Fachlehrer befürchten Qualitätsverlust durch neue Lehrpläne

Erfurt. Thüringen braucht Ingenieure und Forscher, doch etwa der Biologie-Unterricht soll am Gymnasium auf die Hälfte gekürzt werden. Fachlehrer befürchten dadurch einen Qualitätsverlust des naturwissenschaftlichen Unterrichts.

Das Friedrich-Hardenberg-Gymnasium in Greußen beim Tag der offenen Tür. Naturwissenschaftlicher Unterricht in Thüringen hat noch einen guten Ruf. Foto: Jörg Riesmeyer

Das Friedrich-Hardenberg-Gymnasium in Greußen beim Tag der offenen Tür. Naturwissenschaftlicher Unterricht in Thüringen hat noch einen guten Ruf. Foto: Jörg Riesmeyer

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Können Sie erklären, wie durch die Wirkung von Colchicin Polyploidie entstehen kann, und warum sie in der Pflanzenzüchtung häufig angewendet wird?

Nein? Thüringer Gymnasiasten schon. Zumindest ist davon auszugehen. Die Aufgabe ge-hörte im Jahr 2005 zur schriftlichen Abiturprüfung im Grundkurs Biologie. Die naturwissenschaftliche Ausbildung an Thüringer Gymnasien hat einen guten Ruf. Die Abituraufgaben gelten als anspruchsvoll, in nationalen Vergleichstests schneiden die Schüler gut ab. Doch dieser zukunftsweisende Umstand könnte mit der Umgestaltung der Lehrpläne und der Stundentafeln an den Gymnasien bald der Vergangenheit angehören.

"Marginalisierung der Naturwissenschaften". So nennt es Wolfgang Beese, Fachleiter für Biologie am Staatlichen Studienseminar für Lehrerausbildung in Erfurt. Beliebigkeit statt systematischer Wissensvermittlung. Besonders hart trifft es die Biologie. Waren es bisher zwei Wochenstunden in den Klassenstufen 5 bis 10, also 12 Stunden insgesamt, sind es dann nur noch sechs Sunden.

Ein Prozess, der aus seiner Sicht bereits begann, als in den 5. und 6. Klassen die Biologie vom Fach "Mensch, Natur, Technik (MNT)" abgelöst wurde. Jetzt sollen in einem weiteren Schritt in den Klassenstufen 9 und 10 zu den Regelstunden Wahlpflichtbereiche eingeführt werden. Sechs insgesamt, eines davon heißt "Naturwissenschaft und Technik". Drei Wochenstunden sind dafür vorgesehen.

Schülern, die ihr Wissen aus den Regelstunden in Biologie, Physik oder Chemie vertiefen wollen, "bleibt dann nur "Na- turwissenschaft und Technik". Auch wenn der Unterricht dann nicht fachspezifisch sein wird. Denn das ist der Impuls: die Schüler sollen lernen, fächerübergreifend zu denken.

Fächerübergreifendes Denken ist der Impuls

Doch genau das ist wohl auch das Problem. 26 mögliche Inhaltsmodule werden im Lehrplan beschrieben, mindestens acht davon "muss "jedes Gym- nasium anbieten. Einige Bei-spiele: "Arzneimittel", "Ökonomisch und ökologisch Verpacken", "Ökosysteme" oder "Verhalten und Sicherheitstechnik im Straßenverkehr".

Wolfgang Beese spricht von einer nicht zu verantwortenden Beliebigkeit, zu der naturwissenschaftlicher Unterricht degradiert wird. Zum einen, weil der Unterricht davon abhängen wird, welcher Fachlehrer unterrichtet. Ein Physiklehrer wird andere Prioritäten setzen, als ein Biologielehrer. Mit anderen Inhalten, mit anderer Didaktik. Nicht zuletzt, weil jede Schule selber entscheidet, welche Module angeboten werden.

Von einem verbindlichen Wissenskanon könne keine Rede mehr sein. Von einem Ersatz für systematische Wissensvermittlung schon gar nicht.Dabei, so der Biologe, ist genau dies eine Voraussetzung, um fächerübergreifende Zusammenhänge überhaupt erkennen zu können.

