Für den Sperrmüll viel zu schade: Die Möbelbörse Heiligenstadt

Heiligenstadt.  In der Möbelbörse in Heiligenstadt werden wieder Elektrogeräte und Kleiderschränke im kleineren Format gebraucht.

Michael Rhöse leitet die Möbelbörse Horizont in Heiligenstadt. Jetzt wartet er auf den Tresen für den völlig neu gestalteten Eingangs- und Kassenbereich der sozialen Einrichtung. 

Michael Rhöse leitet die Möbelbörse Horizont in Heiligenstadt. Jetzt wartet er auf den Tresen für den völlig neu gestalteten Eingangs- und Kassenbereich der sozialen Einrichtung. 

Foto: Silvana Tismer

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Eine riesige Postertapete zeigt zwei Hände, die eine zarte Pflanze schützen. Ansonsten ist der Eingangsbereich der Möbelbörse Horizont in Heiligenstadt so gut wie leer. Ein Tisch, vier Stühle. Mehr nicht. „Das wird sich bald ändern“, sagt Michael Rhöse, der für das Heiligenstädter Haus in der Hospitalstraße zuständig ist. „Wir warten noch auf den neuen Tresen. Der soll im Februar kommen.“

Bislang sind 46 ehrenamtliche Arbeitsstunden in die Neugestaltung des Kassenraumes geflossen. Maler, Tischler, Zimmerleute haben angefasst, auch Trockenbauer. Ein Sockel ist rings um das Gebäude neu entstanden – noch einmal 29 Arbeitsstunden von Putzern und Malern im Ehrenamt. Das alles sei nicht selbstverständlich. Aber alle, die mit angefasst haben, stehen hinter dem Anliegen des Hauses, das durch das Motiv der großen Fototapete eigentlich wortlos erklärt ist: Hilfe, Unterstützung, Schutz für die, es wirklich brauchen.

Möbelbörse ist Anlaufstelle, Treffpunkt und Anker

Die Horizont-Tochter ist Sozialkaufhaus, Gebrauchtwarenhaus, Möbelbörse und Treffpunkt in einem. Aber nicht nur das. Sie ist auch Anlaufstelle und Anker für Menschen, denen es finanziell nicht gut geht, für Jugendliche, die sich einen Fehltritt erlaubt haben und nun Sozialstunden leisten müssen. Die Jugendkonflikthilfe hat auch ein Büro in der Möbelbörse.

Zwei Wochen Betriebsferien hat das Haus jetzt gemacht. Nun geht es wieder in ein neues Jahr. Und in dem, so hofft Rhöse, soll es genauso gut laufen wie bisher. „Wir haben eine gewisse Abhängigkeit vom Jobcenter“, sagt er. Aber der Landkreis Eichsfeld habe bereits signalisiert, dass die Chancen gut seien, dass wieder Leute bereitstünden, die im Haus mit anpacken. „Wir werden wirklich gut unterstützt“, lobt der Leiter der Einrichtung, deren Träger der gemeinnützige Horizont-Verein in Nordhausen ist.

Sieben Ehrenamtler helfen mit

Ohne viele Ehrenamtler aber geht nichts. Sieben sind es derzeit an der Zahl. „Die reißen uns oft aus der Patsche“, sagt Rhöse. Egal, ob jemand der Mitarbeiter krank ist oder es um eine Urlaubsvertretung geht, ob Sachspenden sortiert werden müssen oder ein wichtiger Weg abgenommen werden muss, sie sind da. Dieses Ehrenamt und vor allem das Engagement werden auch gebraucht, sagt der Chef. Das klappe auch hervorragend mit den zuständigen Ämtern, wenn es zum Beispiel um die Grundausstattung für eine Wohnung geht. „Das geht alles sehr schnell und problemorientiert.“

Altersarmut rückt als Thema in den Fokus

Im Moment seien es weniger Asylbewerber, die sich einrichten müssen, die Welle sei im Großen und Ganzen durch, seit die Gemeinschaftsunterkunft auf der Rinne aufgelöst und viele der Bewohner in eigene Wohnungen gezogen seien. „Jetzt beschäftigt uns mehr das Thema ausländische Arbeitskräfte in umliegenden Großfirmen.“ Dabei gehe es auch um Arbeitnehmer aus dem europäischen Ausland, die ja auch irgendwo wohnen, ein Bett, einen Tisch oder einen Kleiderschrank haben müssten.

