Hohe Ansprüche, wenig Geld: Thüringer Studenten haben klare Lebenswünsche

Das Thüringer Studentenwerk sieht sich vor wachsenden Herausforderungen: Das Studium wird schneller, verschulter, internationaler. Das Studentenwerk versucht Schritt zu halten, mit neuem Wohnraum, Beratungsangeboten und Kinderbetreuung.

Die Studentinnen Lea und Marika speisen fast täglich in Weimars Mensa am Park. Das spart Zeit und macht Spaß: Hier trifft man Freunde und tauscht sich aus. Foto: Peter Michaelis

Die Studentinnen Lea und Marika speisen fast täglich in Weimars Mensa am Park. Das spart Zeit und macht Spaß: Hier trifft man Freunde und tauscht sich aus. Foto: Peter Michaelis

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Weimar. Die Schlange an der Essensausgabe von Weimars Mensa am Park ist lang, das Angebot groß. Auf dem Speiseplan: Spieß mit Geflügelfleisch, vegane Bolognese, Milchreis mit Bio-Apfelmus und Soja-Stroganoff. Vor fünf Jahren hätte ein schlankerer Speiseplan genügt. Doch die Nachfrage nach vegetarischem und veganem Essen ist drastisch gestiegen, weiß Elke Voß, Pressesprecherin des Studentenwerks Thüringen, dem Betreiber der Mensa.

Auch jenseits der Küche sieht sich das Thüringer Studentenwerk vor wachsenden Herausforderungen: Das Studium wird schneller, verschulter, internationaler. Das Studentenwerk versucht Schritt zu halten, mit neuem Wohnraum, Beratungsangeboten und Kinderbetreuung.

Marika, 28, speist fast jeden Tag in der Mensa am Park. Die Küche in ihrer Wohnanlage im Merketal sei "zu unappetitlich", die Herde seien verdreckt. Außerdem liegt das Wohnheim außerhalb, dort zu kochen würde zu viel Zeit kosten. Es muss schnell gehen, denn in den verschulten Studiengängen bleibt nicht mehr viel Zeit zum Mittagessen. Keine Frage: Die Mensa ist ein fester Teil des Studentenalltags, ebenso das Semesterticket, mit dem Studenten kostenlos den Nahverkehr in ganz Thüringen nutzen können.

Beratung bei Stress und finanzieller Not

Andere Angebote hingegen sind vielen Studenten unbekannt. "Ich wusste gar nicht, dass man Zuschüsse zu Impfkosten beantragen kann", staunt Lea, 25. "Das hätte ich für meine Urlaubsreise nach Vietnam gut gebrauchen können."

Vom Studentenwerk hat sie sich für die Reise immerhin einen Internationalen Studentenausweis ausstellen lassen. "Das geht zwar auch online, aber ich war froh, das in Weimar vor Ort mit den Mitarbeitern persönlich regeln zu können." Und das Studentenwerk bietet noch mehr: Es gibt Tipps zur Finanzierung des Studiums und berät in Rechts- und Versicherungsfragen. Bei persönlichen Problemen haben die Mitarbeiter der Psychosozialberatung ein offenes Ohr und auch mal ein Taschentuch. Kreative Studenten können Fördermittel für Kulturprojekte beantragen. Für Studenten mit Kindern stehen 533 Kitaplätze in acht Kitas zur Verfügung, wo der Nachwuchs betreut wird, während die Eltern im Hörsaal oder der Bibliothek sitzen. Wartezeiten gibt es keine, jedes Kind kann aufgenommen werden. Zudem bietet das Studentenwerk seinen Studenten ein Dach über dem Kopf, in 64 Wohnanlagen und etwa 7400 Zimmern. Und hier bröckelt das Bild des "Rundum-Sorglos-Pakets", denn "Wohnen" ist ein Reizthema, sowohl bei Studierenden als auch bei den Vertretern des Studentenwerks.

In Schmalkalden kann das Studentenwerk jedem Studenten eine Unterkunft anbieten. In Jena hingegen sind die Wohnanlagen schnell voll, obwohl erst 2012 zwei neue Gebäude entstanden sind, in der Clara-Zetkin-Straße und Moritz-Seebeck-Straße. Und selbst wer ein Zimmer ergattert, wird oft enttäuscht. "Als ich mein Wohnheimzimmer zum ersten Mal gesehen habe, war ich am Boden zerstört", erzählt Marika, die in der Wohnanlage im Merketal lebt, der günstigsten in Weimar. Für ihr Zimmer zahlt sie 118 Euro, inklusive Internet. "Es war trostlos, heruntergekommen und roch komisch - ich hab‘ mich einfach nicht wohl gefühlt." Zum Glück lernte sie schnell nette Mitbewohner kennen und mit der Zeit fühlten sich die zehn Quadratmeter doch ein bisschen nach Zuhause an.

Marikas Unterkunft ist keine Ausnahme: Die meisten Gebäude müssten dringend saniert werden, dafür fehlt jedoch das Geld. Sichtbares Beispiel ist das Studentenwohnheim am Jakobsplan in Weimar, das mit seiner schmutzig-weißen Funktionalität alles ist, nur nicht einladend. "Schön ist anders", meint Florian, 23, der seit zwei Jahren im "Langen Jakob" lebt. Er wollte unbedingt stadtnah wohnen, und das tut er jetzt. "Aber gemütlich ist es nicht."

