Thüringer Abgeordnete in Berlin (Teil 7): Thomas Kemmerich – Auf Abruf

Erfurt  Seit 2017 sitzt der FDP-Landesvorsitzende Thomas Kemmerich im Bundestag und hofft auf eine Rückkehr in den Thüringer Landtag.

Immer schön cool lächeln: Thomas Kemmerich. Archiv-

Immer schön cool lächeln: Thomas Kemmerich. Archiv-

Foto: Daniel Volkmann

Nach einer Weile, nachdem viel über Politik geredet wurde und auch ein wenig über Privates, soll Thomas Kemmerich die Frage beantworten, die seine berufliche Zukunft entscheiden könnte. Gesetzt den Fall, dass seine FDP an der nächsten Thüringer Landesregierung beteiligt ist: Wird dann er, der Landesparteichef, das Wirtschaftsministerium für sich beanspruchen?

Kemmerich, der oft so aussieht, als komme er gerade aus einem Karibikurlaub, sitzt in einem Erfurter Café, ein kleine Flasche stilles Wasser steht vor ihm auf dem Tisch. Er lächelt sein breites, immer ein bisschen schiefes Lächeln.

Natürlich antwortet er nicht wirklich auf die Frage, dafür ist er Politprofi genug. Er sei zwar sicher, sagt er nur, dass es seine Partei in den Landtag schaffe. „Doch was danach passiert, kann niemand vorhersehen.“

Das ist kein Ja, aber eben auch kein Nein. Und wenn man die Angelegenheit realistisch betrachtet, ist ja der Wiedereinzug ungewiss, in den Umfragen liegt die FDP nur sehr knapp über der Fünf-Prozent-Hürde.

Gegen Jamaika und Merkel

Bis sich also die Ministerfrage im wirklichen Leben stellt – bis zur Landtagswahl am 27. Oktober – bleibt Thomas Kemmerich ein Bundestagsabgeordneter. Seit eineinhalb Jahren pendelt er zwischen Thüringen und Berlin hin und her. Die ersten Monate nach der Bundestagswahl im Herbst 2017 hatte er vor allem damit zu tun, sich gemeinsam mit der liberalen Fraktion einzurichten. Schließlich hatte die FDP vier Jahre in der außerparlamentarischen Opposition verbracht und musste nun wieder völlig von vorne anfangen, mit Büros, Mitarbeitern und dem Alltagsgeschäft.

Parallel dazu liefen die Sondierungsgespräche mit Union und Grünen – die Kemmerich überaus kritisch sah. „Wir dürfen uns nicht zum Steigbügelhalter der CDU machen lassen“, sagte er, die letzte schwarz-gelbe Koalition habe als „Desaster“ für die FDP geendet. Allerdings richtete sich seine Abneigung insbesondere gegen Angela Merkel. „Wer sich mit dieser Bundeskanzlerin ins Bett legt, kommt darin um“, sagte er.

Doch nachdem wunschgemäß die Sondierungen für das sogenannte Jamaika-Bündnis scheiterten, sitzt Kemmerichs FDP in der Opposition, in der die Bänke bekanntlich besonders hart sind. Die Gesetze werden allesamt von CDU, CSU und SPD gemacht. Wenn es nicht gerade um eine Verfassungsänderung wie für den Digitalpakt geht, sind die Liberalen nicht gefragt.

Dennoch möchte der Abgeordnete nicht klagen. Er sitze, sagt er, in seinem Lieblingsausschuss, dem für Wirtschaft und Energie. „Ich finde die Arbeit dort hoch spannend.“ Zuweilen seien dort Konzernchefs eingeladen oder Experten. „Vor allem in der Dieselaffäre konnte ich mal richtig hinter die Kulissen schauen.“

Sechs kurze Reden hat er laut der Datenbank des Bundestags gehalten, darunter zur Wiedereinführung der Meisterpflicht oder zum neuen Gesetz über die Akkreditierungsstellen, die wiederum Zertifizierungsstellen wie den Tüv kontrollieren. Es wurde natürlich trotz der Kritik Kemmerichs („Schaden für den Verbraucher, Schaden für die Wirtschaft“) von der Koalitionsmehrheit beschlossen.

Die Gesetzesnovelle, sagt der Abgeordnete, sei ein eindrückliches Beispiel für die Überregulierung in Deutschland. Sein wichtigstes politisches Ziel sei es deshalb, die Bürokratie für die Unternehmen zu mindern.

Auch der Rest der Forderungen, die er im Café vorträgt, entspricht dem klassischen, wirtschaftsliberalen Kanon: Steuern senken oder, wie beim Solizuschlag, ganz abschaffen, die Digitalisierung beschleunigen, den Mittelstand stärken.

Zu diesem Mittelstand gehört Kemmerich selbst. Er ist Chef einer Friseurkette mit, wie er sagt, 150 Mitarbeitern und fünf Millionen Euro Jahresumsatz. Das heißt, genau genommen ist er Vorstandsvorsitzender einer Aktiengesellschaft, die 20 Geschäfte in Thüringen besitzt – und sogar zwei an seinem parlamentarischen Arbeitsort Berlin.

Nebenher hat der Unternehmer eine alte Weimarer Uhrenmarke reanimiert. Eines der nicht ganz billigen und nicht ganz schmalen Produkte, die allerdings in Antwerpen gefertigt werden, trägt er am Arm.

Kemmerich ist das, was man einen Wossi nennt. Geboren 1966 in Aachen, studierte er in Bonn Jura und absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Im Sommer 1989 reiste er das erste Mal zur Verwandtschaft eines Studienfreundes in die südliche DDR. Nach dem Mauerfall, am 11.11., kam er dann nach Erfurt, um zu bleiben.

Er gründete eine Unternehmensberatung und bastelte bald aus einer Produktionsgenossenschaft und den Rudimenten des DDR-Dienstleistungskombinats seine Friseurfirma zusammen. Das Private: Er heiratete eine Hiesige, sechs Kinder werden geboren, drei Töchter, drei Söhne, die Großen studieren inzwischen längst. Der Rest war der Erfurter Karneval, in dem Kemmerich zu einer Art Multifaschingsfunktionär wurde.

Erst mit 40 in die FDP

In die FDP trat Kemmerich erst 2006 ein, mit 40 – um dafür aber umso stärker nach oben zu drängen. Sofort wurde er Landeschef der parteinahen Mittelstandsvereinigung, ein Jahr später übernahm er den Vorsitz im mächtigen Kreisverband Erfurt.

Auf dem Listenplatz 3 gelangte er 2009 als Abgeordneter in den Landtag, wo er in Nadelstreifen und Cowboystiefeln gerne den Vorkämpfer gegen Linke, Grüne und Mindestlohn gab. Seine Friseurfirma führte er da schon nur noch formal, „eher wie ein Aufsichtsratschef, wie er sagt, nicht wie ein Vorstand.

Dem historischen Rauswurf der FDP aus dem Bundestag 2013 folgte ein Jahr später der parlamentarische Exit in Thüringen. Nach einigem innerparteilichen Hin und Her schaffte es Kemmerich immerhin, sich Ende 2015 den Landesvorsitz zu sichern – und damit später auch die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2017.

Schon damals sagte er, dass Berlin für ihn nur ein Zwischenspiel bleiben solle, aus politischen, aber auch aus familiären Gründen. Das eigentliche, das zentrale Ziel sei für ihn die Rückkehr in den Landtag, natürlich unter seiner Führung.

Und so steht Thomas Karl Leonard Kemmerich längst auf Platz 1 der Landesliste, als FDP-Chef, Bundestagsabgeordneter und Minister auf Abruf.

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