Episode 7

„Jeder kann Diabetes entwickeln“ - Prof. Dieter Hörsch im Interview

In Deutschland gibt es sechs Millionen Diabetiker, die Dunkelziffer ist hoch. Prof. Dieter Hörschüber die Gefahren durch Diabetes, stumme Infarkte und ein paar einfache Regeln.

Prof. Dieter Hörsch

Prof. Dieter Hörsch

In Deutschland gibt es sechs Millionen Diabetiker, hinzu kommen geschätzte 2 Millionen Menschen, die zuckerkrank sind, ohne es zu wissen, meist über Jahre. Prof. Dieter Hörsch, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Endokrinologie an der Zentralklinik Bad Berka über die Gefahren, die Diabetes mit sich bringt, „stumme Infarkte“ und einfache Regeln für ein gesundes Leben.

Diabetes ist nicht sofort als heftiges Symptom zu spüren, ist nach Jahren unerkannter Diabetes schon alles zu spät, sind die Gefäße überhaupt noch zu retten?

Es ist prinzipiell unwahrscheinlich, dass ein Diabetes über viele Jahre unerkannt bleibt. Man wird diese Erkrankung bei einer Routineuntersuchung oder durch Symptome merken. Wenn man längere Zeit einen unerkannten Diabetes hat, entwickeln sich Folgeschäden z. B. an den Nieren, den Augen und auch an den Gefäßen. Es ist aber nie zu spät, um gegenzusteuern, z. B. mit guten Medikamenten, mit denen man den Blutzucker einstellen kann. Ganz wichtig ist es aber, den Lebensstil zu ändern. Das ist extrem schwierig. Doch schon kleine Veränderungen, wie z. B. 3 mal 30 Minuten körperliches Training, also straff Spazierengehen in der Woche, hilft. Auch eine leichte Diätumstellung wirkt Wunder. Wenn man es dann noch schafft, noch ein paar Pfunde zu verlieren, wenn man übergewichtig ist, dann verbessert sich die Stoffwechsellage schon erheblich. Je besser der Zucker eingestellt ist, umso weniger Komplikationen und damit auch Folgeschäden gibt es.

Welche Symptome sind Alarmsignale? Immer noch der große Durst, Acetongeruch und Erschöpfung?

Wir sehen diese Symptome nur, wenn sich der Zucker plötzlich entwickelt, weil es dann zu einer schlagartigen Ausscheidung über die Nieren kommt. Bei den meisten Patienten entwickelt sich das schleichend. Die Hausärzte sind in der Regel sehr sensibilisiert und kontrollieren gerade bei Patienten, die ein paar Pfund zu viel haben und im mittleren Alter sind, immer den Blutdruck und den Blutzucker, mitunter auch die Blutfette. Noch bessere Möglichkeiten bieten der Nüchternzuckertest und auch der Langzeit-Blutzuckertest. Damit kann man sehr früh erkennen, ob die Patienten an einer Vorstufe oder an Diabetes erkrankt sind.

Zu viel Süßes ist nicht immer der Grund für Diabetes, welche Art der Ernährung begünstigt den Typ 2-Diabetes und welche kann davor schützen?

Prinzipiell führt Zucker nicht zu Zucker. Das ist zu einfach gedacht. Die Risikofaktoren zur Entwicklung einer Diabeteserkrankung sind vor allem Bewegungsmangel und Übergewicht. Dabei spielt auch die Fettverteilung eine Rolle. Das Bauchfett hat Stoffwechseleigenschaften, die ungünstig sind. Etwas mehr auf den Hüften oder an den Oberschenkeln ist da nicht ganz so gefährlich. Letztlich ist es egal, ob man zu viele Bratwürste isst oder zu viel Kuchen – es kommt auf das Übergewicht und die Verteilung an – je höher das Übergewicht und je ungünstiger die Verteilung, umso größer ist das Risiko für Diabetes. Wenn Sie ganz schlank sind und viel Sport machen und dann viel Zucker zu sich nehmen, wie z. B. auch Leistungssportler wie Radfahrer, dann wird der Zucker verbrannt. Zucker ist dann gefährlich, wenn er nicht verbrannt, sondern in Fett umgewandelt wird. Wenn man allerdings bereits Diabetes hat, ist Zucker natürlich ein Risikofaktor.

Brauchen Diabetiker spezielle Produkte?

Davon ist man völlig abgekommen. Früher gab es süße Produkte für Diabetiker, mit Fruktose oder Zuckeraustauschstoffen. Heute weiß man, dass ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und z. B. Vollkornprodukten Effekte zeigt. Auch der Fettgehalt muss angepasst werden. Bei den Diabetikerprodukten ist es ja auch meistens so, dass es industriell hergestellte Produkte sind und diese sind generell nicht so günstig als selbst mit frischen Zutaten zu kochen oder auch zu backen.

