Fußgängerstadt Jena? – Noch sind vielerlei Verbesserungen fällig

Jena  Der Straßenverkehr in Jena erfolgt zu 39 Prozent per pedes. Die Stadt kooperiert mit einem Fachverband auf dem Weg zur Fußverkehrsstrategie.

Beispiel Paradiesbahnhof. Würde der Verkehr durch Aufweitung der Knebelstraße und bessere Belegung der beiden Abbiegespuren gen Lobeda verflüssigt, so entspannte sich auch die Situation der querenden Fußgänger und Radler, so sagt Jenas oberster Verkehrsplaner Michael Margull.

Beispiel Paradiesbahnhof. Würde der Verkehr durch Aufweitung der Knebelstraße und bessere Belegung der beiden Abbiegespuren gen Lobeda verflüssigt, so entspannte sich auch die Situation der querenden Fußgänger und Radler, so sagt Jenas oberster Verkehrsplaner Michael Margull.

Foto: Thomas Beier

Für Jena als Fußgängerstadt sind noch vielerlei Verbesserungen fällig. Das ist der Stadt jetzt bescheinigt worden vom Fuss e.V. mit Sitz in Berlin. Am Montag hat Bernd Herzog-Schlagk als Projektmanager des Fachverbandes für den Fußverkehr in Deutschland eine Urkunde übergeben; sie würdigt Jena als eine von fünf Modellstädten, die zwei Jahre lang an einer kommunalen Fußverkehrsstrategie mitgearbeitet haben.

„Uns ging es um den externen Blick auf unseren Fußgängerverkehr“, sagte Michael Margull, der Leiter des Fachdienstes für Stadtumbau und Infrastruktur. Wichtig dabei: Über die beiden vorjährigen Workshops hinaus hatte der Fachverband zum gemeinsamen Jenaer „Fußverkehrs-Check“ geladen, der die Erkenntnisse der Stadt „im Wesentlichen bestätigte“, wie Michael Margull sagte.

Grundsätzlich gelte es aufzupassen, dass der Radverkehr nicht Schaden nehme durch die Förderung des Fußverkehrs, merkte Bernd Herzog-Schlagk an. Schließlich fresse derzeit – global betrachtet – der Sektor Verkehr die erzielten Fortschritte bei der Anpassung an den Klimawandel auf, weshalb das Gesamtpaket des öffentlichen Personen-Nahverkehrs einer Förderung bedürfe, Fußverkehr inklusive. So sei denn auch das Bundes-Umweltministerium Förderer der Fußverkehrsstrategie. „Beim Verkehrsministerium sind wir eine Nullnummer.“

Was fiel dem Fuss e.V. in der Stadt Jena auf, die bei den Arten der Fortbewegung einen sehr hohen Fußgänger-Anteil von 39 Prozent ausweist? Er habe zum Beispiel einmal drei, vier Stunden die Abläufe nahe der Haltestelle Felsenkeller beobachtet, sagte Bernd Herzog-Schlagk. Er sei „erstaunt gewesen, dass dort nicht mehr passiert ist“. Da seien Kinder weggerissen worden, damit sie nicht von Fahrradfahrern überfahren werden.

Grundsätzlich empfehle der Fachverband unserer Stadt, den zentrumsnahen Grünzug an der Saale stärker in die Stadt zu integrieren, indem mehr „fußgängerfreundliches“ Queren ermöglicht werde, sagte Bernd Herzog-Schlagk.

Auf Details des Fußverkehr-Checks ging Michael Margull ein, nachdem die Stadtverwalter gemeinsam mit dem Fuss e.V. zwischen Felsenkeller und Anger Konfliktpunkte unter die Lupe genommen hatten.

Felsenkeller

Straßenbahnhaltestelle Felsenkeller: Hier soll das Geläuf zwischen Bahndamm und Straßenbahngleisbett bis zum alten Paradiesbahnhof als Rad-Gehweg verbreitert werden. „Das ist schon oft verschoben worden. Dass dort so viel los ist, war schon überraschend“, sagte Margull. Zumindest rücke das Projekt in der Prioritätenliste jetzt nach vorn.

