Erneut drei Hybriden geboren: Ohrdrufer Wölfin soll sterben

Erfurt  Schäfer wollen einen Antrag zur legalen Tötung der Ohrdrufer Wölfin stellen, die erneut Mischlingsnachwuchs hat. Unsere interaktive Karte zeigt, wo Wölfe und Hunde in Thüringen Nutztiere gerissen haben.

Foto: Carsten Rehder/dpa

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GW 267 F, auch als Wölfin von Ohrdruf bekannt, stehen spannende Zeiten bevor. „Ich werde am Freitag in der Arbeitsgruppe Wolf des Landesbauernverbands den Antrag auf Abschuss der Wölfin wegen artuntypischen Verhaltens stellen“, sagte Siegmar Arnold, Chef der Agroland Thörey, gestern unserer Zeitung.

„Sie ist eine der ganz seltenen Wölfe in Europa, die wahrscheinlich zum zweiten Mal Hybridennachwuchs bekommen hat. Sie weiß , wie man 1,20 Meter hohe Zäune, die als wolfssicher gelten, überwindet und bringt diese Jagdtechnik ihren Jungen bei“, begründet Arnold sein Vorhaben. „Außerdem bringt die Wölfin Schafe dazu, dass sie selbst den Schutzzaun von innen einreißen und sie dann freie Bahn für die Jagd hat. Ich habe das 2017 in Bittstädt selbst beobachtet.“

Interaktive Karte: Nutztierrisse in Thüringen

Es vergingen gestern wenige Stunden, da bestätigte plötzlich das Umweltministerium am Nachmittag, was Arnold bis dahin höchstens ahnen konnte.

Wölfin vom eigenen Hybridensohn schwanger

Die Wölfin habe wenigstens drei Halbwölfe geboren, Hybriden genannt, ließ Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) wissen. Es gebe Fotos zum Beweis. Doch anders als 2017, als GW 267 F sechs Mischlingswelpen gebar, ist der Erzeuger in diesem Jahr vermutlich kein Hund, sondern der eigene Hybridensohn, der im April 2019, kurz vor seinem zweiten Geburtstag, im Auftrag der Behörden erschossen worden war, um die genetische Reinheit der Wolfspopulation zu erhalten. Jetzt will das Ministerium die Welpen lebend fangen, um sie in dem dafür bereits vorbereiteten Bärenpark Worbis zu halten.

Unter den Schäfern in Thüringen wächst die Sorge, dass sich wiederholt, was sie 2017 zu erdulden hatten. Damals war die Ohrdrufer Wölfin das Raubtier mit den meisten Nutztierrissen in ganz Deutschland. Mehr als 80 Schafe und Ziegen gingen auf ihr Konto. Die Attacken begannen Anfang Juli 2017 und endeten erst im November, als die Schafe von den Weiden in die sicheren Winterställe getrieben wurden.

20 Attacken auf Nutztiere seit Februar

In diesem Jahr hat sich die Lage, vor allem rund um Ohrdruf, seit Mitte Februar allmählich zugespitzt. Mehr als 20 Attacken auf Nutztiere hat es seither gegeben. „Wolf mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auszuschließen“, heißt das dann in der Sprache des Landesamts für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN). Zunächst, da Schafe kaum im Freien waren, traf es Kälber. Erstmals wurden in diesem Jahr auch Fohlen gerissen. Im April, auch noch im Mai, gab es eine Serie von Wolfsangriffen auf die Fohlen von Crawinkels Bürgermeister Heinz Bley. Er stellte, zur Abschreckung, Esel auf die Koppeln, doch half das nicht.

Seit Ende Juni befinden sich die Rissgutachter des TLUBN fast im Dauereinsatz. Seit vier Wochen werden nicht mehr Kälber und Fohlen gerissen, sondern – abgesehen von einer Ziege und einer 16-jährigen Zuchtstute – Schafe.

