TA-Sporttalk  „Im Steigerwaldstadion“: Oberhof kurz vor der Biathlon-WM

Erfurt   Biathlon-Olympiasiegerin Katrin Apel und Organisationschef Silvio Eschrich über die Helferschar, schlechtes Image und Talente.

Olympiasiegerin Katrin Apel, die als ehrenamtliche Helferin dabei ist, und Silvio Eschrich als Organisationschef freuen sich auf den Biathlon-Weltcup.

Olympiasiegerin Katrin Apel, die als ehrenamtliche Helferin dabei ist, und Silvio Eschrich als Organisationschef freuen sich auf den Biathlon-Weltcup.

Foto: Frank Steinhorst

Silvio Eschrich ist erleichtert. Der Wetterbericht verspricht gute Wintersport-Bedingungen. Der Organisationschef des Biathlon-Weltcups in Oberhof kann sich mit seiner Crew darauf konzentrieren, die größte Thüringer Sportveranstaltung des Jahres ab morgen zu einem Fest werden zu lassen. Mit dabei ist Katrin Apel. Die Olympiasiegerin, inzwischen Vorsitzende des SV Eintracht Frankenhain, arbeitet hinter den Kulissen als eine von 800 freiwilligen Helfern. Beide sprechen mit den Moderatoren Marco Alles und Gerald Müller im Sporttalk von Thüringer Allgemeine, Salve TV und thueringen24.de über die Bedeutung der Veranstaltung für die Region, das Oberhofer Image, die WM 2023 und das Ringen um den Nachwuchs.

Weltcup-Faszination

Katrin Apel: Ich bin 1995 das erste Mal im Weltcup gelaufen. 1996 muss es wohl gewesen sein, als ich dann das erste Mal in Oberhof angetreten bin. Danach war ich immer dabei. Nur in meinem letzten Jahr habe ich gefehlt, weil ich krankheitsbedingt absagen musste. Das Schöne an Oberhof ist immer die Begeisterung der Zuschauer. Man kann auf der Strecke kaum verschnaufen, weil man ständig angefeuert wird. Das fachkundige Publikum macht es besonders.

Oberhofer Image

Silvio Eschrich: Es menschelt immer noch zu wenig. In anderen Regionen – ob nun im Schwarzwald, im Harz oder im Bayerischen Wald – dort steht die Region insgesamt mehr zusammen. Und die sind sich untereinander einiger. Die wissen, wenn ich eine Leistung nicht bieten kann, dann habe ich eine Telefonnummer mit jemandem, der es kann. Und von dort kommt auch wieder etwas zurück. Und dann haben alle zufriedene Gäste, die nach Hause fahren und es weitererzählen. Die kommen dann auch wieder. Von dem Punkt des Kommunizierens und des Miteinanders sind wir noch ein Stück entfernt in Oberhof. Wir versuchen als Weltcup-Ausrichter unseren Teil dazu beizutragen, damit das Eis gebrochen wird und alle miteinander reden. Aber das ist ein Prozess, der dauert länger.

Katrin Apel: Man spricht ja immer so schön über Thüringer Gastlichkeit. Südtirol, die haben vielleicht auch eine andere Mentalität. Speziell Antholz habe ich immer als sehr freundlich empfunden. In Oberhof ruhen sich zu viele auf den Sachen aus, die vor vielen Jahren mal waren. Gerade zu DDR-Zeiten ist ja in Oberhof sehr viel investiert worden. Die Zeit ist aber eine andere. Man muss auch mit der Zeit mitgehen. Ich würde mir wünschen, dass es ein besseres Gesamtpaket für Familien gibt, die zum Beispiel nicht das teure Hotel suchen, sondern eine Ferienwohnung, wo sie sich selbst versorgen wollen. Was will ich mit der Familie machen, wenn ich nicht den ganzen Tag wandern will? Dann habe ich noch die Therme, wo ich hingehen kann. Dann wird es schon eng. Da muss mehr geboten werden.

Wetterkapriolen

Katrin Apel: Der Schnee ist das kleinste Problem. Der Wind am Schießstand ist das Problem, mit dem der Athlet zu kämpfen hat. Nebel ist bis zu einem bestimmten Punkt händelbar. Ich kenne aber auch Rennen, wo man nichts gesehen hat. Damals hat man sich sehr schwer getan, Rennen abzusagen oder zu verschieben. Da tut man sich heute leichter, bei widrigen Bedingungen einen Wettbewerb auch mal abzusagen. Das finde ich fairer im Sinne des Sports.