Knebelstraße

Paradiesbahnhof, Knebelstraße: Die Situation sei hier „hoch komplex“. Weil wegen der derzeitigen Engstelle zwei Abbiegespuren nicht genügend genutzt werden und stets Rückstaus in Richtung Kahlaische Straße das Bild prägen, setze die Stadt auf die Weitung im Zuge des Osttangenten-Ausbaus. Folglich sei durch die „Verflüssigung des Verkehrs mehr Entspanntheit“ auch für Fußgänger an dieser Stelle zu erwarten. Damit im Zusammenhang: Nach Michael Margulls Beschreibung wird noch untersucht, ob die Ampel zur Knebelstraßen-Passage zwischen der Paradiesstraße und der alten Paradiesbrücke künftig automatisch schalten soll statt auf Anforderung.

Tunnel, Landveste

Der Tunnel unter der Stadtrodaer Straße zwischen der Landveste und der Rasenmühleninsel ist in Jena schon lange ein Streitpunkt: Eigentlich gehörten Fußgänger oberirdisch über die Straße geleitet. Das ginge an dieser Stelle aber „massiv auf Kosten der Leistungsfähigkeit“ der Kreuzung Fischergasse/Knebelstraße/Am Eisenbahndamm, sagte Michael Margull. Deshalb tendiere die Stadtverwaltung eher dahin, den Tunnel – anstelle von Treppen – mit Rampen auszubauen.

Camsdorfer Brücke

Die Westseite der Camsdorfer Brücke: Für die seit Jahren diskutierte Nord-Süd-Querung der Straße hat die Stadtverwaltung die Unterquerung des ersten Brückenbogens als Vorzugsvariante festgelegt. Trotz des Streits um die dann nötige Beschneidung eines Biotops „muss im nächsten Vierteljahr“ entschieden werden, sagte Margull. Andernfalls verfielen die Fördermittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.

Anger-Kreuzung

Anger, Wiesenstraße. 1996 sei hier eine Fußgängerfurt über den Ost-Arm (Beginn der Wiesenstraße) der Angerkreuzung abgeschafft worden. Genau diese Querung soll – so das Kalkül von Margull – als „eierlegende Wollmilchsau“ wieder angelegt werden, wenn 2023, 2024 die Erweiterung der Osttangente zwischen Knebelstraße und Anger vollzogen wird.

Ost-Löbdergraben

Mit der Osttangente im Zusammenhang sei der östliche Löbdergraben zu sehen, der spätestens dann täglich vielbegangen wird, wenn der Inselplatz-Campus der Universität gebaut ist. „Wir müssen erst eine leistungsfähige Osttangente haben, dann kann man diesen Abschnitt des Löbdergrabens angucken“, sagte Margull.

„Angucken“ heißt: statt vier nur noch zwei Fahrstreifen auf der Straße. Dann würden auch die Bushaltestellen vom Teich- an den östlichen Löbdergraben verlagert. „Dafür braucht man Raum.“ Was nötige Verkehrsberuhigung angeht, schaut Margull auf das Beispiel des südlichen Löbdergrabens, wo sich Kraftfahrer bei 20-km/h-Begrenzung und Fußgängern arrangieren müssen.

„Ich bin ein Fan des südlichen Löbdergrabens“, sagte der Fachdienstleiter. „Das ist eine ziemlich gute Geschichte, weil Fußgänger dort so ein relatives Gleichgewicht haben.“

Insgesamt komme auch Jena nicht umhin, „den Pkw-Verkehr anzukratzen“, sagte Bernd Herzog-Schlagk. Das heiße etwa auch, Radwege auf ehemaligen Auto-Verkehrsflächen anzulegen. Natürlich könne man die 30-jährige Entwicklung hin zu autogerechten Städten „nicht so schnell zurückdrehen“, stellte Herzog-Schlagk fest.

Und: Selbstverständlich ist auch dem Berliner Experten der Eichplatz aufgefallen. „Solch ein Parkplatzloch sieht gruselig aus. So etwas kann man sich nicht leisten.“

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