Gehör verschaffen im Orchester des Landes

Marius Koity über das meistbeworbene Pößnecker Kulturprojekt jüngerer Zeit.

Carsten Liesenberg ist eines der jüngsten Pößneck-Bücher zu verdanken.

Carsten Liesenberg ist eines der jüngsten Pößneck-Bücher zu verdanken.

Foto: Sascha Fromm / TA

Das meistbeworbene Pößnecker Kulturprojekt jüngerer Zeit war das Tessenowjahr 2019. Und versucht man da einen ehrlichen Rückblick, kommt man nicht umhin festzustellen, dass es den meisten Einheimischen herzlich egal war, was rund um die Erinnerung an das Leben und Pößnecker Werk des Reformarchitekten Heinrich Tessenow (1876-1950) angeboten wurde. Einzelne sprechen sogar von rausgeschmissenem Geld.

Solche Leute dürften sich bestätigt fühlen, wenn sie nun lesen, dass in der knapp sechsmonatigen Tessenow-Doppelausstellung mit Sonderschau im Stadtmuseum und Schauwohnung in der Neustädter Straße 101 exakt 879 zahlende Besucher gezählt wurden. Dem steht allein aufseiten der Stadt ein Aufwand von knapp 30.000 Euro, davon 22.000 Euro Fördermittel des Landes gegenüber.

So spezielle Themen und komplexe Projekte wie das Tessenowjahr dürfen nicht auf einige wenige Zahlen reduziert werden, findet die Pößnecker Kulturamtsleiterin Julia Dünkel. Zum einen weil es keine Vergleichswerte gebe. Zum anderen weil die Langzeitwirkung unterschätzt werde. Zum dritten weil es höhere Ziele gebe als nur den Publikumserfolg.

„Für uns stellt sich doch die Frage, wie wir uns als als kleine Stadt abseits der A4 Gehör verschaffen können im Orchester des Landes“, sagt Dünkel. „Und die Antwort lautet, dass wir eine Wahrnehmung nur über unsere Alleinstellungsmerkmale wie Zechsteinriffe und Tessenow erreichen.“ Für die Kulturamtsleiterin steht das Tessenowjahr 2019 in einer Reihe mit überregionalen Pößnecker Angeboten wie Thüringentag 2015 und Landesindustriekulturschau 2018.

„Menschen, die nie etwas mit Pößneck zu tun hatten, sprechen jetzt über uns und wollen wiederkommen“, bilanziert Dünkel. Eine architekturgeschichtlich interessierte Bildungsreisegruppe aus München, Studenten aus Hannover, Schüler aus Polen hätten bewusst wegen Tessenow den Weg in die Stadt gefunden. Dokumentiert seien auch Gäste aus Frankreich und Österreich. Bleibendes sei mit dem Buch „Die Tessenow-Siedlungen in Pößneck“ von Carsten Liesenberg geschaffen worden, weitere Schriften würden folgen.

Wie geht es denn weiter mit der aufwändig restaurierten Schauwohnung? Unabhängig vom „Sturm im Wasserglas“ der Grüne/SIP-Fraktion im Stadtrat, so Dünkel, werde an einer „touristischen Nachnutzung“ gearbeitet. In diesem Sinne sollen Fördermittel beantragt werden. Denn bevor auch nur ein Euro von wem auch immer eingenommen werden könne, müssten vielleicht 20.000 Euro in die stilechte Ausstattung der zu 75 Prozent unmöblierten Wohnung investiert werden. Wenn’s gut werden soll, könne da so schnell gar nichts passieren.

Andererseits könnten die touristischen Pläne jederzeit platzen. Denn für die Grundstücks- und Wohnungsgesellschaft Pößneck/Triptis mbH, die unter Vermietungsdruck steht, ist die Schauwohnung nunmehr nur eine Wohneinheit wie ihre übrigen 2000 auch. Freilich, Tessenow war ja auch kein Architekt für planmäßigen Leerstand.