Guter Wohnraum ist schwer zu finden

Elke Voß spricht von einem Investitionsstau von insgesamt 60 Millionen Euro. Soviel Geld wäre nötig, um alle Mensen und Wohnanlagen in Thüringen zu sanieren. Die Studierenden sprechen von Wohnungsnot. Davon will Elke Voß jedoch nichts wissen: "In Thüringen gibt es keine Wohnungsnot. Die Situation ist in vielen deutschen Hochschulstädten gravierend, das wird regelmäßig auch auf Thüringen projiziert."

So habe das Studentenwerk in Erfurt gerade neuen Wohnraum geschaffen, im Max-Kade-Haus. Es fehle aber an "Wunschwohnungen". Denn die Studenten hätten klare Vorstellungen. "Die meisten wünschen sich preiswerte Einzelappartements in Hochschulnähe", fasst Voß die vielen Anfragen zusammen, die sie täglich erreichen. Appartements sind jedoch rar, gerade in den kleineren Orten. Hier kann auch das Studentenwerk nur partiell helfen. "Die Vollversorgung ist nicht die Aufgabe des Studentenwerks", betont Voß. Das Ziel sei aber, jedem Bewerber bis August eine Unterkunft anzubieten - egal ob in einem Haus des Studentenwerks oder auf dem privaten Markt.

Bei Lea hat es geklappt. Sie hatte sich erst spät beworben, dann aber noch rechtzeitig zum Semesterbeginn einen Platz in der Wohnanlage in der Leibniz­allee bekommen, der teuersten Anlage in Weimar. Auf die Zusage hat sie vier Monate warten müssen, aber es hat sich gelohnt. "Mein erster Eindruck meines Zimmers war: hell, groß, freundlich." Sie zahlt 190 Euro für zwölf Quadratmeter. Auch hier gibt es Sanierungsbedarf: "Unser Herd müsste mal repariert werden und die Dusche richtig entschimmelt", meint Lea. Grundsätzlich habe sie es aber sehr gut getroffen. Ihr gefällt auch die Einteilung des Wohnheims in Wohngemeinschaften, das sei nicht so anonym.

Auf den Schwarzen Brettern der Unis tobt derweil der Konkurrenzkampf um WG-Zimmer und günstige Wohnungen. Timm, 30, suchte im September einen Nachmieter für seine Wohnung mit Einbauküche in der Kaufstraße in Weimar. Innerhalb weniger Stunden hatte er mehr als 60 E-Mails. Die Chance, doch noch die Wunschwohnung zu finden, sei im Sommersemester wesentlich höher als im Wintersemester, denn da würden weniger Studenten aufgenommen, rät Elke Voß allen Studenten, die unglücklich mit den neuen vier Wänden sind. Auch blieben viele der ausländischen Studierenden nur für ein Semester, meist im Winter. Da diese stärker als ihre deutschen Kommilitonen auf Unterbringung durch das Studentenwerk angewiesen seien, würden sie bei der Zimmervergabe bevorzugt behandelt. Wer im Winter bereits einen Antrag auf Umzug stelle, habe ab dem Sommersemester gute Chancen auf ein neues Zimmer. Das Wichtigste sei, so Elke Voß, frühzeitig zu suchen und sich genau über die Viertel zu informieren. Oft sieht die Situation nämlich zwei Straßen weiter schon viel besser aus. Von den Unis wünscht sie sich, dass diese mehr Bewerber im Sommersemester zuließen, auch internationale Studenten.

Internetzugang als Voraussetzung

Und noch eine Entwicklung hält das Studentenwerk in Atem: das Internet. In den Wohnanlagen und Mensen ist Internetanschluss eine Grundvoraussetzung geworden. Informationen werden beinahe ausschließlich online abgefragt. Seit 2010 ist das Studentenwerk bei Facebook. Dort versorgt es die Nutzer täglich mit den neuesten Speiseplänen, Nachrichten und vor den Prüfungen auch mal mit aufmunternden Worten. Die Internetpräsenz muss tagesaktuell sein. Denn egal ob Vegetarier, Veganer oder Fleischfreund - die meisten Studenten rufen den Speiseplan auf ihrem Smartphone ab. Aber eben nicht alle: Marika hat kein Smartphone. Und Lea lässt sich "lieber überraschen".

Zur Sache: Zahlen und Fakten

50.000 Studenten gibt es an den Thüringer Hochschulen. Sie alle betreut das Studentenwerk (STW) - in Erfurt, Eisenach, Ilmenau, Jena, Nordhausen, Schmalkalden und Weimar. 15.000 Mahlzeiten werden täglich für sie gekocht, 1100 davon in Weimars Mensa am Park.

Das Studentenwerk finanziert sich über eigene Erträge (in Mensen und Cafeterien, über Vermietung), über die Semesterbeiträge der Studierenden und über Landesmittel. Es beschäftigt etwa 600 Mitarbeiter und bietet auch Ausbildungsplätze an.

Deutschlandweit arbeiten 58 regionale Studentenwerke, zusammengefasst unter dem Dachverband Deutsches Studentenwerk (DSW).

Mehr Infos gibt es unter: 03641 930 500.

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