Ein Argument, dem Uwe Hoßfeld zustimmt. Der Professor leitet die Arbeitsgruppe Biologie-didaktik an der Biologisch-Pharmazeutischen Fakultät der Universität Jena. Der einzigen Bildungsstätte im Freistaat, die Biologielehrer für Schulen ausbildet. Ein fächerübergreifendes Lehren, so der Wissenschaftler, sei zweifellos ein richtiger Ansatz. Wirklich sinnvoll werde das jedoch erst im Studium. Auf Schulebene müsse fachspezifische Systematik Vorrang haben.

Examensarbeiten seiner Studenten zu diesem Thema bescheinigen den Ergebnissen des Fachs MNT in dieser Hinsicht jedenfalls keine guten Ergebnisse. Prof. Hoßfelds Befürchtung für das Fach "Naturwissenschaft und Technik": Weniger Wissen, dass aber souveräner präsentiert werden kann. "Da bekomme ich Bauchschmerzen".

Die bekommt Heike Schimke vor allem, wenn sie an die Realitäten im Schulbetrieb denkt. Sie unterrichtet Biologie und Sport und ist außerdem Vorsitzende des Thüringer Philologenverbandes, der die Gymnasiallehrer des Freistaates vertritt.Zwar sollen die sechs Wahlpflichtbereiche erst ab 2015 verbindlich sein, doch bereits ab dem kommenden Schuljahr soll jedes Gymnasium wenigstens drei davon anbieten. "Naturwissenschaft und Technik" wird wohl notgedrungen dabei sein.

Doch Fachlehrer, so ihre Einschätzung, werden ohne Weiterbildung viele Module kaum mit der nötigen Fachkompetenz un-terrichten können. Diese habe zwar begonnen, doch ausreichen werde sie bis Beginn des neuen Schuljahres nicht.Für sie ist gegen das fächerübergreifende "Naturwissenschaft und Technik" grundsätzlich nichts einzuwenden, doch bitte mit mehr Vorbereitung und nicht mit dieser Stundenmenge.

Auch aus ihrer Sicht geht das auf Kosten der Systematik in den Naturwissenschaften. Wo sollen denn, fragt sie, die Ingenieure und die Naturwissenschaftler herkommen, die so dringend gebraucht werden?In anderen Bundesländern, zum Beispiel in NRW, gibt sie zu bedenken, sei diese Form naturwissenschaftlichen Unterrichts wieder abgeschafft worden.

Dass in Thüringen so beharrlich daran festgehalten werde, so Wolfgang Beese, habe ja zumindest einen Vorteil: Damit lasse sich der Lehrermangel besser verwalten. Wenn es nicht ausreichend Physiklehrer gibt, übernimmt eben der Chemiker. Oder umgekehrt.Wer da eine Spur Zynismus heraushört, liegt wohl nicht ganz falsch.

Vortrag kurzerhand aus der Tagung gestrichen

Im federführenden Thüringer Kultusministerium mag man all diese und andere Bedenken nicht teilen. Personal sei grundsätzlich ausreichend vorhanden, die Vorbereitungen seien auf einem guten Stand. "Im Üb- rigen würden keine neu zu studierenden Fächer angeboten. In erster Linie solche, in denen bereits langjährige Unterrichtserfahrung vorhanden sei.

Das Wahlpflichtfach, heißt es von dort, ersetze ja nicht die grundlegenden Fächer wie Mathematik, Deutsch und Naturwissenschaften. Es leiste einen Beitrag zur individuellen Förderung und unterstütze die Berufsorientierung, zudem ziele es auf fächerverbindendes- und integrierendes Arbeiten.Gegen ein solches Anliegen ist nichts einzuwenden. Es ist wichtig, es geht um viel. Bedarf, den besten Weg dorthin zu diskutieren, besteht offenbar.

Wolfgang Beese hätte das gern getan. In dieser Woche veranstaltet das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien die "Tage des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts". Der Vortrag, den er dort zum Thema des Wahlpflichtfachs "Naturwissenschaft und Technik" halten sollte, wurde kurzerhand aus dem Programm gestrichen. Ein fächerübergreifender Diskurs sieht so wohl nicht aus.

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