Geschwister auf Suche nach der Wahrheit über das Schicksal ihres Bruders

Spurensuche in Thüringen: Nicole Schmidt und Mario Pulver wollen endlich Gewissheit über das Schicksal ihres angeblich 1985 verstorbenen Bruders.

Nicole Schmidt (Erfurt) und Mario Pulver (Ettersburg) wollen Gewissheit über das Schicksal ihres Bruders. 

Nicole Schmidt (Erfurt) und Mario Pulver (Ettersburg) wollen Gewissheit über das Schicksal ihres Bruders. 

Foto: Sibylle Göbel

Erfurt/Großbrembach. Nicole Schmidt und ihr Bruder Mario Pulver haben in nicht einmal einem Jahr etwas recherchiert, das einem Krimi ähnelt. Doch es ist keine Fiktion, es ist ein Stück ihrer Familiengeschichte. Mehr als 30 Jahre lang war in ihrer Familie der Tod eines kurz nach der Geburt verstorbenen Geschwisterchens kaum ein Thema. Die Eltern pflegten zwar 30 Jahre lang die Grabstelle. Doch über Christian – so hieß ihr drittgeborenes Kind – sprachen sie selten.

Nicole Schmidt und Mario Pulver sind davon überzeugt, dass das die Strategie ihrer Eltern war, um mit diesem Schicksalsschlag fertig zu werden. Doch als die Geschwister vor einem Jahr bei Glühwein und Plätzchen zusammensaßen, kam das Gespräch plötzlich wieder auf Christian. Und je länger sich beide über ihn unterhielten, umso mehr reifte der Entschluss, seinem Schicksal auf den Grund zu gehen. Denn die Informationen, die sie bis dahin über ihren Bruder hatten, waren mehr als spärlich. Bis auf die Geburts- und die Sterbeurkunde existierte nichts, was an den kleinen Jungen erinnert. Deshalb starteten die Geschwister im neuen Jahr mit der Spurensuche – „völlig ergebnisoffen und auch nicht darauf ausgerichtet, einen Schuldigen zu finden“, wie Mario Pulver versichert.

Ungereimtheiten in Schriftstücken nähren Verdacht

Doch mit jedem Schriftstück, das die Geschwister in die Hand bekamen, mit jedem Blick in alte Akten und jedem Gespräch, bei dem sie mit ihrem Ansinnen auf Widerstand stießen, wuchs der Verdacht: Hier kann etwas nicht stimmen. „Ich weiß“, sagt Mario Pulver, Jahrgang 1982 und Vertriebsmitarbeiter, „dass man sich schnell in etwas hineinsteigern und Verschwörungstheorien entwickeln kann. Aber in den Unterlagen finden sich einfach derart viele Ungereimtheiten, dass wir nicht mehr an einen Zufall glauben.“

Christian Pulver wurde am 28. Dezember 1985 um 5.55 Uhr im Sömmerdaer Krankenhaus geboren. Ein reifes Kind, 49 Zentimetern groß und 3380 Gramm schwer. Ein Kind, das sofort kräftig schrie und bald eine rosige Hautfarbe annahm. All das ist dokumentiert, ein Hinweis auf gesundheitliche Probleme findet sich nicht. Christians Mutter wurde das Neugeborene allerdings nur kurz in den Arm gelegt, anschließend kam es ins Säuglingszimmer. „Das war zu dieser Zeit so üblich“, weiß Nicole Schmidt, Jahrgang 1979 und heute als Altenpflegerin in Erfurt beschäftigt. Ihre Mutter habe sich zunächst auch nicht geängstigt. Doch wenige Stunden später sei der damals 27-Jährigen aus Großbrembach mitgeteilt worden, dass ihr Kind Herzprobleme habe und sofort in die Kinderklinik der Medizinischen Akademie Erfurt verlegt werden müsse. „Im Säuglingszimmer wurde meiner Mutter bei diesem Gespräch zwar ein Baby gezeigt. Doch sie kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob das auch wirklich Christian war.“

