Im Fahrradkeller in Hirschberg werden in Regie der Flüchtlingsinitiative Räder repariert

Hirschberg  Hahmid Kachara schaut Richard Bianga genau zu, wie der am vorderen Fahrradlicht hantiert. Auch Kenan und Nour Al Zubean verfolgen jeden Handgriff des Deutschen, wollen nichts verpassen.

Hahmid Kachara schaut Richard Bianga genau zu bei der Fahrradreparatur. Gern werden hier auch noch reparaturbedürftige Fahrräder – vor allem für Kinder – als Spenden entgegengenommen. Foto: Simone Zeh

Hahmid Kachara schaut Richard Bianga genau zu bei der Fahrradreparatur. Gern werden hier auch noch reparaturbedürftige Fahrräder – vor allem für Kinder – als Spenden entgegengenommen. Foto: Simone Zeh

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Der Straßenreuther ist zwar vollends in seine Arbeit vertieft, bei so viel Aufmerksamkeit gleitet ihm aber doch ab und zu ein Lächeln übers Gesicht. Und die Jungs aus Syrien und Afghanistan freuen sich, ein intaktes Fahrrad zu erhalten und können vielleicht schon bald selbst ihr Fahrrad reparieren, wenn der Reifen platt ist oder das Licht mal nicht funktioniert.

Möglich macht dies der neu eingerichtete Fahrradkeller in Hirschberg. „Der Gedanke kam uns, als die Kinder immer wieder mit kaputten Fahrrädern und ohne Regeln zu beachten, weil sie die gar nicht kennen, fuhren“, sagte Kathrin Bianga von der Flüchtlingshilfe Hirschberg. „Ich hatte die Idee, alle gespendeten Fahrräder zu reparieren und eine Fahrradschule zu organisieren.“

Unter den knapp Hundert Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und aus dem Irak – die derzeit in Hirschberg in einer Gemeinschaftsunterkunft und in Wohnungen leben – sind viele Familien. Damit gibt es auch zahlreiche Kinder, welche die Schule besuchen, aber eben auch Freizeit haben, in der sie gerne draußen spielen. Fahrräder sind beliebt, und es wurden auch zahlreiche in allen möglichen Größen gespendet. Da diese aber oftmals im Keller oder Schuppen jahrelang lagerten, müssen sie auf Vordermann gebracht werden. Wollen die Kinder auf den „Bolzplatz“ oder auf die Wiese, auf welcher sie toben können, müssen sie eine stark frequentierte Straße überqueren. „Das ist gefährlich für die Kinder“, so Kathrin Bianga. Es gab schon einige brenzlige Situationen, als Autos bremsen mussten.

Was also tun? Kathrin Bianga erfuhr von einem Ehrenamtsfonds und wurde sogleich aktiv. Die Straßenreutherin informierte sich, entwarf ein Konzept für das Vorhaben. Dabei ging es ihr nicht nur um die nötigen Fahrradreparatur und Schulungen, sondern um viel mehr. „Die Mobilität der Flüchtlinge soll gestärkt werden. Neue Freundschaften können durch ein gemeinsames Hobby entstehen, denn auch Schulfreunde der Kinder sind eingeladen, mit ihrem Fahrrad zur Reparatur zu kommen. Damit können auch Vorurteile in der Bevölkerung abgebaut werden. Oder die Väter kommen mit ihren Söhnen. Und unsere Flüchtlingshilfe erhält Zuwachs.“ Letzteres ist bereits Realität, denn Richard Bianga und Larry Johns gehören jetzt aktiv dazu, sind regelmäßig im Fahrradkeller tätig. Sie zeigen den Kindern auch, wie man mit dem Werkzeug umgeht.

Die Flüchtlingshilfe Hirschberg stellte also einen Antrag auf Förderung aus dem Engagementsfonds „nebenan ankommen“, trug das Konzept vor und überzeugte. Die Thüringer Ehrenamtsstiftung bewilligte 1000 Euro, um das Projekt Fahrradwerkstatt gemeinsam mit Einheimischen und Neuankömmlingen zu realisieren. „Davon konnten wir Werkzeug und Materialien für die Reparaturen der Fahrräder kaufen“, so Kathrin Bianga glücklich. Zuvor wurden die Wände im Keller gemalert, Regale aufgestellt. Eine kleine gespendete Küchenecke lädt zum Teetrinken, Verweilen und gemeinsamen Gesprächen ein. Die Reparatur von Fahrrädern, Sicherheitscheck und das Erlernen des Umganges mit Werkzeug sind nun in vollem Gange.

Doch das ist noch nicht alles: Als nächstes folgt die Schulung der Kinder und auch Erwachsenen im richtigen Verhalten im Straßenverkehr. In Zusammenarbeit mit dem Landratsamt werden Beamte der Polizeiinspektion Saale-Orla den Migranten Kenntnisse in Theorie und Praxis beibringen – ein Dolmetscher wird dabei sein. Kathrin Bianga indes freut sich gemeinsam mit den anderen Ehrenamtlichen, dass es so gut und schnell gelingen kann, eine Idee umzusetzen, welche die Menschen tatsächlich verbindet und letztendlich allen hilft.

Stichwort: Flüchtlingsinitiative Hirschberg! Eine Flüchtlingsinitiative hatte sich im Herbst 2015 in Hirschberg gebildet, um die Asylsuchenden, die in die Kleinstadt kamen, von Anfang an zu begleiten und bei der Integration zu unterstützen. Das geschieht im Zusammenwirken mit den Verantwortlichen im Landratsamt Saale-Orla sowie in der Stadt Hirschberg, mit der Diakoniestiftung Weimar-Bad Lobenstein und der evangelischen Kirchgemeinde Hirschberg. Bis zu 25 Menschen sind ehrenamtlich aktiv. Erfolg hatte die Ehrenamtsinitiative bereits mit dem Aufbau und Betreiben der Kleiderkammer „Gib und nimm“ in Hirschberg, die für alle Bedürftigen, egal ob aus Syrien, Hirschberg oder Afghanistan kommend, da ist und hilft.

Der Fahrradkeller in Hirschberg, in der Schulstraße, hat immer freitags von 16 bis 18 Uhr geöffnet. Reparatur oder Sicherheitscheck – jeder Fahrradfahrer, egal ob Einheimischer oder Migrant, kann kommen.

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