Ehemaliger Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich: „Bei Unehrlichkeit ist Schluss“

Oslo  Biathlon  Frank Ullrich im Interview über sein Verhältnis zum Ski-Verband, das Abschneiden der Biathleten und die Oberhofer WM-Bewerbung.

Frank Ullrich (58) Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Frank Ullrich (58) Foto: Hendrik Schmidt/dpa

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Vor knapp einem Jahr, am 15. März 2015, trat Frank Ullrich nach Problemen mit dem Deutschen Skiverband als Bundestrainer der Langläufer zurück. Seitdem ist es ruhig geworden um den Mann, der von 1998 bis 2010 die Geschicke der Biathlon-Männer geleitet hatte. Unsere Zeitung traf den 58-jährigen Thüringer am Rande der WM in Oslo zum Gespräch.

Herr Ullrich, was verschlägt Sie an den Holmenkollen?

Ich bin ja immer noch Mitglied der Technischen Kommission im Weltverband geblieben; und dort unter anderem verantwortlich für alles, was sich um das Material dreht. In dieser Funktion bin ich Ende Februar nach Trondheim zu den norwegischen Nachwuchsmeisterschaften gefahren und habe ein neues Schießscheibensystem inspiziert. Alles digitalisiert, echt klasse. Dem gehört perspektivisch die Zukunft.

Kein neuer Trainerjob in Sicht?

Nein, ich bin WM-Tourist, schaue mir die Rennen an, freue mich mit den Athleten, gehe Skilaufen, wenn ich Lust habe. Mir geht es gut.

Kribbelt es gar nicht mehr?

Es gibt immer mal lose Anfragen. Doch ich habe mit dem Trainer-Leben abgeschlossen; genieße die Zeit, die ich jetzt für meine Familie habe. Meine Enkelin freut sich, wenn der Opa mal mit ihr Ski läuft, aufs Trampolin oder zum Schwimmen geht. Ich war fast 50 Jahre in der Mühle des Leistungssports – mit KJS, aktiver Sportlerzeit, Trainerausbildung und allem –, bin immer im Tunnel gelaufen. Da muss es irgendwann auch mal gut sein.

Können Sie sich mit 58 schon aufs Altenteil setzen?

Den Gürtel muss ich schon enger schnallen… (lacht). Aber meine Frau arbeitet ja noch, bringt das Geld nach Hause. Und ich kriege einen Teil meiner Bundeswehr-Pension. Wir kommen klar.

Wären Sie noch Langlauf-Bundestrainer, wenn es vor ei-nem Jahr nicht so gekracht hätte?

Das weiß ich nicht. Fakt ist: Das Tischtuch ist zerschnitten. Für mich gibt es kein Zurück mehr zum Deutschen Ski-Verband.

Fühlten Sie sich vom damaligen Generalsekretär Thomas Pfüller zu Unrecht kritisiert?

Es ging nicht um die Kritik an sich, die gehört dazu. Wenn man mir die Dinge ins Gesicht gesagt hätte, wäre das kein Problem gewesen. Wenn jedoch Unehrlichkeit, Selbstherrlichkeit und Arroganz ins Spiel kommen; respektlos miteinander umgegangen wird; hinter meinem Rücken Dinge passieren, die gar nicht gehen, und sich aus der Verantwortung gestohlen wird, dann ist bei mir Schluss. Übrigens war das hier in Oslo, als ich meine Entscheidung getroffen habe.

Bereuen Sie es im Nachhinein, dass Sie sich 2012 überreden ließen, vom Biathlon- ins Langlauf-Lager zu wechseln?

Was die Sportler betrifft, nicht. Ich wollte sie nicht im Stich lassen. Enttäuscht bin ich von den Leuten, die mich gebeten haben zu helfen.

Ihr langjähriger Weggefährte Pfüller?

Es gibt noch andere Personen im Ski-Verband, mit denen ich nichts mehr zu tun haben will.

Sie fiebern bei der Weltmeisterschaft mit wie zu aktiven Zeiten. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus deutscher Sicht aus?

Die Mixedstaffel mit Silber war ein guter Einstieg. Und Laura Dahlmeier ist natürlich ein echter Glücksfall; ein großes Talent, das konsequent sein Ziel verfolgt. So, wie sie in ihrer Freizeit einen Berg erklimmen will, bestreitet sie ein Biathlon-Rennen – immer den Gipfel im Blick. Bei den Männern hoffe ich auf ein stabileres Schießen, was gerade im Einzel wichtig ist. Vielleicht kann Simon Schempp den Ärger über seinen Sturz und die Platzierungen in eine Trotzreaktion umwandeln. Drauf hat er es auf jeden Fall, Martin Fourcade Paroli zu bieten.

Was sagen Sie zu dem überragenden Franzosen, der bislang alles Gold abräumte?

Das ist ein frecher Hund, der zu seinen herausragenden Fähigkeiten noch die nötige Abgebrühtheit in den entscheidenden Situationen besitzt. Und er fährt auch mal die Ellenbogen aus, wenn es eng wird. Da sind mir unsere Jungs vielleicht noch ein bisschen zu brav.

Im Januar fiel der Weltcup in Oberhof aus. Wie schwer hat Sie die Absage getroffen?

Mir hat es unheimlich leidgetan. Es kostet unglaublich viel Kraft, diesen Ausfall wieder aufzufangen. International wittern einige Orte jetzt ihre Chance; allen voran Russland, die mit der modernen Anlage in Tjumen vehement in den Weltcup drängen. Oberhof muss aus den Fehlern lernen, die man im Vorfeld gemacht hatte. Ansonsten ist man ganz schnell draußen.

Nach dem Rücktritt von Christopher Gellert wird immer noch ein Organisationschef gesucht. Wäre das nichts für Sie?

Nein. Dann würde ich mich zu Hause unglaubwürdig machen. Ich habe zu oft geholfen und es nicht gedankt gekriegt. Ich muss mich nicht mehr beweisen. Und außerdem fehlt mir in Oberhof leider das Miteinander.

Wie meinen Sie das?

Da wurden in den letzten Jahren verschiedene Königreiche aufgebaut, die jetzt verteidigt werden. Ich höre immer nur schlaue Sprüche, doch es tut sich nichts.

Keine guten Vorzeichen für die Bewerbung um eine Biathlon-WM 2020 oder 2021?

Ohne glaubwürdiges Konzept hat Oberhof auf dem IBU-Kongress im September keine Chance. Da muss man sich nichts vormachen. Und selbst bei einer Niederlage kommt es immer darauf an, wie diese ausfällt – ob man mit wehenden Fahnen un-tergeht oder nur knapp verliert.

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