Gasthaus ohne Dachstuhl: Bauprojekt in Erfurt gescheitert

Erfurt.  Das alte Gasthaus Zur Börse steht ohne Dachstuhl da. Das Projekt zweier Bauherren mit hochpreisiger Gastronomie scheiterte an Planungsfehlern.

Erbärmlicher Anblick: die früher Gaststätte Zur Börse am Wenigemarkt.

Erbärmlicher Anblick: die früher Gaststätte Zur Börse am Wenigemarkt.

Foto: Foto: Michael Keller

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Als sich das Jahr 2017 dem Ende zuneigte, war Erfurts Altstadt um eine gastronomische Tradition ärmer. Im urigen Gasthaus Zur Börse am Wenigemarkt erlosch das Feuer im Küchenherd. Nach 133 Jahren mit gutbürgerlicher Küche aus Thüringen. Gastwirt Siegfried Höfling setzte sich zur Ruhe und verkaufte das Haus im Paket. An ein ehrgeiziges Duo, das große kulinarische Erwartungen geschürt hatte.

Da war zum einen Jan-Hendrik Feldner, der Betreiber des bei Gourmets beliebten früheren Restaurants „Catalana“ im Markthof in der Marktstraße. Und da war der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Mittelthüringen, Dieter Bauhaus, der als Privatmann neue Wege einschlagen wollte für die Zeit nach seiner Pensionierung, die auf die Zeit nach dem 200. Geburtstag seines Bankhauses im Jahr 2021 fallen würde.

Indes, das Projekt des Duos, das sich lange kannte, weil Feldner früher Personalchef bei der Sparkasse war, ging baden. Aus dem geplanten Gourmettempel unter der Überschrift „Essen & Übernachten“ wird nichts. Das Haus - seit dem Sommer 2019 ohne Dachgiebel - ist inzwischen weiter verkauft, die ehemaligen Kompagnons sollen zerstritten sein.

Das 2-in-1-Konzept klang vielversprechend

Der ursprüngliche Plan für das nicht billige 2-in-1-Konzept klang erfolgversprechend. Der sah so aus: Mittagsgeschäft in Topqualität zu fairen Preisen, das Abendgeschäft im gehobenen Preissegment, vieles im Menüformat. Im katalanischen Stil. Deswegen sollten in den Obergeschossen so genannte Boutiqueappartments eingerichtet werden. Eine Offerte an kleine Gruppen Gourmets, die mit einem Maître de Cuisine kochen und nach genussreichem Abend im Haus übernachten sollten. Sollten.

Das Haus sieht inzwischen erbärmlich aus

Außer Spesen nichts gewesen. Von der geplanten Eröffnung des Gourmettempels im Herbst 2018 blieb nichts als die Ankündigung. Der Dachgiebel wurde inzwischen abgerissen, ein neuer ist nicht in Sicht. Nur eine Plane sichert das historische Gebäude gegen Feuchtigkeit von oben. Einige Scheiben sind zerborsten, das Haus sieht inzwischen genauso erbärmlich aus, wie die Nachbarschaft im städtebaulichen Bermudadreieck Kürschnergasse-Rupprechtsgasse-Pilse. Insgesamt summiert sich das zu Erfurts größter Altstadtwunde. Die gerne von West-Touristen als Überbleibsel des real existierenden Sozialismus fotografiert und gefilmt wird. Oftmals zum Ärger der Einheimischen.

Sparkassenchef: Falsche Architektenwahl

Dieter Bauhaus ist das Thema erkennbar unangenehm. Auf Nachfrage druckst er herum, findet nur ein paar dürre Worte: „Wir haben Fehler gemacht und die Rahmenbedingungen haben nicht gepasst.“ Welche Fehler, welche Rahmenbedingungen? „Unter anderem die falsche Architektenwahl“, sagt der Sparkassenchef einsilbig. Es gehe demnächst weiter, mit anderen Eigentümern, lässt er sich noch entlocken. Dann sagt er gar nichts mehr.

Dachstuhlerneuerung wurde „vergessen“

„Was uns erwartet, war bekannt. Das Konzept hat gestimmt und wir haben nicht ins Blaue hinein angefangen. Aber das Projekt in seiner Dimension offenbar unterschätzt“, versucht sich Jan-Hendrik Feldner etwas gesprächiger in einer Entschuldigung. Er sei für den Inhalt, Dieter Bauhaus für die Hülle zuständig gewesen.

Das Hauptproblem sei die Zusammenarbeit mit den Ämtern und mit dem Architekten gewesen. Bei Letzterem liegt er deckungsgleich mit seinem ehemaligen Geschäftspartner. Die Kommunikation zwischen dem Architekten und den Rathausstuben habe nicht gestimmt, sagt Feldner. Der habe vergessen, den maroden Dachstuhl zu erneuern. Man wollte das nachholen. Das alte Holzgebälk wurde entfernt. Doch dann kam der entscheidende Punkt. Als es endlich soweit war, fanden die Bauherren auf die Schnelle keine Firma, die den Rohbau für einen Fahrstuhlschacht errichten könnte. Die Konjunktur im Bauwesen und volle Auftragsbücher mit viel Vorlauf - nichts ging. Das Duo Feldner/Bauhaus hatte das Nachsehen.

Die Folge: ein nicht mehr aufzuholender Bauverzug. Man hatte zu viel Zeit verloren. Das Dach blieb offen. Und das brachte letztlich das ganze Projekt zum Einsturz. Baustopp im August 2019. Notdach drauf. Aus die Maus. Man beschloss, das Haus wieder zu veräußern.

Verkauf an neuen Investor mit ähnlichem Konzept

Das passierte im Dezember 2019. In kürzester Zeit soll es gleich mehrere Interessenten gegeben haben. „Wir sind, was den finanziellen Verlust betrifft, mit einem blauen Auge davon gekommen“, sagt Feldner, der erst im November ein neues Feinschmeckerrestaurant in der Allerheiligenstraße eröffnet hat (wir berichteten). Und lächelt dabei. Die Neuen wollen nach seiner Aussage das Konzept Übernachtung und Gastronomie weiterverfolgen. Wann und wie es mit der Börse weitergehen wird, vermag aber auch er nicht zu sagen.

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