Experten aus Jena gefragt: Wie groß ist die Abhör-Gefahr für private Handys?

Wir fragen - Experten antworten: Steffen Kern ist Dozent an der Fachhochschule Erfurt und Fachmann für mobile Endgeräte und deren Sicherheit.

Wie abhörsicher sind unsere Mobiltelefone? Archivfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Wie abhörsicher sind unsere Mobiltelefone? Archivfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Foto: zgt

Jena. Spätestens seit Ende letzten Jahres der NSA-Skandal um das Abhören des Handys der Kanzlerin laut wurde, ist die Sicherheit der modernen Kommunikationsmedien in Frage gestellt. Das Thema wird viel diskutiert. Wir haben den promovierten Informatiker Steffen Kern von der Fachhochschule Erfurt, der eine Stelle als Gastdozent an der Universität Jena bekleidet und zudem Partner des mobilen Beratungsunternehmen emgress GmbH ist, gefragt wie ein Handy eigentlich abgehört wird.

Kann jedes Handy abgehört werden?

Prinzipiell ja. Ein Handy arbeitet mit Datenströmen. Damit eine Sprachkommunikation stattfinden kann, muss eine Verbindung zwischen ihrem Mobiltelefon und dem Telefon des Empfängers hergestellt werden. Von ihrem Mobiltelefon aus verläuft diese Verbindung bis zu jenem Mobilfunkmast, an dem ihr Handy gerade angemeldet ist. Von dort geht es bis zum Empfänger. Dieser Datenstrom kann theoretisch abgehört werden. Der Aufwand ist allerdings hoch, so dass man sich als Privatperson nur bedingt Sorgen machen muss. Bedenkt man wie viele dieser Datenströme täglichen zwischen Mobiltelefonen und Funkmasten verlaufen, ist die private Sprachkommunikation, das Telefonat mit der Familie nur ein Datenstrom unter vielen, der für niemanden Verwertbares beinhaltet.

Wie wird nun genau abgehört?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Eine räumliche Nähe ist wichtig, da die Verbindung zwischen Mobiltelefon und Funkmast begrenzt ist. Mit Hilfe einer Richtantenne und ausreichend technischem Wissen ist es möglich, Datenströme in Echtzeit abzuhören und aufzunehmen. Nimmt man den NSA-Skandal, bei dem das Privathandy von Frau Merkel abgehört wurde, spielt die Nähe zwischen der amerikanischen Botschaft und dem Kanzleramt sicherlich eine Rolle. Dass Frau Merkel ein sicheres Diensthandy besitzt, aber das nicht geschützte Privathandy nutzte, war leichtsinnig.

Wie wird ein Handy sicher?

Damit ein Handy nur verschlüsselte Sprachkommunikation ermöglicht, ist ein kostspieliger Umbau notwendig, damit aus einem Handy ein sogenanntes "Cryptophone" wird. Nur ein zweites "Cryptophone", kann den ankommenden Datenstrom wieder entschlüsseln, so dass die Gesprächspartner sich verstehen. Es ist nicht unmöglich dieses System zu entschlüsseln, aber selbst ein leistungsfähiger Rechner würde mehrere Jahre brauchen, um das System zu decodieren.

In den Medien hört man vom "gläsernen Menschen", sind wir wirklich durchschaubar?

Die technischen Möglichkeiten zur Überwachung sind alle vorhanden. Viele gehen leichtsinnig mit den Kommunikationsmedien um. Die Nutzung des Internets mit dem Handy ist in diesem Zusammenhang wichtiger als die Sprachkommunikation. Alle online Accounts über das selbe Passwort zu verwalten oder eine offene WLan-Verbindung zu nutzen, um Online-Banking zu machen, das ist praktisch, aber mindestens ebenso leichtsinnig. Die zielführende Fragestellung muss immer sein: Wie schwer möchte ich es einem Dritten machen, sich Zugriff zu meinen Daten zu verschaffen?

Was nutzt ein einziges geknacktes Passwort?

Nachdem man das Passwort herausgefunden hat, lässt sich im nächsten Schritt recht leicht herausfinden, welche Dienste außerdem genutzt werden. Wenn beispielsweise der Facebook-Account dieses erste Konto ist, dann kann der Angreifer über die Liste der mit Facebook verbundenen Dienste einen recht guten Eindruck bekommen, was außerdem noch alles genutzt wird. Oder das erste Konto ist das Mail-Postfach, auch dort werden sich Hinweise auf weitere Accounts finden lassen.

Ein bewussterer Umgang mit Kommunikationsmedien ist demnach das Ziel?

Auf jeden Fall. Das Handy ist zu einem Gerät geworden, das uns ständig begleitet und es gibt kaum ein privateres technisches Gerät. Dass es sich zu einem kleinen Computer entwickelt hat, heißt natürlich für den Nutzer auch, dass er es schützen sollte. Während man natürlich auf der einen Seite praktische Internetdienste nutzen und damit zum Beispiel Bilder mit Bekannten teilen kann, muss man sich auf der anderen Seite auch um einen ausreichenden Schutz bemühen. Ich sehe hier aber nicht nur die Nutzer, sondern auch die Politik in der Verantwortung. Es mangelt noch immer an Aufklärung zum Schutz der individuellen Privatsphäre. Was man seitens der Politiker in der nächsten Zeit erwarten kann, ist fraglich, bedenkt man, dass Frau Merkel das Internet vor kurzer Zeit noch als "Neuland" bezeichnete.

Interview: Ann-Christin Schmidt

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