„Wir sind kein Freiwild“

Hier lesen Sie den offenen Brief der sieben jungen Frauen, die sexuelle Übergriffe in Jenaer Clubs beklagen.

Alina Sonnefeld Foto: Thomas Beier

Alina Sonnefeld Foto: Thomas Beier

Foto: zgt

„Liebe alternative Clubs in Jena,

ich hab euch eigentlich ganz schön gern.

Bei euch kann ich mir experimentelle Theaterstücke anschauen, meine Bilder ausstellen, Bustickets zu Demos kaufen und die Nächte durchtanzen. Ihr unterstützt Jugendliche und soziale Projekte.

Bei euch würde ich mich wohlig wie zuhause fühlen – wäre da nicht diese eine Sache.

Nachts fühle ich mich bei euch nicht sicher.

Ab einer bestimmten Uhrzeit werde ich oft gegen meinen Willen angefasst, geküsst, belästigt. Ich gehe nur noch selten feiern – und wenn, immer nur mit männlicher Begleitung.

Im Austausch mit anderen Mädchen und Frauen, ist aufgefallen, dass es nicht nur meine individuelle Wahrnehmung ist, sondern vielen so geht. Fast jede weiß von Erfahrungen zu erzählen, bei denen ihre persönliche Grenze überschritten wurde. Das Problem gibt es nicht nur bei euch, aber ich glaube, dass ich bei euch auf Gehör treffe.

Von linken Clubs hätte ich mehr erwartet. Ihr setzt euch für Gleichberechtigung ein, aber schafft es nicht, sie auf eurer Tanzfläche durchzusetzen. Die Atmosphäre bei euch, fühlte sich für mich nie so an, als ob ein offenes Ohr auf mich wartet, wenn ich von einem sexuellen Übergriff berichte. Ich traute mich nie, etwas bei der Security zu melden und versuchte mich so direkt wie möglich zu wehren. Wirklich erfolgreich war ich selten und Hilflosigkeit machte sich breit. Es geschah so oft, dass dieser unangenehme erniedrigende Umgang Normalität wurde.

Deshalb schreibe ich diesen Brief.

Es darf nicht sein, dass sechzehnjährige Mädchen, die das erste Mal mit Muttizettel ausgehen, von hinten angetanzt, angefasst und ohne ihr Zutun geküsst werden und denken, dass das normal ist. Ist es nämlich nicht. Das ist scheiße.

Hier seid ihr gefragt. Hängt Plakate auf, die das Bewusstsein für sexuelle Gewalt schärfen. Richtet eine Anlaufstelle für alle Betroffenen ein und macht auf sie Aufmerksam. Gebt öffentliche Statements ab, dass fairer gleichberechtigter Umgang in euren Räumen an erster Stelle steht. Schafft eine Atmosphäre, in der sich alle – unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Glauben – wohlfühlen. Ich bin mir sicher, dass ihr viele Helfer*innen findet. Ihr habt die Erste in mir.“

Alina Sonnefeld mit Unterstützung von Lara Treff, Hilde Teichgräber, Laura Struppert, Fiona Rost, Jenny Bornmann, Martha Kirmse

Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Die OTZ möchte mit Lesern ins Gespräch kommen. Schicken Sie uns unter jena@otz.de Ihre Meinung!

Hintergrund: Deshalb haben die sieben Frauen diesen offenen Brief verfasst

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