Trotz guter Wirtschaft bleiben Firmengründungen in Thüringen aus

Erfurt  In Thüringen werden immer weniger Gewerbe angemeldet. Bevorzugt werden dagegen sichere Angestelltenverhältnisse. Auch die Bürokratie und der demografische Wandel sprechen dagegen.

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Es ist noch nicht lange her, da handelte es sich bei Firmengründungen in Thüringen häufig um „Notgründungen“ mit allerlei Fördermaßnahmen, um die Menschen aus der Arbeitslosigkeit herauszuholen.

Das sei heute anders – zum Glück, findet Steffen Schulze, Abteilungsleiter für den Bereich Existenzgründung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Erfurt. Die Volkswirtschaftliche Situation habe sich merklich verbessert, die Arbeitslosigkeit sei gesunken, und es sei leichter, eine Festanstellung zu finden. Diese Entwicklung ist jedoch einer der Gründe, warum in Thüringen immer weniger Firmen gegründet werden.

Im Freistaat gab es von Januar bis Mai 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum sowohl weniger Gewerbeanmeldungen als auch weniger Gewerbeabmeldungen. Die Anzahl der Anmeldungen verringerte sich nach Angaben des Thüringer Landesamtes für Statistik um 345 (6 Prozent) auf 5 415 Anzeigen, die der Gewerbeabmeldungen um 192 (3 Prozent) auf 6 225 Anzeigen. Auf 100 Anmeldungen kamen 115 Abmeldungen. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 111 Abmeldungen.

Knapp vier Fünftel aller Gewerbeanmeldungen entfielen auf gewerbliche Neugründungen. Den größten Anteil an den Neugründungen mit 71,8 Prozent machten die Kleinunternehmen und Nebenerwerbsbetriebe aus. Die restlichen 28,2 Prozent waren sogenannte Betriebsgründungen mit größerer wirtschaftlicher Substanz, wie Kapitalgesellschaften, Personengesellschaften und Betriebe mit Beschäftigten.

Gründe für die Firmengründungsmüdigkeit in Thüringen gibt es nach Einschätzung der IHK mehrere. Hauptgeschäftsführer Gerald Grusser betont die „sichere Einkommens­perspektiven im Anstellungsverhältnis für qualifizierte Arbeitnehmer“. Zudem seien das finanzielle Risiko einer Selbstständigkeit, zu hohe Verantwortung oder die familiäre Belastung wichtige Faktoren, die viele potenzielle Gründer abschreckten. „Darüber hinaus erschweren derzeitig immer noch immense bürokratische Hürden den Weg in die eigene berufliche Zukunft“, sagt Grusser.

Steffen Schulze vom Bereich Existenzgründung erinnert auch an den demografischen Wandel und daran, dass ältere Menschen meist nicht das Risiko eingingen, noch eine Firma zu gründen. Nicht zuletzt sei das Bild des Machers und Unternehmers in der deutschen Öffentlichkeit im Vergleich zu anderen Ländern noch immer verbesserungsbedürftig.

Das Wirtschaftsministerium hatte gerade angekündigt, Existenzgründungen mit neuen Programmen unterstützen zu wollen. So sollen Mikrokredite über bis zu 10 000 Euro über die Aufbaubank vergeben werden. Zudem gibt es seit Anfang des Monats eine Thüringer Gründerprämie. Arbeitnehmer sollen durch die Förderung Zeit bekommen, um die Umsetzung einer innovativen Unternehmensidee vorzubereiten.

Maximal für ein Jahr können angehende Unternehmensgründer bis zu 3000 Euro monatlich erhalten. Um größere oder schon gegründete Unternehmen zu unterstützen, will der Freistaat einen zweistelligen Millionenbetrag zur Verfügung stellen. Damit sollen zwei neue Beteiligungsfonds aufgelegt werden: ein Start-Up-Fonds, der über ein Kapital von 18,75 Millionen Euro verfügen soll, und einen Wachstums-Beteiligungs-Fonds mit einer Kapitalausstattung von 37,5 Millionen Euro.

Mit den Förderangeboten soll erreicht werden, dass die Gewerbeanmeldungen nicht weiter zurückgehen. „Seit der Wiedervereinigung wurden fast neun von zehn Thüringer Betrieben neu gegründet“, sagte ein Ministeriumssprecher. Anfang der 1990er Jahre habe es mehr als 50 000 Gewerbeanmeldungen pro Jahr gegeben. Inzwischen sei der Gründerboom abgeebbt und Normalität eingekehrt. Trotzdem liege aufgrund des Gründerbooms der Nachwendezeit die Selbstständigenquote im Freistaat inzwischen fast auf dem Bundesdurchschnitt. Im Jahr 1991 seien nur 4,3 Prozent der erwerbstätigen Thüringer selbstständig gewesen. Mittlerweile betrage dieser Wert fast zehn Prozent.

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