ÖPNV in Erfurt: Gratisfahrten würden Kapazitäten sprengen

Erfurt.  Gratisfahrten wie in Augsburg stellen wohl den größten Anreiz für einen Umstieg auf Straßenbahn und Bus dar. Was macht Erfurt in dieser Frage?

Zum Einstieg in die Straßenbahnen und Busse will Evag-Chefin Myriam Berg vor allem mit Qualität des Angebots überzeugen.

Zum Einstieg in die Straßenbahnen und Busse will Evag-Chefin Myriam Berg vor allem mit Qualität des Angebots überzeugen.

Foto: Marco Schmidt

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Über verstopfte Straßen, baustellenbedingte Staus und einen Mangel an Parkplätzen klagt mancher Autofahrer, ist er in Erfurt unterwegs. Wer den Umstieg auf Bus und Straßenbahn vollzieht, lässt all das hinter sich, schont gleichzeitig die Umwelt vor Schadstoffen und Feinstaub. Länder wie Luxemburg, Städte wie Tallinn/Estland und nun seit Jahresbeginn die bayerische Metropol-Stadt Augsburg kommen den Autofahrern dabei mit Gratisfahrten entgegen. Warum eigentlich nicht Erfurt?

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Für Evag-Chefin Myriam Berg ist die Augsburger City-Zone rund um den dortigen Königsplatz, die für die Augsburger Bürgermeisterin nicht weniger als ein einzigartiges Angebot einer deutschen Großstadt ist, in erster Linie „eine Fahrt von einem zentralen Umsteigedreieck nur bis zur nächsten Haltestelle. Das ist der ganze Zauber dort.“ Immerhin: „Vielleicht ist die Augsburger Aktion ein gutes Symbol, Menschen vom Umstieg in den ÖPNV zu überzeugen“, sagt die Evag-Chefin zum Augsburger Vorstoß.

Steigende Fahrgastzahlen in Erfurt

Der Vorstellung, dass mit kostenlosen Bus- und Stadtbahn-Fahrten weniger Menschen mit dem Auto fahren würden, kann Myriam Berg durchaus Positives abgewinnen. Jedenfalls dann, wenn ihr jemand den Verlust der Summe ausgleicht, die derzeit Ticketverkäufe für die Evag-Kasse einspielen. Schließlich sind es die Tickets für Bus und Straßenbahn, mit denen 70 Prozent der Kosten der Evag gedeckt werden. „Tickets stellen aktuell eine wesentliche Säule unserer Finanzierung dar“, sagt Myriam Berg.

„Wird der ÖPNV generell kostenlos, rechnen wir mit einer um 30 Prozent steigenden Auslastung“, so Berg. Schon jetzt seien die Fahrgastzahlen in Erfurt erfreulich steigend, stellenweise gar an der Belastungsgrenze angelangt. Grund genug für die Evag, um in neue Straßenbahnen mit größerem Platzangebot zu investieren. Würden die Fahrgastzahlen durch ein Kostenlos-Angebot noch stärker zulegen, wären auch mehr Busse, Straßenbahnen und mehr Fahrer notwendig – die Ausgaben für die Evag würden steigen.

Evag-Chefin Myriam Berg setzt andere Prioritäten: Zunächst müsse das Angebot ausgebaut werden, ehe man an der Preisschraube dreht. Mehr Fahrzeuge, ein größeres Netz, eine bessere Taktung – all dies stellt Berg einer Preisoffensive voran. Schließlich: Von überfüllten Bussen und Bahnen würden die Fahrgäste frustriert und der Umstieg würde misslingen. Was aber würde die Qualität steigern? Weniger Gedränge in den Bahnen. Berg plädiert zudem für eine weitere Nord-Süd-Straßenbahntrasse für Erfurt. Sie möchte eine kürzere Taktung der Busfahrten erreichen, wofür die Busflotte bereits erweitert wurde. Sie wünschte sich aber auch, dass in der ganzen Stadt der ÖPNV bevorrechtigt werde im Verkehrsgeschehen, was aktuell oft, aber längst nicht überall der Fall sei.

„Das Parken muss weniger attraktiv werden.“

Berg appelliert an die Politik, sich stärker pro Umwelt schonender Verkehrsmittel zu positionieren – Busse, Straßenbahnen, Car-Sharing, E-Roller und Leihräder zählt sie dazu. Und – obwohl Evag-Chefin Myriam Berg auch Chefin der Stadtwerke-Tochter Parken GmbH ist – fordert sie: „Das Parken muss weniger attraktiv werden.“ Statt neue Parkhäuser ans Netz zu bringen, müssten höhere Parkgebühren erhoben werden, die wiederum als Investitionen in den Nahverkehr fließen.

Ein gutes Beispiel sei Wien: Ein Jahresticket für 365 Euro ließe sich auch nur realisieren, wenn mehrere 100 Millionen Euro im Jahr ins Verkehrssystem investiert würden. „Und wenn ein Tagesticket im Parkhaus 40 Euro kostet“, führt Berg an. In Erfurt sind es 10 Euro.

Platz-Mehrbedarf aktuell nicht zu decken

Für Erfurt habe die Evag im Auftrag viele Wege durchgerechnet, den ÖPNV zu vergünstigen. Beispielsweise auch den, ein Kurzstreckenticket für 1,60 Euro und drei Halte einzuführen. Um die damit verbundenen Umsatzeinbußen auszugleichen, müssten die übrigen Tickets auf 2,80 Euro verteuert werden, ergab das Gutachten. Das sei schon deshalb nicht möglich, weil all jene, die in der Stadt wohnten bevorteilt würden gegenüber jenen in weiter entfernteren Wohngebieten im Erfurter Norden und Süden.

Und ein kostenfreier Transport für einzelne Personengruppen, beispielsweise Schüler? Der war schließlich ein Thema aller Parteien zu den letzten Kommunalwahlen und offenbar breit getragen. Die Evag hat dazu fünf Szenarien entwickelt, kreative Lösungen untersucht, Ein- und Ausgaben rauf- und runtergerechnet. Im Herbst dann seien die Ideen und Kosten erneut einer Arbeitsgruppe der im Stadtrat vertretenen Parteien vorgelegt worden. Seither sei Ruhe. Ein Grund dafür, so könnte sich Myriam Berg vorstellen, könnten die bis zu zweistelligen Millionenbeträge sein, die es zu finanzieren gelte. Und das nicht nur einmalig, sondern dauerhaft. Selbst wenn diese Millionen fließen: Aus Sicht von Myriam Berg bliebe das Problem bestehen, dass der Platz-Mehrbedarf aktuell nicht zu decken wäre. Die in Spanien produzierten neuen Straßenbahnen sind zwar länger, aber längst nicht genug als Ausgleich dafür und könnten allenfalls lindernd wirken.

Erfurter Tarife bundesweit im preiswerten Bereich

Das Portal testberichte.de hat die ÖPNV-Angebote von 43 Städten miteinander verglichen. Mit 2,10 Euro für die Einzelfahrt liegt Erfurt im bundesweiten Vergleich auf Platz 3 von 43 und gleichauf mit Potsdam. Nur Schwerin und Mannheim sind mit 1,80 Euro billiger. Schlusslicht sind Hamburg und Münster mit 3,30 Euro. Auch die Tageskarte in Erfurt ist mit 5,40 Euro vergleichsweise günstig (Platz 6 von 43). Das Monatsticket im Abo kostet 49,40 Euro und schafft es auf Platz 7. Laut testberichte.de lohnt sich die Anschaffung ab 24 Fahrten.

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