Neuerungen

Silvio Eschrich: Es war der Wunsch der Zuschauer, eine bessere Qualität der Videowand hinzubekommen. Das konnte der Dienstleister umsetzen. Wir haben jetzt fast HD-Qualität. Wir haben in der Arena aus den zwei kleinen Videowänden eine Große gemacht, die etwa 85 Quadratmeter misst.

youtube

Helferschar

Katrin Apel:Ich gehöre nicht zu denen, die in Zelten stehen und Sponsoren betreuen. Ich bin lieber diejenige, die anpackt. Mein Lebensgefährte ist der Kampfrichter-Obmann des Weltcups. Er muss jeden Tag mehr als 100 Kampfrichter einteilen. Dort arbeite ich im Büro. Da bin ich der Joker für alles. Ich kenne ja all die Sportler. Ich bin da, wo ich gebraucht werde. Es macht mir Spaß, im Helferzelt zu sitzen und mich mit den Helfern zu unterhalten. Ich genieße das einfach.

Silvio Eschrich: Wir haben 21 Mitgliedsvereine im Wintersportförderverein, die ihre Leute zum Weltcup nach Oberhof schicken. Das sind pro Wettkampftag etwa 650 ehrenamtliche Helfer. Dazu kommen noch mal 140 bis 160 Helfer, die im Hüttendorf an den Vereinshütten aktiv sind.

Wirtschaftskraft

Silvio Eschrich: Als der Weltcup 2016 nicht in Oberhof stattgefunden hat, sondern wegen der Witterung nach Ruhpolding verlegt wurde, da haben viele gemerkt, welche Einnahmen verloren gegangen sind und wie wichtig der Weltcup auch für das Umfeld von Oberhof und die ganze Region ist.

Katrin Apel: Man darf nicht die Vereine vergessen, die eine Verkaufshütte während des Weltcups aufgebaut haben. Es war für einige schwierig, über das Jahr zu kommen, weil die Einnahmen eben gefehlt haben.

Silvio Eschrich: Manche Vereine sprechen davon, dass sie zwischen 40 und 50 Prozent ihres Budgets für den Nachwuchssport über die Einnahmen aus dem Weltcup absichern.

Zukunftschancen

Silvio Eschrich:Wir haben die Zusage des Weltverbandes, dass wir bis einschließlich 2022 Weltcup-Ausrichter sind. Und dann kommt 2023 ja die Weltmeisterschaft. Auf alle Fälle werden wir durch die Umbaumaßnahmen in der Lage sein, dass wir wieder die A-Lizenz bekommen. Das ist die wichtigste Voraussetzung, bei der IBU auch in Zukunft für einen Weltcup berücksichtigt werden zu können.

Investitionen

Silvio Eschrich: Es werden noch im Jahr 2019 im ersten Bauabschnitt über den Blöcken A bis D neue Zuschauertribünen geschaffen, die 3300 bis 3500 Personen fassen können. In der Höhe des Beschneiungsteiches und der Skihalle wird ein zusätzlicher Bushalt entstehen, wo gleichzeitig sechs Busse anhalten können. Damit haben wir einen zweiten wichtigen Zugang, den wir hoffentlich beim Weltcup 2020 zum ersten Mal ausprobieren können.

Thüringer Talente

Katrin Apel: Beim Nachwuchs haben wir noch Luft nach oben. In den unteren Jahrgängen, bevor die Kinder ans Sportgymnasium kommen, muss die Arbeit professioneller gestaltet werden. Kinder und Jugendliche sind da. Aber es ist oft sehr schwierig, wenn ich Übungsleiter habe, die eben noch einen Job haben. Wir brauchen mehr, die professionell als Trainer arbeiten. Vieles scheitert auch am Geld. Da sind Bayern und Baden-Württemberg viel besser aufgestellt. Wir haben hier eben nicht die Lohngefüge. Es gibt bei uns im Verein beim SV Eintracht Frankenhain eine Familie, die haben zwei Kinder am Sportgymnasium. Allein für die Internatsgebühren geht die Mutter arbeiten. Es gab zu DDR-Zeiten eine andere Förderung. Wir waren drei Kinder, alle waren an der Sportschule. Mit der Unterstützung von heute hätten sich das meine Eltern nie leisten können.

Weltcup-Tipps

Katrin Apel: Ich glaube, Martin Fourcade hat noch eine Rechnung mit Johannes Tingnes Bö offen. In Oberhof hat er ja schon das eine oder andere Mal gewonnen. Warum auch nicht in diesem Jahr?

Silvio Eschrich: Ich will mich nicht festlegen, wer die Favoriten bei den Frauen sind. Ich wünsche mir, dass in jedem Rennen eine deutsche Athletin möglichst nah ans Podest heran läuft, weil das für die Stimmung des Weltcups schön ist.

Mehr zum Thema

  • Bis zu 12 Zentimeter Neuschnee: So sieht es derzeit im Thüringer Wald aus

Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.