Schon 1286 Autos mit umstrittenem Kältemittel für Klimaanlage in Thüringen

Im Freistaat sind in der ersten Jahreshälfte bereits 1286 Fahrzeuge mit einer neuen Chemikalie R1234yf in der Klimaanlage zugelassen worden. Betroffen sind vor allem Modelle von Hyundai, Kia und Opel.

Sitzt für die Linken im Umweltausschuss des Bundestages: Ralph Lenkert aus Jena kämpft gegen das Kältemittel R1234yf. Foto: Tino Zippel

Sitzt für die Linken im Umweltausschuss des Bundestages: Ralph Lenkert aus Jena kämpft gegen das Kältemittel R1234yf. Foto: Tino Zippel

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Jena. In Thüringen sind im ersten Halbjahr bereits 1286 Fahrzeuge neu zugelassen worden, die das umstrittene Kältemittel R1234yf an Bord haben. Die meisten Autos davon stammen von den Herstellern Hyundai, Kia und Opel. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage des Jenaer Linke-Bundestagsabgeordneten Ralph Lenkert hervor.

Das Kraftfahrtbundesamt listet deutschlandweit 43.271 Neuzulassungen auf, deren Klima­anlagen mit dem neuen Mittel arbeiten. Eine EU-Verordnung verpflichtet die Hersteller, bei neuen Modellreihen ab 1. Januar 2013 ein Kältemittel zu verwenden, das ein niedrigeres Treibhauspotenzial als das bislang verwendete Mittel R134a aufweist. Das trifft auf die neue Chemikalie R1234yf zu, die zudem keiner veränderten Klimaanlagentechnik bedarf.

Lenkert schreibt an EU-Kommissare

Das sei zwar vermeintlich klimafreundlicher, berge aber große Gefahren, sagt Lenkert. "R1234yf entzündet sich bereits bei einer verhältnismäßig niedrigen Temperatur von 405 Grad Celsius und verbrennt zu Fluorwasserstoff", erläutert der Abgeordnete, der seit Jahren gegen das neue Kältemittel kämpft.

Zusammen mit Wasser bildet sich die hochgiftige Flusssäure, die beim Kontakt mit der Haut zur Verätzung tieferer Gewebeschichten und sogar der Knochen führen kann - es besteht Lebensgefahr. "Nicht nur die Unfallopfer, sondern besonders die Rettungskräfte sind dieser Gefahr ausgesetzt, wenn sie keine entsprechende Schutz­kleidung tragen", sagt Lenkert. "Auf diese Vorsichtsmaßnahmen für Retter weisen die Hersteller Honeywell und Dupont im Datenblatt hin."

Unter den Autoherstellern tobt ein erbitterter Streit um das Kältemittel. Die Daimler AG hat beschlossen, die neue Chemikalie nicht einzusetzen, sondern weiter das alte Kältemittel zu verwenden. Allerdings hat der Hersteller verschlafen, eine Gesetzeslücke zu nutzen. Die neue Norm gilt nur für neue Modellreihen und wird ausgehebelt, wenn einfach alte Typgenehmigungen erweitert werden. Während so andere legal das alte Mittel R134a weiter verwenden, fehlt bei den Mercedes-Benz-Reihen A- und B-Klasse sowie CLA und SL diese Genehmigung. Französische Behörden lassen die Fahrzeuge daher seit ein paar Wochen nicht mehr zu. Daimler klagt dagegen.

Während die deutschen Hersteller überwiegend auf die Anwendung des neuen Kältemittels verzichten, setzt Opel es ein. Bereits 219 Fahrzeuge der Modellreihe Mokka fahren in Thüringen umher. Der Hersteller selbst verweist auf realitätsnahe Crashtests, die mit dem TÜV Rheinland erfolgten. Zwar trat dabei Kältemittel in der Nähe des heißen Auspuffkrümmers aus, es sei aber nicht zur Entzündung gekommen.

"Wir sind stolz, ein gleichermaßen sicheres, effektives und umweltfreundliches Klima­system einzuführen", hatte Opel-Entwicklungsvorstand Michael F. Ableson gesagt. Im Vergleich zu Benzin bedürfe es 5000-mal so viel Energie, um das neue Kältemittel zu entzünden.

Zu bedenken ist aber, dass der Chemikalienhersteller Dupont traditionell gute Beziehungen zur Opel-Mutter General Motors unterhält und einst sogar deren Großaktionär war. "In der nahen Zukunft führt kein Weg an R1234yf vorbei. Mögliche Alternativen wie Kältemittel auf Kohlendioxid-Basis sind noch in der Entwicklung und damit Jahre von der Marktreife entfernt", sagte Ableson.

Der Linke-Abgeordnete Lenkert setzt sich aber für CO2-Klimaanlagen ein und will mit zwei Briefen an die EU-Kommissare Antonio Tajani und Neven Mimica eine Übergangsfrist herausschlagen: Er fordert, dass die Hersteller weiter das alte Kältemittel R134a verwenden dürfen, bis neue Klimaanlagen auf CO2-Technik realisierbar sind. Diese Technologie wird unter anderem in den Jenaer Nahverkehrsbussen eingesetzt. "CO2-Klimaanlagen sind größer als bisherige und erfordern deshalb eine Umgestaltung der Motorräume", sagt Lenkert. Die Industrie brauche Zeit: Bis 2017 sei das nicht umzusetzen.

Den Herstellern fällt auf die Füße, dass sie vor einigen Jahren mit Blick aufs neue Kältemittel die Entwicklung von Kohlen­dioxid-Klimaanlagen zurückgestellt haben. Deutsche Produzenten können zumindest daran anknüpfen, während andere Anbieter komplett neu anfangen. "So erklärt sich auch der Protest der französischen Hersteller", sagt Lenkert.

Sein Kollege aus dem Umweltausschuss des Bundestages, Lutz Knopek (FDP), bezeichnete den von den französischen Behörden verhängten Zulassungsstopp für Mercedes-Benz-Wagen als konsequent und teilte das der EU-Kommission mit. Lenkert sagt indes: "Ich werde den Kommissaren schreiben, dass sie persönlich die Verantwortung für jeden Todesfall durch das Kältemittel tragen."

Autos mit neuem Kältemittel in Thüringen

  • Laut Kraftfahrtbundesamt sind in Thüringen im ersten Halbjahr 366 Hyundai i30 zugelassen worden, die das neue Kältemittel an Bord haben. Bundesweit waren es 15.099 Autos dieses Typs.
  • In der Liste folgen: Kia Cee‘d (307), Opel Mokka (219), Subaru Impreza (116), Mitsubishi Mirage (85), Subaru Forester (38), Chevrolet Trax (30), Kia Carens (23), Citroën C4 Picasso, Kia Sorento (15), Land Rover (15), Hyundai Santa Fe (13) und Subaru BRZ (13).
  • Hinzu kommen einzelne Modelle etwa von Lexus und Toyota, von denen jeweils nur ein Fahrzeug zugelassen worden ist.

Jenaer Abgeordneter ist einsamer Kämpfer gegen Kältemittel R1234yf