Gestern: totes Schaf bei Schwabhausen. Vorgestern auch – wieder Kehlbiss. Seltsam erscheint jedoch eines: Der Angreifer tötet, frisst jedoch kaum Fleisch. Mal fehlt ein Kilogramm, mal sind es zwei. Einer Ziege riss ein Wolf den Brustkorb auf und Fleisch heraus, doch sie lief zunächst noch weiter mit der Herde. „Sie war aber so schwer verletzt, dass wir die Ziege töten mussten“, sagte der betroffene Schäfer.

Naturschützer gegen Tötung

Für Silvester Tamas, Sprecher der Arbeitsgruppe Wolf beim Naturschutzbund Nabu in Thüringen, gibt es keinen Grund, der Wölfin von Ohrdruf nach dem Leben zu trachten. „Sie zeigt kein artuntypisches Verhalten. Sie verhält sich wie ein Wolf. Es gibt überhaupt keine Auffälligkeiten“, sagte Tamas gestern unserer Zeitung. „Außerdem lässt sich genetisch nicht nachweisen, dass die Wölfin für die Vielzahl der Risse verantwortlich ist.“ Nur in Ausnahmefällen sei die „Täterschaft“ genetisch erwiesen. „Die Entnahme der Wölfin ist daher keine Option. Die Entnahme wäre strafbar.“

Vor etwa einem Jahr, sagte ein Schäfer unserer Zeitung, habe ein unbekannter Mann ihn angerufen. „Er sagte: Für 1000 Euro löse ich ihr Problem mit dem Wolf.“ Er habe abgelehnt, auf die Straftat hingewiesen und das Telefonat beendet, sagte der Schäfer. Das sei jedoch nicht der einzige Kontaktversuch dieser Art gewesen.

Seit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland im Jahr 1990 hat die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf 45 illegale Tötungen von Wölfen in Deutschland registriert. 279 Wölfe fielen Verkehrsunfällen zum Opfer, davon zwei in Thüringen.

Vor einem Jahr wurden in Deutschland 111 Wolfsreviere mit 75 Rudeln und 33 Paaren nachgewiesen. Ein Rudel besteht aus acht bis zehn Tieren.

Risse von Nutztieren 2019 in Thüringen

1. Wölfis

Kalb, 21.2.

Fohlen, 25.3.

2 Schafe, 1 Ziege, 15.7.

Schaf, 16.7.

Schaf, 17.7.

Schaf, 18.7.

2. Ohrdruf

Schaf, 15.7.

3. Crawinkel

Fohlen, 17. 4.

Fohlen, 6.5.

Fohlen, 24.5.

Pferd, 15.7.

4. Liebenstein

Fohlen, 19.3.

Fohlen, 22.4.

Fohlen, 27.4.

5. Schwabhausen

Schaf, 8.7.

Schaf, 22.7.

Schaf, 23.7.

6. Herrenhof

Schaf, 12.6.

7. Frankenhain

Kalb, 20.5.

Kalb, 11.7.

8. Espenfeld

5 Schafe, 30.6.

9. Gräfenroda

Kalb, 13.7.

10.Graitschen

6 Schafe, 16.7.

11. Jena

Schaf, 27.6.

12. Kahla

Schaf, 20.6.

13. Oepfershausen

Schaf, 16.7.

14. Birx

Kalb, 22.5.

15. Frankenheim

Kalb, 22.5.

16. Lichstedt

Kalb, 7.5.

17. Dröbischau

Ziege, 8.5.

18. Unterwirbach

Kalb, 27.3.

19. Großgeschwenda

Kalb, 15.3.

20. Köfeln

Damwild, 2.4.

21. Pferdsdorf

Pony, 20.6.

22. Sättelstädt

Kalb, 29.5.

23. Spichra

Kalb, 28.5.

24. Schwarzburg

Kalb, 9.2.

(Quelle: Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz)

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