Zwangsaussiedlung in der DDR: Kirchenglocken warnten vor Vertreibung

Erfurt  Auf der Ost-Seite der einstigen innerdeutschen Grenze wurden Menschen zwangsausgesiedelt und Gehöfte geschleift. Noch heute besteht in den betroffenen Regionen großes Interesse an diesen Geschichten.

In Streufdorf erinnert ein Gedenkstein an die Zwangsaussiedlung. Foto: Peter Michaelis

In Streufdorf erinnert ein Gedenkstein an die Zwangsaussiedlung. Foto: Peter Michaelis

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So fing es an“, sagt Dagmar Kilian. „Die haben gesagt: ‚Wir machen uns Sorgen um Sie!’ So sanft fing das an.“

Wer genau „die“ waren, weiß Kilian bis heute nicht. In zivil seien die Männer gekommen. „Mehrfach“, sagt Kilian. Und immer nur dann, wenn ihre Mutter – damals schon mehr als 70 Jahre alt – alleine zu Hause war. Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit? Mitarbeiter der Kreisverwaltung? Soldaten der Grenztruppen? Nur Letzteres schließt Kilian aus.

Irgendwann war es dann aber mit dem sanften Ton vorbei, den die Männer zuerst angeschlagen hatten. „Dann fiel der Satz: ‚Wenn Sie nicht freiwillig von hier weg wollen – wir können auch anders!’“ Da sei klar gewesen, sagt Kilian, dass es keinen Sinn hatte, noch länger Widerstand zu leisten.

Kilian spricht vom Anfang vom Ende der Neumühle, die nach 413 Jahren ihres Bestehens 1987 schließlich abgebrannt wurde; nur zwei Jahre vor der Wende. Im Jahr 1574 war das Gehöft auf dem Gebiet des heutigen Sülzfeld bei Meiningen erstmals urkundlich erwähnt worden. Im Laufe der Zeit wechselte es viele Male Eigentümer und Pächter, bis Kilians Vater den Hof 1937 zuerst pachtete und 1952 dann kaufte. Ziemlich genau zwanzig Jahre später zwang das SED-Regime Kilian, ihren Mann, ihre Mutter und ihre Kinder dann, das Gehöft zu verlassen. Kilians Vater lebte da nicht mehr. Bis die kleinen Mächtigen der DDR das Gehöft Ende der 1980er Jahre abbrennen ließen, diente es erst noch einige Jahre als Möbellager und stand dann kurzzeitig leer.

In einem schwarzen Plastikkoffer voller Dias bewahrt die 77-jährige Kilian die Erinnerungen an die Neumühle auf. An die Neumühle und an viele andere Gehöfte in der Rhön, die in unmittelbarer oder mittelbarer Nähe der innerdeutschen Grenze lagen und die das SED-Regime im Laufe der Jahrzehnte zerstören ließ. Die Namen vieler der betroffenen Ortschaften oder Gehöfte kennt Kilian auswendig Zum Beispiel: Frankenheim, Schmerbach, Oberharles, Kätzerode, Unterweid. Die Dias zeigen historische Aufnahmen der Höfe, auf denen manchmal auch ganz deutlich zu erkennen ist, wie nah die Gehöfte an den Grenzanlagen standen. Auf einem alten Schwarz-Weiß-Foto der sogenannten Sophienhöhe in Frankenheim etwa ist zu sehen, dass die ersten Grenzpfeiler kaum 20 Meter vom Haus entfernt standen. Von der Neumühle aus allerdings waren es viele hunderte Meter bis zur Grenze.

Kilian hat die Geschichte der geschleiften Höfe im Altkreis Meiningen seit 2011 als Lokalhistorikerin aufgearbeitet und sich damit schon vor Jahren für ihre Heimat eines Themas angenommen, das seit einigen Monaten wieder eine größere öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Einmal, weil Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow Anfang des Jahres auf einer Tagung des Bundes der DDR-Zwangsausgesiedelten (BdZ) in Erfurt angekündigt hatte, er wolle sich auf Bundesebene für eine bessere Entschädigung von Menschen einsetzen, die in der DDR gegen ihren Willen ihren Heimatort verlassen mussten. Der Vorstoß des Linke-Politikers ist nicht nur bei der Spitze des BdZ positiv aufgenommen worden – weil er für die rot-rot-grüne Regierungskoalition von hohem Symbolwert ist; auch wenn er inzwischen im bürokratischen Klein-Klein der Abstimmung zwischen den verschiedenen Ost-Ländern angekommen ist und ihm Kenner der Gesetzeslage – innerhalb wie außerhalb Thüringens – kaum Chancen auf Erfolg einräumen. Zum anderen hat auch der Landesbeauftragte des Freistaats zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Christian Dietrich, Flucht und Vertreibung in und aus Thüringen zu seinem zentralen Thema für dieses Jahr erklärt.

Anders allerdings als es außerhalb der ehemaligen Grenzregion scheint, sind die Zwangsaussiedlungen und das Schleifen von Gehöften dort auch ohne den Ramelow-Vorstoß und ohne die Dietrich-Themensetzung niemals kein Thema gewesen. Das, was die DDR in Grenznähe hat er- und anrichten lassen, hat viele Menschen dort seit der Wende offenbar nie losgelassen. Auf ganz unterschiedliche Arten.

