Vom Günstedter Ablass bis zu den blauen Tagen

Die Andacht zum Wochenende für den Landkreis Sömmerda

Joachim Salomon, Pfarrer für Vertretungsdienste aus Günstedt 

Joachim Salomon, Pfarrer für Vertretungsdienste aus Günstedt 

Foto: Joachim Salomon

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Ich nutze öfters den Wirtschaftsweg bei Leubingen, auf dem man eigentlich nur mit Landmaschinen, dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs sein sollte. Wenn ich dann vom Kirschberg nach Griefstedt herunter fahre, sehe ich den Turm der Günstedter Kirche vor mir und denke an die Pilger, die im Mittelalter dorthin unterwegs waren, um an diesem weithin bekannten Wallfahrtsort den Ablass von ihren Sündenstrafen zu erhalten, und an die Festpilger, so nenne ich sie jetzt einmal, die viel später zu den Volksfesten und Markttagen nach Günstedt kamen, welche sich aus diesen alten Bußübungen entwickelten und auch „Günstedter Ablass“ genannt wurden.

In diesen Tagen sind wir nun meist unterwegs, um in den Urlaub zu fahren oder schon wieder aus diesem zurückzukommen. Corona mag so manche geplante Ferienreise verändert oder verkürzt haben, ein paar Tage „blau“ machen, das geht auch in der Pandemie.

Der Begriff hat übrigens nichts mit dem blauen Meer zu tun oder dem blauen Himmel, dem man sich im Gebirge recht nahe fühlen kann, sondern wahrscheinlich mit dem Blaufärben von Stoffen, die eine Zeit lang trocknen mussten, die Färber konnten währenddessen „blau“ machen.

Übrigens wurde gerade hier im Thüringer Becken besonders viel Färberwaid angebaut und verarbeitet, ein Kreuzblütengewächs, aus dem man den blauen Farbstoff gewonnen hat. Und im Sömmerdaer Ortsteil Rohrborn kann eine funktionstüchtige Waidmühle bestaunt werden, die so manches blau gemacht hat. Besonders jetzt in der Sommer- und Ferienzeit sollten wir auch mal „blau“ machen. Trotz Corona oder gerade weil es uns so sehr belastet. Denn auch in der Krise geht das Leben weiter.

Gewiss gibt es immer etwas wichtiges zu tun. Im Garten wächst das Unkraut – auch in meinem –, die Küchenwände brauchen einen neuen Anstrich, der Kleiderschrank quillt über – da muss was raus –, und mit dem Home-Office will es nicht so richtig klappen, weil man immer abgelenkt wird. So findet sich für jeden Tag und jede Stunde ein Grund, Liegengebliebenes und Anstehendes zu erledigen.

In einem biblischen Gebet für den morgigen Sonntag, im Psalm 48 heißt es: „Ziehet um den Zion herum und umschreitet ihn, zählt seine Türme; habt gut acht auf seine Mauern, durchwandert seine Paläste, dass ihr den Nachkommen davon erzählt: Dieser ist Gott, unser Gott für immer und ewig. Er ist’s, der uns führet.“

Der Betende weiß sich von Gott geführt und bestaunt die Schönheit der Gottesstadt Jerusalem. Lädt andere dazu ein, auch mal „blau“ zu machen und sich auf diesen Pilger- und Entdeckungsweg zu begeben, um Gott und der Welt zu begegnen.

Wir müssen nicht immer dies und das tun, können auch mal dem täglichen Muss entfliehen, etwas liegen lassen und später erledigen. Und wir dürfen dabei zur Ruhe kommen, den Alltag zurücklassen und uns auf den Weg der eigenen Wünsche machen.

Da gibt es sicher eine Menge, was wir schon seit langer Zeit einmal sehen und erleben wollten. In der Ferne oder jetzt mit Corona eher in der Nähe. Da sind vielleicht bekannte und noch nicht besuchte Orte.

Es fängt schon bei den Kirchen in der Umgebung an. Habe ich sie mir alle schon einmal genau angesehen, davor oder darin mit meinen Sorgen, aber auch mit Dankbarkeit die Nähe zu Gott gesucht? Nehme ich mir Zeit für die Familie oder Freunde, für eine Unternehmung ein Gespräch, was schon lange ansteht?

Wir müssen nicht immer funktionieren, dürfen auch mal den Blick wechseln, etwas erleben, „blau“ machen. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und noch schöne Sommertage.

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