Massives Polizeiaufgebot erwartete Demo in Hildburghausen

Hildburghausen.  Eine Hundertschaft Einsatzkräfte, zwei Wasserwerfer, ein Räumpanzer – die Thüringer Polizei hatte sich am Montagabend erneut auf eine Demonstration in Hildburghausen eingestellt.

In den sozialen Netzwerken kursierten neue Demo-Aufrufe. Die Polizei bereitete sich auf einen möglichen Einsatz vor.

In den sozialen Netzwerken kursierten neue Demo-Aufrufe. Die Polizei bereitete sich auf einen möglichen Einsatz vor.

Foto: News5 / Ittig / News5

Es sind bizarre Bilder, die am Montag in verschiedenen Chatgruppen die Runde machen: Der Marktplatz in Hildburghausen füllte sich am frühen Abend nach und nach mit immer mehr Polizeifahrzeugen. Auch die beiden Wasserwerfer der Thüringer Polizei und ein Räumpanzer fuhren nach Südthüringen. Der Grund: In dem Corona-Hotspot, der lange den höchsten Siebe-Tage-Inzidenzwert bundesweit hatte, ist erneut mit einer Demonstration gerechnet worden. Alle aktuellen Infos im kostenfreien Corona-Liveblog.

Am vergangenen Mittwoch hatten 500 Menschen in Hildburghausen gegen den lokalen Lockdown demonstriert, in Zuge dessen auch Schulen und Kindergärten geschlossen wurden. Seit Kurzem gilt zusätzlich ein Versammlungsverbot , derweil bereits Aufrufe im Netz für die nächste Demonstration am Mittwoch kursierten. Ab diesem Dienstag sollen alle 9000 Schüler und Kinder im Kreis getestet werden. Die Teilnahme ist freiwillig.

„Demo“ in Hildburghausen vor allem online

Im Landkreis wurden – Stand Montag - zuletzt binnen sieben Tagen 580 Menschen auf 100.000 Einwohner positiv auf den Corona-Virus getestet. Das ist neben Passau weiterhin bundesweiter Rekord. Die Siebe-Tage-Inzidenz liegt aber minimal unter dem Wert von Passau.

Diesmal fand die „Demo“ in Hildburghausen allerdings vor allem online statt. In einer Telegram-Gruppe bejubelten sich zahlreiche Mitglieder dafür, sie hätten „die Staatsmacht“ hinters Licht geführt, weil sie nicht demonstriert haben. Tatsächlich existierte ein Aufruf nicht näher bekannten Ursprungs zu einer wie auch immer gearteten Demonstration. Zwischenzeitlich wurde in dieser Gruppe sogar ein vorgeblicher Tweet des Noch-US-Präsidenten Donald Trump geteilt, der sich angeblich zu Hildburghausen geäußert habe – ein Blick auf dessen Twitter-Seite entlarvte das allerdings schnell als falsch.

Aufruf als Stadtwette deklariert

Der Aufruf zur Demo in Hildburghausen war als „Stadtwette“ deklariert für Montagabend 19 Uhr. Diesmal kam es allerdings nicht zu Bildern, bei denen Menschen „Oh wie ist das schön“ singend durch die Stadt ziehen in dem Landkreis, der bundesweit die höchsten Zahlen nachgewiesen positiver Tests auf das Coronavirus hat. Währenddessen gingen anderswo in Thüringen, zum Beispiel in Bad Lobenstein, Menschen auf die Straße und kritisierten die getroffenen Maßnahmen zur Bewältigung der Pandemie.

Die Landespolizeiinspektion Suhl berichtete am Montagabend von einem polizeilichen Sicherungseinsatz „anlässlich mehrerer angekündigter Protestaktionen“ in Hildburghausen, Schmalkalden, Meiningen und Suhl. In Hildburghausen sei es „zu keinen Ansammlungen“ gekommen währenddessen in den anderen drei Orten bei den sogenannten „Hygienepaziergänge“ vereinzelte Verbote gegen die Gebote des Infektionsschutzgesetz registriert worden seien, die allesamt Ordnungswidrigkeitsanzeigen zur Folge haben würden, heißt es von der Polizei.

Aufruf zum gegenseitigen Verständnis

Am Montag hatten zunächst vor allem linke und grüne Landespolitiker im Landkreis Hildburghausen in einem gemeinsamen Positionspapier die jüngste Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen verurteilt. Gleichzeitig kritisierten sie aber auch Details der Einschränkungen und die Entscheidungswege und appellierten dazu, „Kritik und Widerspruch“ auszuhalten. Aus ihrer Sicht ist es „ein riesiger Fehler, die Frustration und die Wut über das hiesige und das allgemeine Krisenmanagement als rein populistisch und rechtsradikal abzutun und dann noch in Ossi-Bashing zu verfallen“. Dies treibe „den Nazis immer mehr Leute zu“.

Ein Problem sei, „dass die Menschen, die Verbände und Einrichtungen kaum in die Entscheidungsprozesse des Krisenstabes einbezogen“ würden. „Das muss sich ändern.“ Besonders ernst genommen werden müsse dabei „die Krise der Alten, der Eltern und der Kinder“. Das Papier, das auch vom Hildburghäuser Bürgermeister Tilo Kummer (Linke) unterzeichnet wurde, ruft zum gegenseitigen Verständnis auf: „Niemand hat durchgehend alles richtig eingeschätzt. [...] Verzeihen wir uns. Ertragen wir Differenzen.“

Appell von Hildburghausen: Verzeihen, zuhören und gemeinsam nach Lösungen suchen

Gesundheitsämter geraten bei Corona-Nachverfolgung an ihre Grenzen

„Das ist hirnrissig“: Singender Protest im Corona-Hotspot