schoppendorf.

Milchkuh Lilly aus Mönchenholzhausen war das Einstellungspräsent des Landgutes für Dagmar Wünsche in Schoppendorf.

Foto: Michael Baar

Weimar.  Die Milchkühe des Landgutes Weimar dürfen seit Donnerstag täglich aufs Weideland.

Lilly und Piva getrauten sich als Erste heraus. Mit einigem Abstand folgten die 128 anderen Damen, aufmerksam beobachtet von einer ganzen Reihe Zuschauern: Erster Weideauftrieb an der Schoppendorfer Milchviehanlage der Landgut Weimar eG.

Ab 1. Mai will hier die Landgut Weimar Bio GmbH als hundertprozentige Tochter der Genossenschaft den Betrieb aufnehmen. Donnerstagvormittag begann der erste Weidetag für die meisten der insgesamt 150 Milchkühe. „Wir haben es extra nicht an die große Glocke gehängt“, sagt Sylvia Gengelbach, die Vorstandsvorsitzende. „Sonst wären ganz sicher noch mehr Menschen gekommen.“ Doch die Tiere sollten sich ohne zusätzliche Aufregung an die Weidehaltung gewöhnen.

Ein halbes Jahr läuft die Umstellung. Die jüngeren Tiere haben die Weidehaltung zwar vor nicht allzu langer Zeit erlebt. Die Ältesten sind jedoch um die zehn Jahre und betreten mit der Weide praktisch Neuland. Manche Kuh machte Bocksprünge wie ein junges Pferd. Andere wieder folgten zunächst der Herde und schienen mitten im Grünland plötzlich überrascht.

Die Lieblinge von Thomas März, Andreas Meißner und Dagmar Wünsche zog es schnell wieder zurück an den Rand – dorthin, wo die Mitarbeiter das Treiben beobachteten. Da half bei Mausi, Piva und Lilly auch gutes Zureden nicht. Namen haben dennoch nur wenige der Kühe. Das Team erkennt jedoch auch die Fünfundvierzig oder die Dreiundsechzig, womit auch die Nummern eine Art Name werden.

Solche Mitarbeiter sind für die Genossenschaft geradezu kostbar. Für den neuen Betrieb hat die GmbH mit Hannah Scharfstädt (27) eine Betriebsleiterin aus der Wissenschaft in die Praxis geholt.

Die junge Mutter verließ ihre Hochschule in Dresden und zog mit Familie nach Bad Berka. Durch „Mundpropaganda“ trafen sich dabei die Bedürfnisse. Eine besondere Beigabe hatte der Weg von Dagmar Wünsche (38) nach Schoppendorf.

Über 20 Jahre arbeitete sie in Mönchenholzhausen. Als dort im Vorjahr die Milchviehhaltung von Knall auf Fall aufgelöst wurde, musste sich Sylvia Gengelbach dennoch anstrengen. Mit der Anstellung durfte auch Lieblingskuh Lilly nach Schoppendorf wechseln. Das gab den Ausschlag. Lilly wäre sonst in Belgien gelandet.

Ab November wird Milch der Kühe als Biomilch anerkannt

Auch sonst hat das Landgut einigen Aufwand für die Umstellung betrieben. Auf den vier großen Weideflächen 1200 Meter Wasserleitung für die notwendigen Tränken verlegt. Zwei Jahre dauerte gar die organisatorische Vorbereitung, denn Bio heißt auch Bürokratie.

Ab November wird die Milch der Schoppendorfer Kühe als Biomilch anerkannt. Mit der Herzgut-Molkerei aus Schwarza gibt es auch bereits einen Vertragspartner. Denn die Umstellung hat natürlich auch wirtschaftliche Hintergründe: Biomilch wird besser bezahlt. Allein auf den Milchpreis will die Genossenschaft ihre Umstellung nicht reduzieren lassen. „Wir denken inzwischen schon anders“, sagt die Vorstandsvorsitzende. Man arbeite glyphosatfrei, lege Blühstreifen an, habe die Mietgärten am Holzdorfer Kreuz zur Verfügung gestellt. „Und wir haben auch sonst noch einiges vor“, will Sylvia Gengelbach noch nicht alle Pläne verraten.

Als die Milchkühe am Nachmittag von der Weide geholt werden sollten, warteten einige bereits. „Sie werden morgen sicher Muskelkater haben“, war Dagmar Wünsche sicher. So viel zu laufen, sind sie noch nicht gewöhnt. Der Abtrieb von der Schoppendorfer Weide war so jedoch in 15 Minuten erledigt.