Thüringer Abgeordnete in Berlin (Teil 3): Die Ost-Versteherin

Berlin/Erfurt  Die erstaunliche Ausdauer der politischen Karriere von Katrin Göring-Eckardt.

Vom Geburtsort Friedrichroda über das Pfarrhaus in Ingersleben bei Erfurt in die große Politik: Katrin Göring-Eckardt (52).

Vom Geburtsort Friedrichroda über das Pfarrhaus in Ingersleben bei Erfurt in die große Politik: Katrin Göring-Eckardt (52).

Foto: Jörg Carstensen, dpa

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Die Stimme ist leise, freundlich, geduldig. Die Sätze sind allesamt druckfähig, müssen aber später, das ist die übliche Bedingung, noch einmal zur Pressestelle werden, um zurechtgedrechselt zu werden. Dazwischen ein Scherz, eine ironische Bemerkung: So laufen Gespräche zwischen Katrin Göring-Eckardt und Journalisten in aller Regel ab.

Das Ergebnis sind Antworten, die immer passgenau ausfallen. Auf die Frage, wie sie den neuerlichen Aufstieg ihrer Partei begründet, fasst Göring-Eckardt die aktuell geltende Sprachregelung rasch zusammen. „Die Volksparteien schrumpfen, sie stehen nicht mehr für den größeren Teil der Gesellschaft“, sagt sie. Parallel dazu habe sich ihre Partei neu sortiert. „Wir stehen offener zu unseren Forderungen, die durchaus radikal sind.“ Schließlich seien ja auch die Herausforderungen radikal, ob nun beim Tierschutz, der Mobilität oder der Klimakrise.

„Im Unterschied zu den meisten anderen Parteien haben wir einen Plan“, sagt Göring-Eckardt. „Aber wir zeigen gleichzeitig, dass wir diesen Plan mit Vernunft, Transparenz und Augenmaß umsetzen wollen. Deshalb haben wir in Hessen und Bayern auch so deutlich dazu gewonnen.“

Ein bisschen radikal, ansonsten aber grundvernünftig: Es ist, als habe die Partei sich das Wesen ihrer Fraktionsvorsitzenden kopiert. Denn wo andere sich schnell erhitzen oder kühl wirken, behält die Abgeordnete Göring-Eckardt, zumindest in der Öffentlichkeit, die mittlere Temperatur. Ob sie nun bei „Anne Will“ Christian Lindner abtropfen lässt oder im Bundestag die Bundeskanzlerin von der Seite angeht: Immer erscheint sie für ihre Ziele engagiert, aber doch nie wirklich aufgeregt.

Vielleicht ist dies ja eine Erklärung für die erstaunliche Ausdauer der politischen Karriere von Katrin Göring-Eckardt. Seit fast 20 Jahren, seit sei das erste Mal für die Thüringer Grünen in den Bundestag einzog, hält sie sich in höchsten Ämtern. Sie war Parlamentarische Geschäftsführerin, Fraktionsvorsitzende, Parlamentsvizepräsidentin und amtiert seit 2013 wieder als Chefin der Fraktion. Zwischendurch führte sie ihre Bundespartei als Spitzenkandidatin in zwei Wahlkämpfe.

In der Partei, ob nun in Thüringen und im Bund, wird sie dafür respektiert. Geliebt wurde sie jedoch nie. Wenn sie sich auf Parteitagen in irgendwelche Gremien wie den Parteirat wählen ließ, waren die Ergebnisse in der Regel so mittelprächtig wie ihre Reden vom Pult.

Das gilt auch für die Thüringer Partei, deren einziges Bundestagsmitglied sie ist. Alle vier Jahre wird sie wieder auf Platz 1 der Landesliste gesetzt. Es wäre eben selbst für die oftmals unberechenbaren Grüne absurd, eine Fraktionschefin abzuwählen – auch wenn sie längst nicht mehr ihren Lebensmittelpunkt in Thüringen hat.

Für die machtpolitische Stabilität sorgt ansonsten das Netzwerk, dass sich Göring-Eckardt seit ihrem Einstieg in der Politik vor fast 30 Jahren in Erfurt und dann in Berlin aufgebaut hat. In Thüringen geht sowieso nichts ohne sie. Minister, Landtagsfraktionschef, Parteivorsitzenden: Sie alle sind ihre Leute, einige waren einst ihre Mitarbeiter. Es gibt nur ein Problem: die Zukunft. Wären die Verhandlungen mit Union und FDP über eine Jamaika-Koalition nicht gescheitert, wäre Katrin Göring-Eckardt, die in der politischen Blase die meisten KGE nennen, jetzt Bundesministerin. Das war ihr großes Ziel.

