Historische Gruselmomente in der Humboldtstraße

Weimar.  Die Neue „Tatort“-Sonderführungsreihe erlebte ihre Premiere im Museum für Ur- und Frühgeschichte. Der nächste Termin folgt im Juni.

Manuela Tiersch (l.) erzählt auf der „Tatort“-Führung, was Knochen aus tausende Jahre alten Gräbern über Leben und Sterben der Menschen verraten.

Manuela Tiersch (l.) erzählt auf der „Tatort“-Führung, was Knochen aus tausende Jahre alten Gräbern über Leben und Sterben der Menschen verraten.

Foto: Michael Grübner

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Eine Handvoll Interessierter erlebte die Premiere von „Tatort Museum“ im Weimarer Museum für Ur- und Frühgeschichte mit. Museumspädagogin Manuela Tiersch, die seit Oktober hier arbeitet, hat damit eine Idee wiederbelebt, die es vor Jahren schon einmal gab. Das Konzept ihrer Sonderführung hat mit der von damals allerdings nicht mehr viel zu tun. Ihr geht es vor allem darum, archäologische Funde durch modernste wissenschaftliche Untersuchungsmethoden in anderem Licht erscheinen zu lassen. Dabei Schicksale ganz konkreter Individuen vor teilweise tausenden Jahren nachzuvollziehen, auch gelegentlich ein paar Gruselschauer zu erzeugen – auch darum wird für Teilnehmer dieser Reihe ein Mindestalter von 14 Jahren empfohlen.

Eine der Erkenntnisse dieser Sonderführung: Thüringen war im historischen Vergleich ein relativ friedlicher Landstrich. „Es sind keine großen Schlacht- oder Gräberfelder bekannt“, so Tiersch. „Wobei man natürlich nie genau sagen kann, was noch an Überraschungen im Boden verborgen ist.“ Sie gliedert die Führung chronologisch, beginnend am Ende der Jungsteinzeit. Aus dieser Zeit stammen diverse Familiengräber, deren Skelette auf einen gewaltsamen Tod schließen lassen – und in dem keine Frauen liegen. Die wurden von aggressiven Angreifern geraubt. „Mit dem Aufkommen von Kupfer und Bronze bekamen die Menschen dann irgendwann Gegenstände, die es wert waren, dafür zu kämpfen und auch zu töten“, erläutert die Museumspädagogin.

Mit Methoden, wie sie auch in der Kriminaltechnik angewendet werden, könne man inzwischen manch Althergebrachtes widerlegen. Etwa die These, dass es in Thüringen Kannibalismus gegeben habe. Die Station der Sonderführung mit dem stärksten regionalen Bezug ist das „Adelsgrab von Oßmannstedt“, es stammt aus dem 5. Jahrhundert. Die dort gefundene und mit viel edlem Schmuck bestattete Frau ist kein Gewaltopfer, aber ihr Schädel erzählt etwas über ihre Herkunft: Er wurde durch Umschnüren mit Binden im Säuglingsalter deformiert, ist auffallend schmal und länglich. Erklärung: Die vornehme Dame war eine Ostgotin aus dem mittleren Donaubecken. Das kontrollierten in ihrer Kindheit noch die Hunnen, die den Brauch der Schädeldeformierungen aus ihrer asiatischen Heimat mitgebracht hatten.

Einer der Gruselmomente ist ein bei Nordhausen gefundener Schädel aus der Jungsteinzeit, an dem die Forscher eine Trepanation nachwiesen: Ein Heilkundiger muss den Schädel geöffnet haben. Der Patient, der an den Folgen einer in der Kindheit erlittenen Kopfverletzung litt, lebte dann wahrscheinlich noch mehrere Monate – ohne Schädeldecke. Ähnlich spektakulär ist ein im Boilstädter Grabkomplex gefundener Schädel, der mit dem Hieb einer Waffe, möglicherweise einem Schwert, gespalten wurde – und der Mann überlebte diese Verletzung.

„Tatort Museum“ soll am 13. Juni eine zweite Auflage erhalten. Dann begleitet möglicherweise auch Anthropologe Jan Novacek die Sonderführung, und einige markante Exponate, die zur Premiere nur hinter Glas zu bestaunen waren, sollen als Kopien zum Anfassen vorliegen. Grundsätzlich sei das Thema, so Manuela Tiersch, auch geeignet, um zu zeigen: Thüringen war schon vor Tausenden von Jahren ein kultureller Schmelztiegel, wo verschiedene Stämme aufeinander trafen, sich vermischten: „Und sowieso sind wir ja im Grunde alle Afrikaner.“

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