"Iphigenie in Aulis" von Euripides in Gera aufgeführt

Gera. Dieter Nelle inszeniert die "Iphigenie in Aulis" als einen Diskurs, der eindrücklich über Macht und Fanatismus debattiert.

Katharina Weithaler als Klytaimnestra und Henning Bäcker als Achill. Foto: Theater

Katharina Weithaler als Klytaimnestra und Henning Bäcker als Achill. Foto: Theater

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Die schwarzen Boote liegen da wie große gestrandete Tiere, hilflos und gefährlich. Und die junge Frau in dem blutrot gefleckten weißen Gewand tobt gegen die eiserne Wand, die ihr den Ausgang verwehrt. Und der Mann, der jetzt da auf dem steinernen Hügel kniet, schreibt einen dringlichen Brief. Es wird ihnen nicht helfen, der Brief wird nicht ankommen, die Frau keine Rettung finden.

Dieter Nelle inszeniert "Iphigenie in Aulis" als Diskurs - und beschreibt damit ziemlich genau die Eigenart von Euripides, des jüngsten (480/406 v."Chr.) der großen griechischen Tragödiendichter: Die Welt ist unsicher geworden, der Mensch einem unbeherrschbaren Schicksal unterworfen, was die Götter beschließen, folgt keinem vernünftigen Grunde mehr. Das vom Vater verlangte Opfer der Tochter wird diskutiert, nicht zelebriert. Man kann es beklagen - ändern kann man es nicht.

So wie die beiden Männer es nicht ändern können. Agamemnon (Bruno Beeke) und Menelaos (Manuel Kressin), sie haben beide Recht, jeder auf seine Weise. Menelaos erkennt die Schizophrenie des Bruders zwischen Vaterliebe und Machtliebe: Als das Orakel den Tod der Tochter forderte, für den Wind nach Troja, da war der Feldherr stärker als der Vater. Und Agamemnon führt die Rede des Bruders auf ihren Grund zurück: Nicht um Volk und Vaterland ist es ihm zu tun, es ist, weil seine Frau im fremden Bette liegt.

Beide Schauspieler führen, sehr überzeugend, eine gleichwertige Debatte, und das ist das Konzept der Inszenierung: Sie führt uns die Figuren nicht, wie eben erst in Rudolstadt, als Karikaturen vor, sie nimmt sie ernst. Und bezieht daraus eine geistige Spannung, eine darstellerische Intensität, die den stark applaudierten Abend tragen.

"Den Plänen der Götter bin ich unausweichlich ausgeliefert" übersetzt Ulrich Sinn, nicht Schiller, dessen Sprache eine sanfte und zugleich stringente Vergegenwärtigung ist, die die Vorgänge handhabbar macht, ohne sie zu banalisieren. Und so sind die nicht antiken Kostüme von Mikro Hensch, so ist die Inszenierung von Dieter Nelle im Ganzen: Sie holen die Geschichte vom entrückenden Kothurn, aber sie belassen ihr die Größe und die Kraft.

Die kichernden Groupies der griechischen Helden

Der Chor, geführt von Vanessa Rose als bildungsbeflissene Reiseleiterin, ist eine Gruppe von Touristinnen auf Aulis, Groupies der griechischen Helden, wuschig auf die wahren Männer. Sie trippeln mit verteilten Texten über Aulis, das hat Witz - und es beschädigt nirgendwo den Vorgang. Achill (Henning Bäcker), meist eine Witzfigur, ist hier ein Junge, der stärker ist, als er reif scheint, Kraft, gebändigt durch Empfindsamkeit, unsicher in allem, was nicht Krieg ist.

Und Klytaimnestra, Frau und Mutter. Katharina Weithaler zunächst souverän-entspannt, sie ist die Gattin des Feldherrn. Wenn sie erfährt, dass der Mann die Tochter töten will, dann bebt und schreit sie stumm. Und hier verlässt die Inszenierung die Ebene der gleichwertigen Debatten. Katharina Weithaler gewinnt, wenn sie die Tochter verteidigt, eine Präsenz, sie führt die Szene, wie es Dieter Nelle vorher keiner Figur gewährt: Weil sie jenseits allen Zweifels, im Recht ist. Nicht hysterisch - kraftvoll, eindringlich beschwört sie ihren Mann: Gib nach! Unsere Tochter.

Die ist, Nora Undine Jahn, zunächst unbedarftes junges Mädchen. Dann fleht sie, drückt sich an den Vater, schreit "Was geht uns denn der Paris an!" Die beiden Frauen zeigen uns, was von den Männern zu halten ist. Und hier gewinnt auch Bruno Beeke die Höhe und seine Verzweiflung ist: Er kann nicht anders.

Dann geschieht, was kaum begreiflich und schwer erzählbar ist: Iphigenie will sich opfern. Weil das Heer im Hintergrund Blut schreit, weil sie in jedem Falle sterben muss? Die Inszenierung weiß es nicht. Es ist so, weil die Welt und die Menschen so waren. Waren? "Du kannst den Krieg nicht wollen, wenn du die Opfer scheust!", das ist ein Satz, sehr von heute her. Und dann spielt Nora Undine Jahn sehr eindrucksvoll die Radikalisierung einer jungen Frau im Zeitraffer. "Zerstört Troja!" fordert sie im Tod, kalt und unbarmherzig. Es ist der Hass, ein Ton, der durch die Zeiten hallt. Von Aulis bis Afghanistan.

Nächste Vorstellung: 4. Mai, Kartenpreise von 17 bis 24 Euro

Bild 1: Henning Bäcker als Achill und Katharina Weithaler als Klytaimnestra.Foto: Theater