Doch es kam anders. Die Grünen verharren in der Opposition, und Göring-Eckardt muss mit gerade einmal Anfang 50 plötzlich aufpassen, dass sie nicht bei der Älteren einsortiert wird. Jetzt, da eine neue, frische Parteichefin Annalena Baerbock mit 37 die grüne Erneuerung repräsentiert. Der zweite Parteichef Robert Habeck und ihr Co-Fraktionschef Anton Hofreiter sind zwar bloß drei bis vier Jahre jünger als KGE. Aber sie sind eben nicht seit zwei Jahrzehnten in der Bundespolitik unterwegs.

Göring-Eckardt hat für diese Situation natürlich die passende Formulierung bereit liegen. „Am Erfolg der Grünen wirken viele mit“, sagt sie. „Es gibt zwei super Parteivorsitzende, mit denen wir eng zusammen arbeiten.“ Man habe jetzt „einen Generationenmix“, in den sie ihre langjährige Erfahrung einbringe.

Zumal, da gibt es ja noch etwas. Göring-Eckardt ist die Einzige in der Spitze der Grünen, die in der DDR groß wurde, die wirklich versteht, wie diese Menschen aus jener Region funktionieren, die 1990 Beitrittsgebiet genannt wurde. Parteichefin Baerbock firmiert zwar als Ostdeutsche. Aber sie ist in Hannover aufgewachsen und wohnt erst seit ein paar Jahren in Brandenburg.

Göring-Eckardt, die über die evangelische Kirche und die Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ zu den Grünen geriet, repräsentiert damit den ersten Teil des Namen der Grünen, der nur selten mitgenannt wird. Doch er lautet immer noch „Bündnis 90“ und steht für den letzten, symbolischen Rest der alten DDR-Opposition im bundesrepublikanischen Politikbetrieb.

Außerdem: Der Aufstieg der Grünen zur neuen Volkspartei der radikalen Vernunft kann schwerlich gelingen, wenn man im Osten eine Kleinstgruppierung ist, die bei jeder Wahl um den Einzug in den Landtag fürchten muss. Die ostdeutsche Perspektive, sagt Katrin Göring-Eckardt, sei zu lange vernachlässigt und an den Rand gedrängt worden. „Die Folgen dieser Ignoranz können wir auch an den Wahlergebnissen ablesen.“

Die Ost-Versteherin ist also das neue Alleinstellungsmerkmal von KGE, das sie nun schon seit einer Weile betont. Sie gibt Interviews, in denen sie fein darauf hinweist, dass „Leute wie Herr Höcke“ aus dem Westen stammten und ansonsten vorsichtige Medienschelte übt. So sei, sagt sie, zwar viel über die Neonazis in Chemnitz gesendet und geschrieben worden, aber kaum über den zivilen Protest. Als danach wiederum Rechtsextremisten in Dortmund aufmarschierten, habe es nur deutlich weniger Berichte gegeben.

Göring-Eckardt spricht ihre neue Art der Öffentlichkeitsarbeit selbst an: „Was ich in den fast 20 Jahren im Bundestag selten gemacht habe, und davor erst recht nicht, das tue ich jetzt“, sagt sie. „Ich rücke zuweilen meine thüringische Herkunft in den Vordergrund.“

Selbstverständlich begründet die Abgeordnete ihr Engagement für den Osten vor allem inhaltlich: „Ich glaube, dass die Ostdeutschen vehemente Stimmen in Berlin benötigen, von Menschen, die auch die DDR erlebt haben und die krassen Umbrüche, politisch, wirtschaftlich und sozial, danach.“

Die deutsche Politik, sagt sie, brauche Menschen, die verstünden, wie es sei, sich abgehängt zu fühlen. Und sie brauche Menschen, „die auf Augenhöhe den Osten vertreten“.

Was Katrin Göring-Eckardt da nicht mehr nicht dazu sagen muss: Sie braucht Menschen wie Katrin Göring-Eckardt.

Unsere Serie

22 Abgeordnete aus Thüringen sitzen seit einem Jahr im Bundestag, acht von der CDU, fünf von der AfD, jeweils drei von Linke und SPD, zwei von der FDP und eine Abgeordnete von den Grünen.

Einige haben es nach oben gebracht, sind Fraktionsvorsitzende, Parlamentarische Geschäftsführer oder Parlamentarische Staatssekretäre.

Gleichzeitig vertreten sie in Ausschüssen, Fraktionen und in der Koalition die Interessen ihres Bundeslandes.

In den nächsten Monaten wollen wir sie vorstellen. Was tun sie im Parlament? Wie stehen sie zur aktuellen politischen Debatte? Was streben sie an?

Nächster Teil: Stephan Brandner (AfD)

Thüringer Abgeordnete in Berlin (2): Ralph Lenkert – Der Techniker der Politik

Thüringer Abgeordnete in Berlin (1): Mark Hauptmann – Vorwärts gegen den Strom

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