Kiew. In der Ukraine herrscht große Solidarität mit Israel – doch der neue Krieg weckt auch Zweifel. Vor allem an den westlichen Partnern.

Der vergangene Samstag war ein glücklicher Tag für viele Kiewer Fußballfans – nicht allein deshalb, weil die ukrainische Fußball-Nationalmannschaft Nordmazedonien im Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft 2024 mit 2:0 schlug. Das Spiel wurde auch so früh angestoßen, dass die Menschen es in den Bars und Kneipen der Stadt verfolgen konnten. Das geht nicht immer. Aufgrund der nächtlichen Sperrstunde müssen die Lokale spätestens um 23 Uhr schließen.

Auch in der auf deutsches Bier spezialisierten Kneipe „Natürlich“ direkt neben der Prachtstraße Chreschtschatyk, auf deren Dach inzwischen neben der ukrainischen auch die israelische Fahne weht, wollten viele das Spiel verfolgen, die Nationalhymne mitsingen und sich laut über zwei ukrainische Tore freuen. „Es ist bisher ein schwieriges Jahr. Wir müssen uns damit abfinden, dass dieser Krieg noch sehr lange dauern wird“, sagt Maksym, ein leidenschaftlicher Fan von Dynamo Kiew, unserer Redaktion. „Tief im Herzen hat man darauf gehofft, dass vielleicht doch etwas Unerwartbares passiert, was das alles irgendwie verkürzt.“

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Der Mittdreißiger sorgt sich über den kommenden Winter, über möglicherweise neue russische Angriffe auf Energieanlagen. „Es gibt sicher bald wieder Stromabschaltungen“, sagt er. „Umso mehr schätzt man solche Momente, in denen man einfach abschalten und gemeinsam unser Team anfeuern kann.“ Sein Kumpel Walerij stimmt dem zu. „Wenn man gar nicht weiß, was morgen oder übermorgen passiert, hilft es wirklich sehr, sich zumindest im Hier und Jetzt ein bisschen zu freuen, zumal unsere Jungs unter dem neuen Nationaltrainer Serhij Rebrow tollen Fußball spielen.“

In der Ukraine herrscht große Solidarität mit Israel

Tatsächlich befindet sich die Ukraine in einer schwierigen Lage. Noch immer läuft im Süden die ukrainische Gegenoffensive. Zwar kommen die Ukrainer voran, doch es gibt keine großen Durchbrüche – und die Russen versuchen ihrerseits, etwa Richtung Awdijiwka im Bezirk Donezk vorzustoßen. Auch die politische Weltlage ist problematisch. Die faktische PiS-Niederlage bei der Parlamentswahl in Polen spielt Kiew zwar in die Hände, doch dass in der Slowakei eine anti-ukrainische Partei die Wahlen gewonnen hat, löst Besorgnis aus. Nun stellt die Eskalation in Nahost das Land vor ganz neue Unsicherheiten.

Werden die westlichen Partner der Ukraine auch noch Munition liefern, wenn sich der Nahost-Krieg hinziehen sollte?
Werden die westlichen Partner der Ukraine auch noch Munition liefern, wenn sich der Nahost-Krieg hinziehen sollte? © AFP | OLEKSANDR GIMANOV

Nach dem Angriff der Hamas herrscht sowohl in der ukrainischen Regierung als auch in der Zivilbevölkerung große Solidarität mit Israel – trotz seiner vergleichsweise neutralen Position in Bezug auf den russischen Angriffskrieg. Es gibt aber auch Befürchtungen vor einem längeren, sich ausweitenden Krieg in der Region – nicht unbedingt weil Kiew fürchtet, dass die Aufmerksamkeit für die Ukraine schwindet, sondern aus ganz praktischen Gründen. „Falls der Konflikt zeitlich begrenzt bleibt, sehe ich keinen Grund zur Sorge“, betont Kyrylo Budanow, Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, in ukrainischen Medien. „Sollte er sich aber in die Länge ziehen, wird es Probleme geben, genügend Waffen und Munition nicht nur an die Ukraine zu liefern.“

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Der Kiewer Politologe Petro Oleschtschuk glaubt zwar nicht, dass der Krieg in Israel große Auswirkungen auf die Ukraine haben wird, allerdings sieht er eine viel größere Gefahr. „Wichtig ist, welche Schlüsse die zivilisierte Welt ziehen wird“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die Zerstörung der internationalen Sicherheit wurde von Russland 2014 mit der Krim-Annexion angestoßen. Nun vereinen sich die undemokratischen Regime in einer neuen Achse des Bösen. Es ist nicht nur der Krieg der Ukraine: Sollte Russland Erfolg haben, gibt es nicht mehr nur vereinzelte Krisenregionen auf der Welt, sondern einige Dutzende.“

Ukrainische Bevölkerung ist unzufrieden mit Westen

Die Stimmung in der ukrainischen Bevölkerung sei laut Oleschtschuk, der auch für die Kiewer Denkfabrik Geeinte Ukraine arbeitet, weiterhin entschlossen, aber auch zunehmend schwierig – nicht zuletzt wegen einer gewissen Enttäuschung gegenüber den westlichen Verbündeten. „Der Westen hat viele Ressourcen, doch es gibt stets irgendwelche künstlichen Begrenzungen, rote Linien, während sich Russland selbst keinerlei Begrenzungen setzt und teils offen Terrorismus betreibt.“ Zwar werde viel über Zusammenhalt und Unterstützung, solange es nötig ist, geredet. Konkrete Taten würden dem aber nicht immer folgen.

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    Oleschtschuk verweist vor allem auf das Ungleichgewicht zwischen den beiden Ländern in Bezug auf ihre militärischen Mittel. „Russland hat weiterhin eine Flotte, sie haben Raketen, eine Luftüberlegenheit, mehr Technik, mehr Geld. Aber im Westen denken viele, dass die Ukraine leicht gegen Russland gewinnen müsste – und wenn etwas nicht so läuft wie erhofft, kommt schnell Kritik. Das nervt einige Menschen.“ So setze sich mehr und mehr der Eindruck fest, dass das primäre Ziel des Westens sei, komfortable Bedingungen für zukünftige Sicherheitsverhandlungen zu schaffen, statt der Ukraine im Abwehrkrieg zum Sieg zu verhelfen.

    „Wir wissen, dass wir uns zu 100 Prozent nur auf uns allein verlassen können“, sagt Fußballfan Maksym, bevor er am Samstagabend die Kiewer Kneipe verlässt. Und dann erklärt er in nur einem Satz das Dilemma, in dem die Ukraine steckt. „Die Weltpolitik ist manchmal zynisch – und natürlich machen sich unsere Partner überwiegend Sorgen um die eigenen und nicht um unsere Interessen.“ Die Ukraine werde aber so oder so weiterkämpfen, meint er entschlossen. „Davon hängt schlicht unsere Existenz ab.“

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