Historiker Benz über Sarrazin: "Das ist Rassismus"

Hanno Müller
| Lesedauer: 3 Minuten

Prof. Wolfgang Benz (69) leitet das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Dort beschäftigt er sich auch mit dem Verhältnis von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Mit unserer Zeitung sprach er über Thilo Sarrazins Thesen.

Prof. Benz, wie ernst muss man Thilo Sarrazin mit seinen Thesen über Zuwanderung, Muslime und Juden nehmen?

Man muss ihn sehr ernst nehmen, weil er Sachen ausdrückt und an Ängste appelliert, die viele im Lande empfinden. So wird das auch am Stammtisch verhandelt. Deshalb kann man ihn nicht einfach als Menschen mit überzogenen Thesen abtun.

Man könnte seine Thesen mit dem Etikett "Populismus" versehen und ignorieren. Warum tut sich die Öffentlichkeit auch damit so schwer?

Das ist auch eine Frage an die Medien. Warum druckt der "Spiegel" ein Kapitel ab, warum teilt man die allgemeine Aufregung, warum sind schon 90.000 Bücher verkauft, ehe es erschienen ist. Die Rechnung "Rechtspopulismus - prominente Figur - geölte Medienmaschine" geht auf. Dann laufen alle auf den Marktplatz, um zu schauen, was los ist.

Ist Sarrazin nach seinen Äußerungen über die genetische Disposition von Juden und anderen Bevölkerungsgruppen für Sie ein Rassist?

Ich lehne es immer ab, jemanden als Rassisten oder Antisemiten zu etikettieren. Mich interessiert, was er bedient, was er sagt - und das ist bei Thilo Sarrazin Rassismus.

In Deutschland leben Menschen aus vielen Kulturkreisen. Warum geht es immer wieder gegen die Muslime?

Die Muslime sind die Modefeinde der letzten Jahre. Da gibt es die rührige Lobby der "Islamkritiker", die mit Appellen an die Überfremdungsängste der Menschen klarzumachen versuchen, dass die Muslime die Hauptfeinde Europas sind.

Welches Anliegen vermuten Sie hinter den Thesen von Thilo Sarrazin?

Ich weiß nicht, ob er aus Eitelkeit die Show sucht und nach dem Gegenwind, den er schon im vergangenen Jahr wegen etlicher Äußerungen hatte, nun reagiert und unbedingt recht haben muss.

Die Muslimin Necla Kelek verteidigt Sarrazin als verantwortungsbewussten Bürger, der bittere Wahrheiten drastisch ausspreche . . .

Frau Kelek ist jetzt die Vorzeige-Muslimin, die von allen Islamhassern als jemand vorgeführt wird, der es ja wissen muss. Das überzeugt ebenso wenig wie Sarrazins Behauptungen, seine Äußerungen seien wissenschaftlich bewiesen.

Sagt Sarrazin auch Richtiges, bloß mit falschen Worten?

Er sagt auf jeden Fall das, was viele Leute hören wollen. Das macht, was er sagt, aber nicht richtig. Wenn ich ein Unbehagen gegen muslimische Männer in der Straßenbahn habe, muss ich nicht von der Gebährfreudigkeit muslimischer Frauen oder von der Bedrohung des christlichen Abendlandes faseln. Aber genau so funktionieren Sarrazins Thesen.

Im Dritten Reich hieß es "Die Juden sind unser Unglück", jetzt sagt man "Der Islam bedroht uns". Sind Antisemitismus und Islamfeindlichkeit vergleichbar?

Es gibt Parallelen in der Organisierung von Vorurteilen gegen bestimmte Minderheiten, die dadurch stigmatisiert werden. Der Mechanismus, dass die Mehrheitsgesellschaft einen Blitzableiter hat für allerlei Gefühle, ist entscheidend.

Braucht man Gesetze gegen Rechtspopulismus?

Man darf weder Bücher noch Meinungen verbieten. Man muss den Populismus, der Demagogie solide vernünftige Aufklärung entgegensetzen und die Vernünftigen im Land erreichen.

Glauben Sie noch an diese Vernunft oder gewinnt am Ende doch der, der am längsten und lautesten schreit?

Ich muss dran glauben. Wenn sich das beruhigt hat, wird Sarrazin als Schreihals, Radaumacher und Bediener von Reflexen in der Mehrheitsgesellschaft entlarvt sein. Er wird vielleicht seinen Job verloren haben, sicher eine Menge Geld verdient haben mit den Büchern. Aber er wird als Tor dastehen und nicht als Lichtgestalt des 21. Jahrhunderts.