Nicht zuletzt aber rücke das Thema Altersarmut immer weiter in den Fokus. „Die Kosten und Abgaben steigen, aber die Renten nicht“, sagt Rhöse. Oft habe er die Erfahrung gemacht, dass die Rentenzahlung schon fast komplett durch die Mietkosten aufgefressen würden. „Die Menschen müssen essen und sich kleiden“. Vor dieser Entwicklung könne man die Augen nicht mehr verschließen.

Auch nach Unikaten kann gestöbert werden

Das Wort „Sozialkaufhaus“ mag der 35-Jährige aber immer noch nicht. Denn ihm geht es darum, in seinem Haus nicht den Eindruck zu vermitteln, man geht dort nur hin, wenn man muss. „Es ist immer noch so, dass jeder hier bei uns nach einem langgesuchten Stück stöbern kann, das vielleicht nach einer Haushaltsauflösung oder Spende hier gelandet ist.“ Nur bei 66 Prozent, das ist die vorgeschriebene Quote, muss Bedürftigkeit nachgewiesen werden.

Und eben weil es keine Rumpelkammer sein soll, legen Chef und Mitarbeiter darauf Wert, dass die Stücke in Ordnung sind, aufgearbeitet werden, sie wie in einem Möbelmarkt ordentlich und hübsch arrangiert sind, die Leute eben nicht das Gefühl bekommen, sie wären „unten angekommen“. Couchgarnituren, Schränke, Stühle, Tische, Porzellan, Geschirr, Bestecke, Gläser, Dekoartikel, ja auch Lampen, Bücher, Spiele, Kleidung, Kleinmöbel und Elektrogeräte sind zu haben. Jeder ist willkommen, vom Studenten bis zum Senior.

Erst im Internet, dann in der Möbelbörse

Doch genau auf solche Spenden ist das Haus im Moment wieder angewiesen. „Wenn ich kein Sofa habe, kann ich auch keins weitergeben“, sagt Michael Rhöse klipp und klar. Dabei verweist er auf einen anderen, neuen Aspekt, der die Arbeit des Hauses doch mitunter schwer mache. „Viele Menschen versuchen, aus den Dingen, die sie loswerden wollen, noch ein paar Euro zu holen. Ich schätze, dass mindestens 90 Prozent der Möbel oder Geräte, die jetzt bei uns stehen, vorher im Internet zum Verkauf angeboten wurden.“ Erst, wenn sie wirklich niemand will, käme der Anruf bei der Möbelbörse. „Das ist einfach schade“, nicken die Mitarbeiter.

„Aber am Ende immer noch besser als der Sperrmüll.“ Sicherlich sei nicht jedes Möbelstück zur Weitergabe geeignet, denn gewisse Ansprüche gebe es ja doch. „Was wir im Moment dringend brauchen, sind Elektrogeräte wie Kühlschränke, Herde, Waschmaschinen, die sogenannte Weißware“, erklärt Rhöse. „Und kleine bis mittelgroße Kleiderschränke sind auch Mangelware.“ Nicht jeder tolle große Schwebetürenschrank passe nun einmal in eine kleine Sozialwohnung. „Die Räume geben es oft einfach nicht her.“

Per E-Mail Kontakt aufnehmen oder anrufen

Am besten sei es immer noch, per E-Mail Kontakt mit der Möbelbörse aufzunehmen und ein paar aussagekräftige Fotos von den Möbeln mitzuschicken. „Dann wissen wir nicht nur, worum es geht, sondern auch, mit wie viel Leuten und Fahrzeugen wir kommen müssen.“ Und man sagt auch gleich, ob die mögliche Spende vermittelbar ist oder nicht.

„Wir holen die Sachen kostenlos im gesamten Landkreis ab, fahren aber auch bis Niedersachsen, Hessen oder in den Landkreis Nordhausen.“ Drei bis vier Werktage brauche man schon im Vorlauf. Die Spenden werden gereinigt, wenn es nötig ist, auch repariert und dann in den Verkaufsraum gebracht. Damit wieder einem Menschen geholfen wird und das zarte Pflänzchen der Hilfe weiter wachsen kann.

Die Möbelbörse ist erreichbar unterinfo@mb.horizontverein.de oder 03606/619411.

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