Die Präsidentin des BdZ, Marie-Luise Tröbs, beispielsweise verweist darauf, dass in Geisa, bereits eine Straße nach ihrem Vater – Georg Wagner – benannt worden ist. Ergänzt, erzählt Tröbs, werde das Straßenschild durch den Hinweis, das ihr Vater aus dem Ort 1961 zwangsausgesiedelt wurde; nachdem er seit Ende der 1920er Jahre dort gelebt hatte. Zudem erinnert Tröbs an eine Festveranstaltung im Jahr 2012 in der Kirche von Streufdorf im Landkreis Hildburghausen. Das Dorf hat in der Geschichte der DDR-Zwangsaussiedlungen eine ganz besondere Bedeutung: Als die SED-Oberen im Sommer 1952 Menschen von dort fortbringen lassen wollte, leisteten einige der Einwohner aktiven Widerstand gegen dieses Vorhaben. Sie läuteten die Kirchenglocke, um sich gegenseitig zu warnen. Sie errichteten Barrikaden. Sie luden bereits mit Möbeln bepackte Lastkraftwagen wieder ab. Heute erinnert ein Gedenkstein in Streufdorf an diese kleine Rebellion, die dem großen DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953 ziemlich genau um ein Jahr vorausging.

Kilian erzählt ebenfalls von Gedenktafeln, die der Rhönklub – ein hessisch-bayerisch-thüringischer Heimat- und Wanderverein – an vielen Stellen im Altkreis Meiningen aufgestellt hat, um an das Schicksal der geschleiften Höfe und ihrer Bewohner zu erinnern. Auch an ihre Neumühle hat schon einmal eine Gedenktafel erinnert, bis diese erst durch Vandalen zerstört, dann wieder aufgebaut und schließlich ein Opfer der Witterung wurde. Eines Tages, sagt Kilian, sei ein Bekannter auf sie zugekommen und habe gesagt, er wolle eine Tafel zur Erinnerung an das Gehöft aufstellen. Einfach so.

Mehr noch darf man aber wohl in dem großen Interesse an den Vorträgen Kilians einen Beweis dafür sehen, wie sehr die Geschichte der geschleiften Höfe im Speziellen und damit der DDR-Zwangsaussiedlungen im Allgemeinen die Menschen in der ehemaligen Grenzregion bis in die Gegenwart beschäftigt. Insgesamt etwa ein Dutzend Mal, sagt Kilian, habe sie in den vergangenen Jahren in der Rhön über Vertreibungen von den alten Höfen gesprochen. Immer ihren schwarzen Diakoffer im Gepäck. Manchmal hätten bei diesen Vorträgen die vorgesehenen Plätze im Zuschauerraum nicht gereicht.

Ältere und jüngere Menschen seien gleichermaßen gekommen: Menschen, die von den Zwangsaussiedlungen selbst in irgendeiner Art betroffen waren ebenso wie solche, die davon bislang noch nichts Genaues gewusst hätten. Und schon mehr als einmal, sagt Kilian, seien nach ihren Vorträgen Zuhören zu ihr gekommen, hätten sie gefragt, ob sie wisse, was aus dieser oder jenen Familie aus dieser oder jenen Straße in diesem oder jenem Dorf geworden sei. „Das berührt einen irgendwie“, sagt Kilian; ein Satz, der offen lässt, ob sie damit sich selbst oder ihr Publikum meint. Oder beides.

Tröbs kann von ähnlichen Erfahrungen berichten. Auch sie hat den Eindruck, dass die Erinnerung im ehemaligen Grenzgebiet an Zwangsaussiedlungen und Vertreibungen noch sehr lebendig sind – anders als oftmals im Hinterland der Grenzregion.

Trotzdem sind beide Frauen der Meinung, dass für diese Erinnerung in den Orten entlang der ehemaligen Grenze noch mehr getan werden muss; womit sich beide auch innerhalb der Debatte um eine Grundsatzfrage positionieren: Sollen in Zukunft eher zentrale Gedenkorte an SED-Unrecht wie etwa die Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt oder eher lokale, kleinere Gedenkorte überall im Freistaat weiter gestärkt werden? Freilich ließe sich sagen: Beides. Doch in Zeiten endlichen Ressourcen wird man Schwerpunkte setzten müssen. Tröbs und Kilian können sich gut vorstellen, einen solchen Schwerpunkt eher in die Fläche zu legen; etwa weil die Geschichte der Grenze für die Menschen in den ehemaligen Grenzregionen noch immer Teil ihrer alltäglichen Gegenwart ist.

Dass Kilian heute noch in Sülzfeld lebt – nicht einmal zwei Kilometer entfernt vom Standort der Neumühle, von der nur noch einige Grundmauern stehen –, hat ebenso mit Glück wie mit der Weitsicht ihrer Familie zu tun. Nachdem die Männer in zivil nicht länger sanften, sondern unverhohlenen Druck ausgeübt hatten, begann sich die Familie heimlich nach einem neuem Haus in Sülzfeld umzusehen. Um den Ort nicht völlig verlassen zu müssen, wenn die Vertreibung kam. Durch Zufall wurde dann gerade das Haus im Dorf verkauft, in dem Kilian noch heute lebt. Der Grund, den die Männer in zivil dafür angaben, dass die Neumühle nicht länger privat bewohnt bleiben sollte: Grenzgänger hätten in der Scheune des Gehöfts übernachtet. Nach dem, was Kilian erzählt, war deshalb der Moment, in dem dieser Satz zum ersten Mal fiel, vielleicht der eigentliche Anfang vom Ende der Neumühle. Denn wenn es um die Sicherung der Grenze ging, kannte das SED-Regime keinen Pardon. Das wussten sie nicht nur in der Rhön allzu gut.

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