Jena. Die Ernst-Abbe-Hochschule in Jena gehört zu den Vorreitern bei der Ausbildung von Optometristen. Warum der Rostocker Augenarzt Tobias Brockmann jetzt regelmäßig zwischen seiner Klinik im Norden und einer Dozentenstelle in Jena pendeln wird.

Für einige Wochen gaben sich an der Ernst-Abbe-Hochschule (EAH) in Jena Nachwuchsbasketballer des Bundesligisten Science City Jena die Klinke in die Hand. In einem Versuchslabor des Fachbereichs Augenoptik/Optometrie im Keller der Hochschule trainierten sie die Koordination von Augen und Hand. Genutzt hat das Studenten-Team um Wolfgang Sickenberger, Inhaber des Lehrstuhls für physiologische Optik, dafür ein speziell entwickeltes Basketballprogramm an einer sogenannten TWall. Äußerlich erinnert der Reaktionstrainer mit wechselnd aufleuchtenden Feldern, die angeschlagen werden müssen, an eine große Quiztafel. Tatsächlich waren Reaktionen und Bewegungen der beteiligten Spieler nach dem Training präziser und schneller.

Tests wie diese seien zwar nicht unbedingt Ausbildungsalltag am Fachbereich Optometrie der Ernst-Abbe-Hochschule, sie zeigten aber den praktischen Nutzen dessen, was Optometristen für die Augengesundheit auch leisten können, sagt Tobias Brockmann. Brockmann ist von Haus aus Augenoberarzt am Uniklinikum in Rostock. Darüber hinaus wurde er ab dem Herbstsemester 2023 zum Professor für Klinische Optometrie an die Thüringer EAH berufen. Mit seiner medizinischen Expertise soll er dort Brücken schlagen zwischen Optikern, Optometristen und Augenärzten.

Studiengang für Optometristen ist in Deutschland selten

Dass das kein Selbstläufer ist, zeigen die bislang noch immer recht klar definierten Zuständigkeitsgrenzen zwischen den Berufen. Optiker sind demnach in erster Linie Handwerker und Techniker, die Brillen und Kontaktlinsen anpassen, gegebenenfalls Gläser schleifen oder Sehhilfen ausgeben. Zugrunde liege dem eine meist dreijährige Ausbildung. Krankheiten diagnostizieren oder Rezepte ausstellen dürfen Optiker damit nicht. Das bleibe Augenärzten vorbehalten, die dafür in der Regel ein Medizinstudium mit Qualifikation in der Augenheilkunde vorweisen können. Zwischen beiden bewege sich die Optometrie. Durch gezielte Untersuchungen des vorderen und hinteren Augenabschnitts sowie Prüfung des gesamten visuellen Systems messen und bewerten Optometristen Sehfunktionen. Sie können Augenkrankheiten erkennen und gezielt bei der Bewältigung von Kurzsichtigkeit, grauem und grünem Star oder Farbsehstörungen helfen. Trotzdem ist die Ausbildung in Deutschland eher selten. Mit ihren insgesamt fünfjährigen Bachelor- und Masterstudiengängen gehört die EAH bundesweit zu den Vorreitern. Im vergangenen Jahr feierte man 25-jähriges Bestehen.

Die Ernst-Abbe-Hochschule in Jena ist einer der Vorreiter bei der Ausbildung von Optometristen in Deutschland. Bei der Lehre unterstützt wird sie jetzt von dem praktizierenden Augenmediziner Professor Dr. Tobias Brockmann, Oberarzt an der Universitäts-Augenklinik in Rostock.  
Die Ernst-Abbe-Hochschule in Jena ist einer der Vorreiter bei der Ausbildung von Optometristen in Deutschland. Bei der Lehre unterstützt wird sie jetzt von dem praktizierenden Augenmediziner Professor Dr. Tobias Brockmann, Oberarzt an der Universitäts-Augenklinik in Rostock.   © Hanno Müller | Hanno Müller

Grenzen und Eifersüchteleien zwischen den Berufen abbauen

Tobias Brockmann ist sicher: Augenoptiker, Optometristen und Augenärzte können von mehr Miteinander wechselseitig profitieren. Auch um die angesprochenen Grenzen abzubauen und Spannungsfelder aufzubrechen, pendele er künftig zwischen Rostock, wo er als Klinikarzt weiter Patienten behandelt, und der Dozentenstelle in Thüringen hin und her. Der deutlich höhere Stellenwert von Optometristen etwa in englischsprachigen Ländern zeige vielfältigen Einsatzfelder. Augenärzte hätten dennoch genug zu tun. „Demografie und Facharztmangel führen dazu, dass vor allem Ältere auf dem Land kaum noch Ärzte vorfinden. Vorhandene Praxen sind meist voll ausgelastet. Optiker und Optometristen sind da oft die erste und einzige Anlaufstelle“, so der Mediziner. Auch mit seiner Hilfe arbeite die EAH gerade an einer klinischen Praxisphase für ihre Optometrie-Studierenden. Ohnehin seien Eifersüchteleien zwischen den Berufsständen nicht zuletzt ein Generationenproblem, dass sich bei jüngeren Augenärzten weniger stelle. .

Kurzsichtigkeit nimmt weltweit zu

Nach Thüringen gelockt haben Brockmann nicht zuletzt die hervorragenden Praxis- und Forschungsbedingungen. Die Labore sind vollgestopft mit Mess- und Analysegeräten. Zu Ausbildungszwecken können sich Studenten und Lehrkräfte hier auch ganz praktisch tief in die Augen blicken. Etwa 400 Studierende zählt der Fachbereich aktuell. Viele sind gestandene Optiker, die sich qualifizieren wollen. „Die Kurzsichtigkeit nimmt weltweit zu, nicht nur bei den immer Älteren, sondern auch und gerade bei Kindern und Jugendlichen. Computerbildschirme und Handys haben Anteil an dieser Entwicklung. In Städten mit allgemein kürzeren Abständen und engeren Räumen ist das Problem noch einmal größer als auf dem Land“, sagt der Dozent. Telemedizin und Künstliche Intelligenz seien Megatrends, denen sich auch die Optometrie in Ausbildung und Praxis stellen müsse. Bislang sei die Berufsbezeichnung Optometrist nicht geschützt. Ungeachtet dessen werde der Bedarf an qualifizierten Fachleuten weiter steigen, ist sich Brockmann sicher. Er wird wohl also noch eine ganze Weile zwischen Rostock und Jena pendeln.