Wenig später sei ihr Vater in die Klinik gekommen und dort vom Personal nicht nur mit der Mitteilung empfangen worden, dass der Kleine nach Erfurt gebracht werden musste, sondern auch mit der wenig tröstlichen Bemerkung, dass er doch schon zwei gesunde Kinder hat. Spontan habe sich ihr Vater daraufhin von seinem Schwager nach Erfurt fahren lassen, um sein Kind im Krankenhaus zu sehen, berichtet Nicole Schmidt. Doch dort sei man nicht nur völlig perplex gewesen, den Vater unangekündigt vor der Kliniktür stehen zu sehen. Ein Arzt habe ihm nach einiger Zeit auch ein Baby präsentiert, bei dem nichts auf eine lebensbedrohliche Erkrankung hindeutete. „Am nächsten Morgen ist meinen Eltern dann mitgeteilt worden, dass ihr Kind verstorben ist“, weiß Nicole Schmidt. Das Angebot, den Leichnam noch einmal zu sehen und sich in aller Ruhe zu verabschieden, habe es nicht gegeben. Einzig die Aufforderung an den Vater, nach Erfurt in das von der Stadt ausgesuchte Bestattungsinstitut zu kommen und dort die Papiere für die Kremierung zu unterschreiben. Wenige Wochen später bekamen die Eltern mit der Post die Urne ihres Kindes – einschließlich einer Rechnung über 35 DDR-Mark.

Unterschiedliche Angaben zum Todeszeitpunkt, diverse Streichungen und Korrekturen

Nicole Schmidt war damals zwar erst sechs Jahre alt, ihr Bruder gerade drei, aber beide können sich noch genau daran erinnern, wie gedrückt die Stimmung zuhause war: „Ich sehe noch, wie meine Mutter immerzu weinte“, sagt Nicole Schmidt. „Und mein Vater erklärte uns auf die Frage, wo denn das Baby sei, dass es ein Loch im Herzen hatte und gestorben ist“, erinnert sich ihr Bruder. Als die Geschwister dann in diesem Jahr Unterlagen anforderten, sie lasen und miteinander verglichen, fielen ihnen viele Ungereimtheiten auf: Auf einem Patientenblatt des Sömmerdaer Krankenhauses etwa finden sich Vermerke, dass Christian bis zum fünften Lebenstag Medikamente verabreicht wurden – obwohl er doch kurz nach seiner Geburt nach Erfurt verlegt worden und dort verstorben sein soll. Auch gibt es unterschiedliche Angaben zum Todeszeitpunkt, diverse Streichungen und Korrekturen – und immer wieder auch die Verwechslung des Wohnortes Großbrembach bei Sömmerda mit Großbreitenbach im Ilm-Kreis. „Dazu kommt, dass die Sterbeurkunde schon ausgefertigt wurde, als die Klinik den Tod des Kindes noch nicht einmal beim Standesamt angezeigt hatte“, sagt Nicole Schmidt. Das sei im Grunde nicht möglich.

Bruder fälschlicherweise für tot erklärt?

Und so ziehen sich die Merkwürdigkeiten durch die Akten und nähren die Vermutung, dass Christian gar nicht verstorben ist, sondern nur fälschlicherweise für tot erklärt wurde. Und das womöglich mit dem Ziel, ihn an regimetreue Genossen weiterzugeben. Mario Pulver und seine Schwester sind dankbar dafür, dass sich das Krankenhaus in Sömmerda, aber auch einige Ämter und die Thüringer Staatskanzlei „äußerst kooperativ“ gezeigt haben. An anderen Stellen seien sie hingegen auf eine Mauer des Schweigens gestoßen. Dass sie mit ihren Recherchen Staub aufgewirbelt haben müssen, wurde den Geschwistern auch bewusst, als sie der Ärztliche Direktor des Helios Klinikums Erfurt als Nachfolgeeinrichtung der Medizinischen Akademie zu einem Gespräch einlud. Letztlich habe aber auch dieses Gespräch kein Licht ins Dunkel gebracht.

Nicole Schmidt und Mario Pulver sind davon überzeugt, dass sie jetzt alle in Frage kommenden Anlaufstellen aufgesucht haben. „Wir sind mit unserem Latein am Ende“, sagt Nicole Schmidt. Aber im Kopf abgeschlossen sei die Sache damit für sie nicht. Die beiden Geschwister wollen Gewissheit und wünschen sich, dass sie bei einer Landesstelle – vielleicht der Landesbeauftragte zu Adoptionen und Kindesentziehungen in der DDR – Gehör finden und sich Experten ihre Unterlagen eingehend anschauen. Denn auch wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass es keine Zwangsadoption gab, dass Christian tatsächlich verstorben ist und die widersprüchlichen Angaben in den Papieren nur mangelnder Sorgfalt geschuldet sind, könnten die Geschwister das akzeptieren. Und sich vollends auf die Trauer um ihren jüngeren Bruder einlassen anstatt um jemanden zu trauern, der am Leben ist, aber nichts über seine Herkunft weiß.

Mehr über die Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR unter www.iggkddr.de

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