Muss man heute an Diabetes sterben, wie gut lässt sich das Risiko für Schlaganfälle und auch Herzinfarkte mindern?

Beim Diabetes sind zwei Arten von Gefäßen betroffen, die großen und die kleinen Gefäße. Die großen Gefäße versorgen die unteren Extremitäten, also die Beine und natürlich das Herz. Je höher der Zuckerwert, umso schlechter ist das für die Gefäße. Auch die Blutfette müssen eingestellt sein. Bei Diabetespatienten versuchen wir auch frühzeitig abzuklären, ob es Engstellen und Verkalkungen gibt. Diabetes kann sich aber auch auf die kleinen Gefäße auswirken, das führt an den Füßen z. B. zu schlecht verheilenden Wunden. Prinzipiell gilt hier: Regelmäßige Bewegung kann die Erkrankung verlangsamen oder stabilisieren.

Kann Sport Diabetes heilen?

Nein, dieser Illusion sollte man sich nicht hingeben. Wenn man es allerdings schafft, so viel Sport zu treiben, dass die Risikofaktoren minimiert werden, z. B. das Gewicht stabilisieren oder abnehmen. Durch Bewegung wird zudem insulinunabhängig Glukose in die Muskulatur aufgenommen, das ist ein sehr erwünschter Effekt, weil die Patienten dann kein Insulin spritzen müssen. Prinzipiell kann durch eine Änderung des Lebensstils dem Altersdiabetes gut entgegengetreten werden. Im Ergebnis werden weniger und teilweise gar keine Medikamente benötigt. Das Gleiche gilt übrigens auch für den Blutdruck, Asthma oder andere chronische Lungenerkrankungen. Es ist immer möglich, etwas zu tun, auch wenn es schwerfällt. Hundebesitzer wissen das z. B. und profitieren gesundheitlich davon.

Bekommen nur unsportliche, ältere Übergewichtige Diabetes?

Nein, jeder kann Diabetes entwickeln. Wenn die Produktion des Insulins zurückgeht, verändert sich die Stoffwechsellage. Dies geschieht, wenn wir älter werden durch den Rückgang der Muskulatur und der Zunahme des Fettgewebes.

Der Trend geht ja immer mehr zur Selbstdiagnose oder –Kontrolle, z. B. mit Technik, die ein EKG oder den Puls misst. Was halten Sie von häuslichen Urintestungen mit Teststreifen?

Ich wusste gar nicht, dass es diese Teststäbchen noch gibt. Das Problem ist: Man braucht einen relativ hohen Zuckerwert, damit diese Stäbchen positiv reagieren. Je nach Konzentration des Urins ist das Ergebnis ungenau und damit unzuverlässig. Besser ist es einen Blutzuckertest zu machen, nüchtern oder als Zufallswert oder auch als Langzeitwert.

Bisher haben wir vom Typ 2-gesprochen, warum steigen die Zahlen der Typ 1-Diabetes bei Kindern so rasant?

Ja das weiß man leider nicht. Ich beobachte diese Entwicklung auch mit Sorge. Man weiß nur, dass die Zahlen ansteigen und zwar weltweit – es gibt dazu einige Arbeitsgruppen in Deutschland, die sich sehr intensiv damit beschäftigen, z. B. Risikofamilien untersuchen, Medikamentenstudien auswerten. Diese Arbeitsgruppen haben herausgefunden, dass frühe Beikost mit Getreideprodukten möglicherweise die Immunlage verändern und frühzeitig Reaktionen auslöst. Das sind bisher nur Vermutungen.

Das Thema „Diabetes – die stumme Gefahr“ – bezieht sich auch auf den sogenannten „stummen Herzinfarkt“, den Diabetiker häufiger erleiden. Was empfehlen Sie generell?

Das Tückische am Diabetes ist, dass auch das Nervensystem leidet. Das bedeutet: Man ist nicht so empfindlich. Normalerweise geht ein Herzinfarkt mit starken Schmerzen einher und die Patienten fahren ins Krankenhaus. Bei Diabetes empfinden die Betroffenen Müdigkeit, Abgespanntheit. Dabei geht bei einem solchen stummen Infarkt Herzgewebe verloren. Diabetesspezialisten und Hausärzte wissen das. Bei Diabetespatienten müssen regelmäßig auch die Blutgefäße am Bein überprüft, Herzleistung und Herzfunktion mit Ultraschall, EKG, MRT oder CT untersucht werden. Wenn man das weiß, kann man das gut behandeln.

Interview: Anke Geyer