Schlussstrich für die Nougattorte: Konditorei Fenk in Erfurt nach 63 Jahren geschlossen

Erfurt.  Nach 63 Jahren voll süßer Verheißungen gibt es die Konditorei Fenk am Leipziger Platz nicht mehr. Eine ganze Reihe von Gründen führte zur Geschäftsaufgabe.

Nur noch leere Regale bleiben Uwe Fenk und seiner Frau Karin von der einst so beliebten Konditorei am Leipziger Platz.

Nur noch leere Regale bleiben Uwe Fenk und seiner Frau Karin von der einst so beliebten Konditorei am Leipziger Platz.

Foto: Michael Keller

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Die Rollläden sind heruntergelassen, die Vitrinen leer, der Gasofen in der Backstube erkaltet. Eine alte Tageszeitung, die den Rauswurf des RWE-Trainers auf Seite eins verkündet, hängt einsam am Garderobenhaken, im Schaufenster wird den Kunden auf einem Schild für die langjährige Treue gedankt. 63 Jahre lang gab es am Leipziger Platz die Konditorei Fenk, die zu den dienstältesten Genusstempeln Erfurts gehörte.

Richtig, gehörte. Denn am 22. Dezember wurde dort zum letzten Mal Quarktorte für 1,50 Euro, Obstschnitten für 1,60, Zitronenbissen für 1,25 und Schwarzwälder Kirschsahne zu 1,75 über den gläsernen Tresen gereicht. Und natürlich die berühmten Nougattorten, -schnitten und -ecken in Hülle und Fülle. Begleitet von jeder Menge bedauernder Worte der treuen Stammkundschaft.

Uwe Fenk (65) ist sicher, dass da so mancher vom letzten Einkauf in der Tiefkühltruhe das gebunkert hat, was es nun nicht mehr zu kaufen gibt. Doch so schwer es ihm auch fällt, 35 Jahre nachdem er die Konditorei von Vater Friedrich übernahm, aufzuhören, so leicht fällt es ihm auch. Der Schlussstrich ist der Endpunkt eines schleichenden Vorgangs, der sich über Jahre hinweg zu einem mehrschichtigen Problem ausweitete.

Eine ganze Reihe von Gründen führte zur Geschäftsaufgabe

„Es hat sich am Ende nicht mehr gerechnet“, beginnt der Konditormeister seine Aufzählung einer ganzen Reihe von Umständen, die letztlich in der Geschäftsaufgabe eines schon zu DDR-Zeiten sehr beliebten Erfurter Traditionsgeschäftes mündeten. Auch habe er das Rentenalter erreicht und wollte endlich das Wort Freizeit nicht nur buchstabieren, sondern das auch praktizieren. Dazu die „Geiz ist geil“-Mentalität vieler Kunden, die nicht verstanden hätten, das Handwerk mit Handarbeit zu tun habe und sich das auch im höheren Preis zeigt. Und die deswegen Billigware vom Discounter bevorzugen, auch wenn dabei meist das Geschmackserlebnis auf der Strecke bleibe. Der heiße Frühling und der noch heißere Sommer 2019 hätten der Konditorei den Rest gegeben. „Ich stand oft allein im Laden und wartete auf Kundschaft“, sagt Fenk.

Anfang vom Ende liegt über 20 Jahre zurück

Der Ausgangspunkt des sich anbahnenden Endes liegt freilich über 20 Jahre zurück. Damals sei der Leipziger Platz grundlegend umgebaut worden. Eine Straßenbahnhaltestelle vor der Tür, für andere Geschäfte ein Glücksumstand. Nicht so für Fenk und seine Frau Karin. Denn die Anfang der 90er-Jahre erst angelegte Terrasse und die Parkplätze mussten weichen. Ein Kriterium, gerade das letztere, dass bei Kunden schnell Ungnade aufkommen lässt. Der Zuspruch ging immer mehr zurück. Zu allem Überfluss wurde er auch noch die Belieferung städtischer Seniorenheime los. Die wurden privatisiert und man kaufte das Gebäck lieber billig im Großhandel ein. Der schleichende Abgang war eingeläutet. Hatte Fenk zu Ost-Zeiten noch zehn Festangestellte, waren es nun nur noch vier. Die Verluste summierten sich, während die Kredite vom Geschäftsumbau ihren Tribut forderten. „Ja, und das mit der Gesundheit wurde auch nicht besser“, seufzt der Erfurter, der wie seine Frau sein Handwerk noch bei Elmi erlernte.

Ein Vorteil, wenn der Wecker nicht mehr um 2.30 Uhr klingelt

Zuletzt haben die Fenks mit einer Angestellten zu dritt den Laden geschmissen, aus dem die Kundschaft mit Begeisterung und tropfendem Zahn viele Jahre die süßen Leckereien in großen Mengen herausschleppte. Im Dezember brummte das Geschäft nach der Sommerflaute wie verrückt. Es sei „extrem stressig“ gewesen, auch das mit den handgefertigten Stollen. Da habe er gewusst, dass die Entscheidung aufzuhören richtig ist. „Mir ist am 23. Dezember ein Stein vom Herzen gefallen, weil der Druck und die Belastung endlich weg waren“, sagt Uwe Fenk. Und Ehefrau Karin hat entdeckt, dass es durchaus ein Vorteil sein kann, wenn nicht um 2.30 Uhr der Wecker klingelt und man stattdessen ausschlafen und gemeinsam in aller Ruhe frühstücken könne. Das Familienleben, sagen beide übereinstimmend, habe unter dem Berufsstress doch sehr gelitten.

Ein Nachfolger hat sich nicht gefunden

Ein Nachfolger für Konditorei und Café hat sich nicht gefunden. Aber eine Dönerbude soll und wird es nicht werden, sind sich Fenks, denen das Haus gehört, sicher. Ein Konditor wäre ideal. Der Backofen könnte sofort wieder hochgefahren werden. Aber nicht für Uwe und Karin Fenk. Die beiden möchten endlich das tun, was nie möglich war: reisen, wandern, radfahren, mal drei Wochen Urlaub am Stück machen. Oder auch ein Stück Kuchen in einer Erfurter Konditorei essen. Fünf bis sechs richtig gute gebe es schließlich noch in der Stadt.

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