Zeitreise am Sondershäuser Dickkopf

Sondershausen  Rund 130 Schützen nehmen an der 5. Europameisterschaft der leichten Feldartillerie auf dem Standortübungsplatz in Sondershausen teil.

Ohrenbetäubend: Feuerschütze Gerhard Sauerwein von der königlich deutschen Legion im Befreiungskrieg gegen Napoleon 1803 aus Hannover hat die Lunte an den Zünder der Nachbau-Kanone gehalten.

Foto: Dirk Bernkopf

Noch bis zum heutigen Samstagmittag wird auf dem Standortübungsplatz am Dickkopf scharf geschossen und Zuschauer sind ausdrücklich erwünscht. Allerdings üben nicht die Bundeswehrsoldaten, sondern der Verband Deutscher Schwarzpulver Kanoniere richtet zum fünften Mal hier eine Europameisterschaft der leichten Feldartillerie aus.

129 Teilnehmer aus Deutschland, Belgien, Großbritannien und der Schweiz versuchen auf Entfernungen von 100, 200 und 400 Metern mit den Repliken von Vorderladerkanonen die riesigen Zielscheiben zu treffen, erklärt Albrecht Uhlmann, Vizepräsident Brauchtum.

So wie die Nachbauten der historischen Kanonen aus der Zeit bis 1870 stammen, so leben auch die Kanoniere für drei Tage noch einmal in dieser Zeit. Sie gehen in bunten Gewändern und nachempfundenen historischen Uniformen auf den Schießplatz. Auch die Details stimmen: Die Bärte sind eingewichst und gezwirbelt, das Schuhwerk ist zeitgemäß und bei Kurzsichtigkeit wird der Kneifer hervor geholt. Nur ab und zu werden die Darsteller von der heutigen Zeit eingeholt – meist wenn kein Zuschauer in der Nähe, kein Verschluss einer Kamera zu hören ist. Dann wird schon einmal mit der Digitalkamera fotografiert oder die moderne Sonnenbrille aufgesetzt.

„Für uns ist das alles ein riesiger Spaß, man muss nicht immer historisch korrekt sein“, meint Andreas Schies. Der Mann mit dem eindrucksvollen Federhut kommt aus Freiberg am Kaiserstuhl und stellt einen Landsknecht dar.

Die Entwicklung hat auch bei der Munition nicht Halt gemacht. Die Kanonenkugeln bestehen inzwischen aus Zink oder gar aus Edelstahl – ein Abfallprodukt der Kugellagerproduktion für Windkraftanlagen.

Die Schützen der königlich deutschen Legion kommen damit nicht klar und treffen ihr Ziel nur mit Mühe. „Zu Bleizeiten wäre mir das nicht passiert“, schimpft Richtschütze Karl-Wilhelm Reineke und meint damit nicht die Zeit des Befreiungskrieges gegen Napoleon um 1803, welche die Schützengruppe aus dem Kreis Hannover darstellt, sondern die letzten Jahre. „Die Zinkkugeln sind immerhin 400 Gramm leichter und ihre Flugbahn schwerer zu berechnen“, gibt Feuerschütze Gerhard Sauerwein zu Bedenken.

Historisch gesehen scheint das Füsilierbataillon Schwarzburg-Sondershausen 1866 am rechten Ort zu sein. Die gleichnamige Interessengemeinschaft kommt aber aus Großlohra im Landkreis Nordhausen. Tobias Garzemeier und Steffen Reinboth wechseln sich beim Ausrichten des Geschützes ab, André Vollmer zieht an der Zündschnur und Reservist Wolfgang Sander überprüft mit etwas Abstand durch das Fernglas die Zielgenauigkeit seiner Kameraden. „Wir haben Spaß daran, Geschichte lebendig darzustellen und sind bei den Wettkämpfen in Sondershausen von Anfang an dabei“, berichtet Reinboth. Beim jährlichen Residenzfest sind sie inzwischen nicht mehr wegzudenken. „Von uns kommen die Böllerschüsse beim Wecken der Stadt am Sonntag“, verrät Sander.

Am heutigen Samstag wird von 8 bis 12 Uhr nochmals geschossen. Besucher können außerdem den gesamten Tag lang einen Einblick in das Lagerleben der damaligen Zeit gewinnen, ab 17 Uhr gibt es Irish-Folk-Musik. Der Eintritt ist frei.

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