Justiz / Erziehung

Nimritz-Prozess vor dem Finale

Gera/Nimritz.  Wahrnehmungen der Rechtsanwälte über den bisherigen Verlauf des Mammutprozesses am Verwaltungsgericht Gera sind völlig gegensätzlich.

Rechtsanwältin Sabine Kraft-Zörcher, Bürgermeister Peter Graetsch, Rechtsanwalt Arne Dorow, Gemeinderat Helmut Müller und Elternsprecher Jan Lahann, hier zu Beginn der Verhandlung am Verwaltungsgericht Gera im Sommer, harren der Dinge, die da kommen.

Rechtsanwältin Sabine Kraft-Zörcher, Bürgermeister Peter Graetsch, Rechtsanwalt Arne Dorow, Gemeinderat Helmut Müller und Elternsprecher Jan Lahann, hier zu Beginn der Verhandlung am Verwaltungsgericht Gera im Sommer, harren der Dinge, die da kommen.

Foto: Marius Koity

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Nach der siebenten und voraussichtlich vorletzten öffentlichen Verhandlung rund um den kommunalen Kindergarten aus Nimritz am Verwaltungsgericht Gera sind die Wahrnehmungen über den bisherigen Verlauf des Prozesses gegensätzlich.

Gerald Schulte-Körne, Rechtsanwalt des Thüringer Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport, sieht die schwerwiegendsten Vorwürfe bestätigt. Aus seiner Sicht habe die Beweisaufnahme „viele Anhaltspunkte“ ergeben, wonach die ministeriell ausgesprochene Suspendierung der Erzieherinnen N. und S., wogegen sich die beiden Frauen am Verwaltungsgericht wehren, richtig sei. „Es geht dem Freistaat um die Interessen der Kinder und es ist bedauerlich, dass der Bürgermeister und die Eltern das nicht verstehen“, richtete Schulte-Körne im Gespräch mit dieser Zeitung noch an die Nimritzer, die im Gerichtssaal wieder zahlreich anwesend waren.

Urteil soll am 13. Dezember gesprochen werden

Sabine Kraft-Zörcher, die an der Seite von Bürgermeister Peter Graetsch die Gemeinde Nimritz vertritt, sieht viele Vorwürfe hingegen nicht bestätigt. In einem kurzen Resümee vor dem großen Finale des Prozesses betonte sie die Widersprüche, die sich zu verschiedenen Sachverhalten aufgetan hätten. „Es hat sich ja auch gezeigt, dass Dinge einfach nicht stattgefunden haben“, so Kraft-Zörcher.

Ihre Positionen werden die beiden Rechtsanwälte gemeinsam mit ihrem Kollegen Arne Dorow, welcher N. und S. vertritt, am 13. Dezember ausführlich darlegen. Am selben Tag will der Vorsitzende Richter Siegfried Sobotta auch das Urteil der fünfköpfigen Kammer verkünden.

Zwar wird heute in zwei Wochen nach dem Willen des Bildungsministeriums noch eine eigentlich unbeteiligte Pößneckerin als weitere Zeugin gehört. Etliche weitere Beweisanträge beider Seiten, insbesondere von Schulte-Körne, hat das Gericht allerdings abgelehnt, weil sie nicht zur Erhellung von Sachverhalten beitragen könnten.

Kein Verständnis hatte Sobotta beispielsweise für mehreren ministeriell gewünschte Sachverständigengutachten. Die Kammer sei sehr wohl in der Lage, eine Kindeswohlgefährdung ohne Hinzuziehung spezieller erziehungswissenschaftlicher Betrachtungen zu erkennen, sagte der Vorsitzende Richter in einer seiner Ablehnungsbegründungen.

Schulte-Körne wollte auch die ehemalige Nimritzer Erzieherin Ne., die das Verfahren gemeinsam mit ihrer Ex-Kollegin H. im Frühjahr ins Rollen gebracht hatte, noch einmal hören. Hierzu gebe es keinen Grund, sei sie doch schon mehr als sieben Stunden lang vernommen worden, reagierte Sobotta. „Ich frage mich, welche Strafkammer einen solchen Aufwand betreibt“, sagte er, sein Unverständnis für jeden Versuch ausdrückend, den Mammutprozess weiter in die Länge zu ziehen.

Am Freitag wurden ansonsten eine 39-jährige Mutter und noch einmal die Kindergartenleiterin Diana Zillig gehört.

Zeugin fühlt sich „unter Druck gesetzt“

Die 39-jährige Frau hatte rund dreizehn Jahre am Stück nacheinander ihre drei Kinder dem Nimritzer Zwergenland anvertraut. Nie habe es ein Problem gegeben, bis kurz vor Schluss, als S. ihrem jüngsten Sohn zur Disziplinierung auf die Finger geschlagen habe. S. habe das sofort eingeräumt und sich entschuldigt, und damit sei die Angelegenheit erledigt gewesen. Dass die Geschichte nun von Dritten aufgewärmt werde, konnte sie nicht verstehen. „Es gibt Eltern, die suchen permanent, die kratzen in den Fugen, um überhaupt etwas zu finden“, fasste die 39-Jährige zudem Erfahrungen aus ihrer Zeit als Elternsprecherin des Zwergenlandes zusammen. Schließlich gab sie zu Protokoll, dass sie von Ne. und einer anderen Mutter „unter Druck gesetzt“ worden sei, den Vorfall mit ihrem Sohn jetzt noch dem Bildungsministerium zu melden.

Zillig widersprach, dass es in der Kita irgendwelche Anordnungen gegeben habe, wonach die Kinder beim Einschlafen eine bestimmte Position einnehmen mussten oder während der Mittagsruhe nicht auf die Toilette durften. In einer persönlichen Erklärung wies sie die Aussage einer Mutter zurück, wonach in ihrer Einrichtung „Schlagen auf der Tagesordnung“ gestanden hätte.

Für den Nimritzer Bürgermeister Peter Graetsch steht nach der vielen vor dem Verwaltungsgericht verbrachten Zeit fest, dass es in der kommunalen Kita keine Kindeswohlgefährdung gegeben habe. Im Gespräch mit dieser Zeitung kündigte er für die Zeit nach dem Verfahren bauliche und vielleicht auch organisatorische Veränderungen im Zwergenland an.

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