Falsche Scham in Sachen Darm

Erfurt  Menschen mit anhaltenden Beschwerden sollten sich zuerst an den Hausarzt wenden. Ernährungsberatung, Schmerz- und Psychotherapie helfen.

Magen- und Darmbeschwerden können vielfältige Ursachen haben. Symbolfoto: Patrick Pleul/dpa

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Für Patienten mit ­Reizdarmsyndrom sollte der Hausarzt der erste Ansprechpartner sein. Das ist die Botschaft, die die Krankenkasse Barmer nicht nur ihren eigenen Versicherten – in Thüringen sind das rund 225.000 – vermitteln will, sondern allen Betroffenen.

Wer offen und ehrlich mit dem Hausarzt darüber redet, wenn Beschwerden wie ­Bauchkrämpfe und Durchfall mehr als drei Monate anhalten und die Lebensqualität massiv mindern, der erspart sich nicht nur eine Arzt-Odyssee und unnötige Untersuchungen, der bekommt auch schneller die richtige Hilfe.

Derzeit dauert es im Schnitt acht Jahre, bis Betroffene wissen, dass sie am Reizdarmsyndrom (RDS) leiden. Das hat verschiedene Gründe. Einer davon: Das RDS ist noch immer ein Tabu-Thema, Patienten vertrauen sich mit ihren Problemen nicht einmal ihrem Hausarzt an. Viele Leitragende werden zudem oftmals lange Zeit falsch therapiert, nehmen zum Beispiel Medikamente wie Magensäureblocker, bei denen die Gefahr einer Abhängigkeit hoch ist.

Doch es ist auch nicht leicht, die Diagnose RDS zu stellen, weiß die Erfurter Hausärztin Ulrike Reinsch. Denn auch eine Vielzahl anderer Erkrankungen können Übelkeit, Krämpfe, Verstopfung oder Durchfall hervorrufen.

„Streng genommen muss man diese Krankheiten alle ausschließen, um mit gutem Gefühl sagen zu können: Das ist nichts Schlimmes“, sagt sie. Die Erfurter Ärztin hat aber gute Erfahrungen mit „einem niedrigschwelligen Ansatz“ gemacht – damit, Betroffene ganzheitlich in den Blick zu nehmen, eine ausführliche Anamnese durchzuführen und Patienten vor zu viel Diagnostik nicht zuletzt deshalb zu schützen, weil auch sie wieder den Stress auslösen kann, der Erkrankten auf Magen oder Darm schlägt.

Der Barmer-Arztreport 2019 legt den Schwerpunkt aber nicht nur auf das Reizdarmsyndrom, um das Thema aus der Tabuzone zu holen, wie Thüringens Landesgeschäftsführerin Birgit ­Dziuk betont. Er verdeutlicht auch, dass RDS durchaus kein seltenes Leiden ist. Rund 11,1 Prozent der deutschen Bevölkerung sind dem Report zufolge betroffen, allein in Thüringen erhielten im Jahr 2017 rund 31.500 Menschen die Diagnose Reizdarm. Doch die Dunkelziffer ist nach Schätzungen der Barmer zehnmal höher. Demnach leiden in Thüringen etwa 344.000 Menschen am Reizdarm. Im Ländervergleich nimmt Thüringen mit 1464 RDS-Diagnosen je 100.000 Menschen im Jahr 2017 sogar Rang vier ein. Besonders überraschend an der Statistik: Die Gruppe der 23- bis 27-Jährigen ist bundesweit in den Jahren 2005 bis 2017 um 70 Prozent gewachsen. Über alle Altersgruppen hinweg beträgt die Zunahme 30 Prozent

Hausärztin Ulrike Reinsch kann aus eigenem Erleben bestätigen, dass die Fallzahlen seit Jahren nach oben gehen – und sie sieht dafür zwei Ursachen: „Erstens unsere moderne Lebensweise mit ständiger Erreichbarkeit, zweitens unsere Ernährungsweise, die Tatsache, dass viele hochverarbeitete Lebensmittel verwendet werden. Das ist mein ganz starker Eindruck.“

Zur Behandlung des RDS gibt es daher auch nicht das eine Mittel, vielmehr ist ein multidisziplinärer Behandlungsansatz angezeigt, bei dem der Hausarzt als Koordinator fungiert: Neben einer Beratung durch zertifizierte Ernährungsexperten und gegebenenfalls einer Schmerztherapie kann auch die Psychotherapie helfen, Strategien für den Umgang mit der Erkrankung zu entwickeln, damit der Leidensdruck nachlässt. „Bei funktionellen Darmerkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom sollten auch psychische Belastungen oder emotionale Reaktionsmuster beachtet werden“, sagt der Jenaer Psychotherapeut Gregor Peikert mit Blick auf den Zusammenhang von Psyche und Darmfunktion. Betroffenen könnten zum Beispiel eine kognitive Verhaltenstherapie, eine Psychoanalyse, aber auch Entspannungstechniken helfen.

Ein für alle Mal vom RDS befreien kann man nicht. „Aber es ist von der Lebensphase abhängig, wie ausgeprägt es ist“, weiß die Ärztin Ulrike Reinsch. Mitunter könnten schon ein neuer Job und Zufriedenheit in der Partnerschaft dazu beitragen, dass die Beschwerden nach­lassen.

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