Die Charta vom Thüringer Meer

Saalburg  Auf der MS Gera in Saalburg sprechen Touristiker, Architekten und Regionalentwickler über besondere Ferienhäuser

Gerd Zimmermann, Präsident der Stiftung Baukultur, spricht über exzellente Ferienarchitektur-Ideen, die bei Gesprächsrunden auf dem Schiff zur „Charta vom Thüringer Meer“ entwickelt werden sollen.

Gerd Zimmermann, Präsident der Stiftung Baukultur, spricht über exzellente Ferienarchitektur-Ideen, die bei Gesprächsrunden auf dem Schiff zur „Charta vom Thüringer Meer“ entwickelt werden sollen.

Foto: Peter Cissek

Auf einem Schiff von Marseille nach Athen diskutierten im Jahr 1933 Städtebauer und Architekten über moderne Architektur und die funktionale Stadt. Die Resultate wurden in der „Charta von Athen“ publiziert. Den Geist von einst nun für exzellente Ferienarchitektur auf ein Schiff zu bringen und dort als „Charta vom Thüringer Meer“ zu entwickeln, das möchte Gerd Zimmermann, Präsident der Stiftung Baukultur Thüringen. Wie er am Mittwoch bei einer dreistündigen Podiumsdiskussion zum Thema „Ferienwohnen wie gewohnt?“ vor wichtigen Akteuren aus den Bereichen Architektur, Tourismus und Regionalentwicklung auf dem Fahrgastschiff MS Gera augenzwinkernd sagte, wolle man die Fahrten über das Thüringer Meer in regelmäßigen Abständen wiederholen und das Schiff erst verlassen, wenn man zu Ergebnissen gekommen sei.

„Ministerpräsident Bodo Ramelow hatte die Idee, dass an schönen Stellen im Freistaat wie dem Thüringer Meer keine Bettenburgen als Ferienunterkünfte errichtet werden sollen. Vernünftiger wäre es, eine Ferienhauskultur für Thüringen zu entwickeln und diese an der Bleilochtalsperre auszuprobieren“, sagte Klaus Sühl (Linke), Staatssekretär im Thüringer Infrastrukturministerium. Daraus entstand der Ideenwettbewerb „XS Neue Ferienhäuser modellhaft bauen“, den die Internationale Bauausstellung Thüringen (IBA) zusammen mit der Stiftung Baukultur und dem Infrastrukturministerium ausgeschrieben hatte. Die beiden im Oktober 2018 ausgezeichneten Arbeiten des Architekturbüros Voigt aus Leipzig und Opposite Office Bendikt Hartl aus München sollen an der Bleichlochtalsperre von Privatinvestoren umgesetzt werden. Claus und Heike Anders, die mit der Marina Saalburg GmbH nun auch Schiffseigner sind und Gastgeber auf der MS Gera waren, hoffen Ende des Jahres den ersten Spatenstich für ihre Feriennanlage am Standort Werft in Saalburg vollziehen zu können. Fabian Vogler geht davon aus, dass das Vorhaben seiner Familie im Bereich Sperrmauer Bleiloch Anfang 2020 genehmigungsreif sein könnte.

„Als Stiftung wollen wir Fallstudien der Baukultur schaffen. Der Grundgedanke ist nicht, mal ein paar Ferienhäuser zu bauen. Nein, die Idee ist, mittels exzellenter Architektur den Touristen nicht nur eine Attraktion im Ort zu bieten, sondern auch eine hoch kultivierte Form der Beherbergung und damit ein Qualitätssignal für die touristische Szene“, sagte Zimmermann. Gute Ferienarchitektur könne seiner Meinung nach mit dazu beitragen, „bestimmte Abwärtsbewegungen in Gastronomie und Beherbergung etwa im Thüringer Wald“ aufzuhalten und umzudrehen.

„Derzeit sind 17 Millionen Euro Fördermittel für Vorhaben am Thüringer Meer beim Wirtschaftsministerium beantragt. Wir können sehr viel öffentliche Infrastruktur errichten. Aber ohne die privaten Investoren geht im Tourismus nichts. Denn wir brauchen ansprechende, auch architektonisch interessante ­Beherbergungsbetriebe“, sagte Thomas Knoll, Leiter der Projektgruppe Thüringer Wald beim Thüringer Wirtschafts­ministerium. Derzeit sei die Gruppe dabei, mit dem Sieger eines Wettbewerbs ein Corporate-Design-Handbuch mit ­spezifischen Eigenheiten Thüringens zu erstellen, damit potenzielle Ferienhausinvestoren diese auch bei der Innenarchitektur berücksichtigen können.

„Den verschnarchten Tante-Ilse-Tourismus, den wir bislang hatten, können wir nicht fortführen. Wenn wir neue Zielgruppen für die Themen Wasser und Wald begeistern wollen, dann müssen wir mit frischen Ideen begeistern“, so IBA-Geschäftsführerin Marta Doehler-Behzadi. Mit den Ferienwohnungen in der Sommerfrische am Thüringer Meer und dem Herbergskirchen-Programm leiste die IBA Regionalentwicklung im besten Sinne, sagte sie.

Der Saalburg-Ebersdorfer Bürgermeister Volker Ortwig (FDP) bedauerte, dass Landrat Thomas Fügmann (CDU) nicht an der Fahrt teilnahm. Denn er könnte dazu beitragen, den Knoten beim noch nicht vorhandenen Flächennutzungsplan zu lösen. Ortwig erhoffe sich auch finanzielle Unterstützung vom Umweltministerium, damit die geplante zentrale Kläranlage unterhalb eines Hotels „touristisch so aufgehübscht werden kann, wie es die Hotelierin selbst vorgeschlagen hat“.

Vize-Landrat Jürgen Hauck (CDU) sagte, dass man nach vielen Jahren am Thüringer Meer endlich so weit sei, dass alle Akteure zusammen- und nicht mehr gegeneinander arbeiten. „Jetzt muss die Umsetzungsphase kommen.“

Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der in der Stauseeregion oft kritisierten Thüringer Tourismus GmbH, freute sich über die Entwicklung in der Region. „Wir können nur vorhandene Angebote vermarkten. Sie werden sich noch wundern, was wir marketingtechnisch alles für das Thüringer Meer unternehmen werden.“ Als Beispiel nannte sie das Top-Gastgeber-Label, das auch Campingplätze und Landgasthöfe erhalten können, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen.

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